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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-28 · Heft 13 (28.3.1913) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 13 (28.3.1913)
Date
1913-03-28
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 sehr brauchbaren Arbeiten von Duschak und Lichtschein die vorzüglichen Aussätze von Leop. Löw (Ges. Schriften, Bd. III) heranzuziehen. Sehr aufklärend kann D. H. Müller „Die Gesetze Hämmurabis und die mosaische Gesetzgebung" wirken (Wien 1903; insbesondere S. 115 sf. und 240). Kein Institut ist nach Einsetzung, Zweck und Inhalt so göttlich, wie die Ehe; keines, dessen Formen sowohl bei Verlöbnis und Eheschließung als bei Ehescheidung so fortgesetztem Wandel, solcher Anpassung an das Leben unterworfen gewesen sind. Wir stellen fünf Forderungen als die dringendsten aus: 1. Aufhebung der Chaliza, besonders wegen des Anklanges an Polygamie. 2. Nichtvollzug einer rituellen Ehescheidung in Deutschland ohne vorangegangene bürgerliche Ehescheidung; und Einwirkung auf die osteuropäische Judenheit, auf rituelle Ehescheidung bei Konsens beider Ehegatten zu verzichten, bis die tatsächliche Zustimmung der Gattin vom jüdischen Betdin einwandfrei, und die Alimentationspflicht des Gatten durch die bürgerlichen Gerichte festgestellt ist. Es muß aufhören, daß Scheidungen in Rußland feil wie Brombeeren, und die Get- Schreiber täglich an der Arbeit sind. 3. Wo die bürgerlichen Gesetze Ehehindernisse aufstellen, sind 'sie anzuerkennen (Heirat zwischen Onkel und Nichte und andere). 4. Dem gefährlichen Streben, sich mit der Ziviltrauung zu begnügen, ist entgegenzuwirken, durch wohlbedachte, das Wesen der jüdischen Ehe nicht berührende Erleichterungen, und der Ausbreitung der Mischehe durch Erleichterung der Aufnahme in das Judentum. 5. Dem Beispiele vieler edlen Rabbinen folgend, ist der Begriff des in Blutschande Erzeugten (Bastard, „Mamser") immer mehr e i n z u s ch r ä n k e n und darauf hinzuwirken, daß das Kind nicht die Sünde der Eltern büße; auch sollen sämtliche jüdischen Ehen bis zum klaren Beweise des Gegenteils (den zu erheben niemand verpflichtet und berechtigt ist) in der Annahme der Reinheit stehen. Nicht auf Reinheit des Blutes kommt es an, sondern der Gesinnung, nicht auf die Formen der Eheschließung oder -scheidung, sondern auf die Eheführung. Das wäre eine Basis für gegenseitige Verständigung. (Ein Schlußartikel folgt.) Sir Woche. Berlin, 25. März 1913. 3edes Jahr beim Herannahen des Passahfestes muß man zittern, daß irgendwo das wahnsinnige Blutmärchen auftaucht und den Juden Verderben bereitet. Auch diesmal ist es, wie aus dem „Gemeindeboten" der vorigen Nummer ersichtlich ist, in Böhmen (in Kollin) geschehen, und ein katholischer Priester hat sich leider bereit finden lassen, das Märchen zu unterstützen. In Asien, in Tschesme, «ist ein griechisches Mädchen tot ausgesunden worden; über die Art des Todes herrscht geheimnisvolles Dunkel. Auch hier hat die unwissende Menge die Juden des Ritualmordes bezichtigt. Die griechischen Blätter sind aber, wie wir der „Aurore" entnehmen, einmütig in der Abwehr dieser unsinnigen Beschuldigung. Das eine Blatt nennt das Märchen einen „hinfälligen Aberglauben, Frucht des Dunkels des Mittelalters", das andere erklärt das Aufkommen der Anklage für eine Schande und schreibt die Schuld daran der Unwissenheit zu und denen, die diese Unkenntnis nicht bekämpfen. * Uns wird geschrieben: Der preußische „Staatsanzeiger" hat in diesen Tagen die Termine für die Vornahme der preußischen Landtagswahlen veröffentlicht. Die Wahl der Wahlmänner hat danach am 16. Mai, die Wahl der Abgeordneten am 3. Juni zu erfolgen. Mit der Bekanntgabe der Wahltermine, durch die eine Reihe erleichternder Bestimmungen des Vereins- und