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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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noch ein rveiteres ergibt sich als unsere Aufgabe. Wir werden uns bemühen müssen, dahin zu wirken, daß die Zahl der Preußischen Abgeordneten jüdischen Glaubens nicht kleiner werde. Bisher gehörten dem Hause der Abgeordneten acht Mitglieder jüdischen Bekenntnisses an. Schon hören wir aus Königsberg, daß sich dort Bestrebungen geltend gemacht haben, den trotz, der kurzen Zeit seiner Zugehörigkeit bewährten Abgeordneten Justizrat Lichtenstein durch eine nichtjüdische Kandidatur zu ersetzen. Freilich gehen diese Bestrebungen, wie wir aus einem Versammlungsbericht ersehen, von einer kleinen Clique aus. Es ist also geböten, daß unsere berufenen Stellen den Dingen ein wenig aufmerksam nachgehen. Gerade der Umstand, daß im Abgeordnetenhaus eine ganze Reihe von linnerjüdischen Materien ihre Kompetenz haben, läßt es dringend wünschenswert erscheinen, daß dort auch wirkich sachverständige, in diesen Dingen erfahrene und versierte Glaubensgenossen das Wort ergreifen können. Man sieht aus diesen Ausführungen, daß der Antisemitismus in Deutschland, den man so oft totgesagt, hat, noch lange nicht erstorben ist. Zwei Zeugnisse sprechen für fein krampfhaftes Weiterleben. Das „Berl. Tagebl." schreibt: Herr Theodor Fritsch schwingt seinen Papier-„Hammer" dräuend. In seinem „Hammer" von: 1. März ist unter anderem zu lesen: „Wenn wir den Dingen heute ungestört ihren Lauf lassen, so werden in wenigen Jahrzehnten die Hebräer die absolute Oberherrschaft auch in Deutschland innehabeu. Heute schon rühmen sie sich,- die Verwalter der deutschen Geistesgüter zu sein (siehe Dr. Moritz Göldstein im „Kunstwart"): daß sie auch die Verwalter des deutschen Kapitals sind, ist bekannt genug. Die maßgebenden Stellen in Justiz und Verwaltung gehen ebenfalls mehr und inehr in ihre Hände über; bei Hofe sind sie Liebkind und umgeben den Kaiser in -so festgeschlossenem Ring, daß der alte Adel oder sonst noch jemand aus dem Volke kaum noch Gehör bei der Krone findet. Noch einige Jahrzehnte so. weiter, und der künftige deutsche Kaiser wird eine Jüdin heiraten und zum Judentum übertreten; das deutsche Volk wird sich beschneiden lassen und in die Synagoge , gehen." Den Agrarkvnservativen fällt der „Hammer"-Mann anscheinend auf die Nerven, und die „Deutsche Tageszeitung" versuchte in letzter Zeit den ungebärdigen Protege beiseite zu schieben. Aber wer nur erst wieder die letzte Zirkus-Busch-Versammluug der Bündler sah, konnte beobachten, daß zum Beispiel der Freiherr v. Wangenheim den „Geist" Theodor Fritschs sehr gut aus dem völkischen ins rein Agrarische zu übersetzen versteht. * . Die „Bresl. Zeitg." bringt nachstehenden Artikel: Mt welcher Dreistigkeit sich der Radau-Antisemitismus in der konservativen Partei breit macht, das ist allbekannt. Deshalb wundert man sich auch gar nicht, wenn man in dem Konservativen Kalender für 1913, heraus'gegeben vom Hauptverein der deutsch-konservativen Partei, also einer offiziellen Publikation, folgende Pöbeleicn findet: . „Im Hause duldet der konservative Mann keine liberalen Blätter. In diesen inacht sich der jüdische Geist breit. Den Zeitungsjuden und -Judengenvssen ist nichts heilig. Das witzelt und spöttelt an allem herum. Das gießt das Scheidewasser seines Hohnes über alles, was uns lieb und wert ist. Gegen alles schreiben diese Wichte! Gegen Gott und Vaterland, gegen Kaiser und Reich, gegen Junker und Pfaffen, aber nie gegen die Juden. Die Juden werden verherrlicht in p'lumpester Weise. Wenn man in diesen Blättern die Inserate, die Anzeigen gewisser Heilkundiger usw. sieht, dann hat man. das Gefühl: Herr, erlaube mir, unter die Säue zu fahren Die Hauptsache für die judoliberale Presse ist, daß sie tüchtig -verdient. Geld machen ist ihre Losung. Solche Blätter, die aus Lumpen gemacht sind lind oft von Lumpen geschrieben werden, möchten unsere deutschen Brüder zu Gesinnungslumpen machen, die Gott, Kaiser, und Vaterland verraten und verlassen. Sage mir keiner, diese Zeitungen enthalten auch viel Interessantes, viel Belehrendes