Versammlungsrechtes eintritt, pflegt auch die eigentliche Wahlarbeit ihren Anfang zu nehmen. Der Aufmarsch der Parteien aber ist eigentlich schon vorher erfolgt. Es unterliegt kaum noch einem Zweifel, daß die blauschwarze Koalition wieder vereint marschieren, dagegen die Parteien der Linken nicht gemeinsam Vorgehen werden. Für uns Juden sind die Landtagswahlen in mancher Beziehung wichtiger noch als die Reichstagswahlen. Auf den Gebieten des Schul- und des Gemeindelebens, eines wesentlichen Teiles unserer staatsrechtlichen Stellung, der Fremdenpolizei usw. ist die preußische Landesgesetzgebung die kompetente Stelle. Ganz abgesehen davon, daß auch die Reichspolitik zu einem guten Teile von derjenigen Preußens sehr stark beeinflußt wird. Es wäre daher ein verhängnisvoller Fehler, die ganz hervorragende Bedeutung der preußischen Landtagswahlen für uns Juden zu verkennen. Im preußischen Abgeordnetenhaus haben bekanntlich die beiden konservativen Parteien fast allein die Majorität. Die preußischen Konservativen aber sind noch mehr als diejenigen des Reiches ausgesprochen antisemitisch. Dort haben die Agrarier, der Bund der Landwirte, der sich allmählich fast ganz auf das Niveau des gewöhnlichsten Antisemitismus begeben hat, das ausschlaggebende Wort. Sie fühlen sich dem reinen Antisemitismus bereits so wesensverwandt, daß sie in Kassel-Land und Eschwege-Schmalkalden, von denen der erste Wahlkreis bisher in ihrem Besitz war, ihre Kandidaturen zugunsten rein antisemitischer erst dieser Tage zurückgezogen haben. Einen dritten hessischen Kreis sind sie im Begriff gleichfalls den Antisemiten abzutreten. Die Wahlparole, die sich von unserem Standpunkt von selbst ergibt, kann immer nur die gleiche sein: Unbeschadet unserer sonstigen politischen Parteizugehörigkeit in jedem Falle Einsetzung unserer ganzen Kraft gegen antisemitische Kandidaturen und solche, die diesen gleich zu achten sind. Obwohl es eigentlich selbstverständlich ist, dürfen wir für diesen Kampf weder materielle Opfer noch persönliche Mühen scheuen, um eine Schwächung jener Parteigruppen herbeiführen zu helfen, die unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung bedrohen oder ein Hemmnis bilden für die Durchführung derselben. Wir leisten damit zugleich unserem engeren Vaterlande Preußen einen Dienst, einen Dienst zugleich der großen Sache des Fortschritts und der freiheitlichen Ausgestaltung unseres nationalen Gemeinschaftslebens. Das plutokratische Wahlsystem Preußens, dessen Reform wohl im Mittelpunkt der Wahlagitation stehen dürfte, gibt der Stimme des jüdischen Bevölkerungsteiles in der Tat wohl ein wenig verstärktes Gewicht, da eine ansehnliche Zahl unserer Glaubensgenossen zu den steuerkrästigeren Klassen zählen. Hätte Sombart recht, und wären die Juden wirklich die „zweckbedachten" Elemente, die sie es leider in dem Maße nicht sind, dann müßten wir eigentlich für die Beibehaltung des unseren Einfluß stärkenden preußischen Dreiklassenwahlrechtes sein. Das ist aber bekanntlich nicht der Fall. Wir werden auch in dieser Frage auf seiten jener liberalen Gruppen stehen, die eine Reform dieses Wahlrechts anstreben. Jedenfalls müssen wir, soweit es in unseren Kräften irgend steht, mithelfen, um zu verhindern, daß eine konservative Majorität und damit eine unsere Gleichstellung gefährdende Mehrheit in das neue preußische Abgeordnetenhaus einzieht. An unseren großen Organisationen, die den Kampf gegen den Antisemitismus systematisch führen, aber wird es vor allem auch liegen, Sorge dafür zu tragen, daß der „reine" Antisemitismus, der bei den letzten Abgeordnetenhauswahlen erfreulicherweise gänzlich unterlag, diesmal nicht von neuem in die preußische Abgeordnetenkammer einziehe. Und

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