usw- Ein jeder Konservativer muß seine Presse unterstützen. Das Zeitungsgeld muß 148 .sozusagen im Laude,'ich meine, in der Partei, bleiben. Dann steht unsere Presse groß da.' Dann, kann sie noch mehr als bisher unterhalten, belehren und selbst verwöhnte Ansprüche befriedigen. .Das judvliberalc Gift muß aus dem Hause! Bor diesem Gift müssen wir Frauen, und Kinder bewahren!" Mau muß sich zu allem Ueberfluß bei diesen Schmutzereien noch unwillkürlich daran erinnern, daß die größten Lumpen, die jemals . die Journalistik Deutschlands besudelt haben, in der Redaktion desjeniaen Blattes gesessen haben, das an der Stirn als Wappen das Kreuz führt und das leitende Organ der Partei ist, von der diese Gemeinheiten ausgehen. Hat man dort die Geschichte der „Kreuzztg." von den Ohm und Gödsche bis zu dem Zuchthäusler Freiherrn v. Hammerstein so ganz und gar vergessen? * Ueber die Juden v v n Silistria meldet das „Berl. Tagebl.": .Der rumänische Gesandte in London Mischu sandte dem „Jewish Chronicle" einen Brief, in dem er in bezug auf die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden, die in den etwa an Rumänien fallenden Landstrichen wohnen, Zusicherungen gibt. Alle Bewohner dieser Gegenden, ob jüdischer oder anderer Nationalität, würden alle bürgerlichen und politischen Rechte genießen, die sie jetzt als Bürger eines anderen Staates haben. Besonders die Juden von Silistria und andersivoher, die etwa an Rumänien fielen, würden weiter die Rechte genießen, die sie jetzt als bulgarische Bürger haben. Der Gesandte fügt hinzu, daß die Juden von Konstanza gegen die von dem bulgarischen Oberrabbiner Ehrenpreis ausgesprochene Befürchtung protestierten, als würden die von Rumänien annektierten Juden nicht die vollen Rechte rumänischer Bürger genießen. Man mag bei dieser Gelegenheit daran erinnern, daß vor einiger Zeit ein Vertreterausschuß englischer Juden und der englisch-jüdischen Vereinigung bei Sir Edward Grey dahin vorstellig wurden, die rumänische Negierung möge zu einer derartigen Erklärung veranlaßt werden. Ber der Gelegenheit mag darauf hingewiesen werden, daß der warme Appell Luigi Luzzattis an die europäische Diplomatie zür Wahrung d e r R e l i g i dussr ei heit auch in solchen Zeitungen abgedruckt und mit freundlichen Bemerkungen begleitet wird, die öon den Gegnern nicht als Judenblätter denunziert werden können, zum Beispiel den „Basler Nachrichten". * Die „Deutsche Tageszeitung" hatte die Nachricht verbreitet, daß die Zionisten für „eine Abtretung P a l ä st i n a s an die Zionisten" agitierten. Dagegen wehrt,sich das . zionistische Zentralkomitee mit folgender Zuschrift: Wir bitten Sie, unserer Feststellung Raum 31t geben, daß au der Meldung, ein französisches Konsortium verhandle mit der jungtürkischen Negierung über eine Abtretung Palästinas an die Zionisten, kein wahres Wort ist. Die politischen Ziele des Zionismus gipfeln nicht in einer Loslösung von der Türkei, vielmehr wünschen die Zionisten nichts anderes, als in dieser türkischen Provinz, die gegenwärtig schwach bevölkert und wirtschaftlich vernachlässigt ist, eine Heimstätte für das jüdische Volk zu schassen. Die zionistische Organisation ist gleichzeitig bestrebt, in allen Ländern die Sympathien der Negierungen und Völker zu gewinnen, damit die Realisierung des zionistischen Programms nicht durch Unkenntnis und das damit verbundene Mißtrauen gehemmt wird. Wir legen großen Wert darauf, das Wohlwollen der gerecht denkenden Männer und Frauen aller Kreise in allen Ländern zu erringen, und betonen daher nachdrücklich, daß der Zionismus keiner Macht und keiner Interessengruppe dienstbar ist, sondern ausschließlich danach strebt, zum Nutzen des Landes Palästina dem jüdischen Volke eine Heimstätte 311 schaffen. Die Behauptung, daß die Zionisten seitens der französischen Regierung eine besondere Förderung erhalten, ist unrichtig. Das Wohlwollen der französischen Negierung wäre uns gewiß ebenso wertvoll, wie das jeder anderen Regierung; es ist aber, wie bereits gesagt, völlig falsch, den Zionismus mit den Interessen irgendeiner fremden Macht identifizieren zu wollen^

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