Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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143 wohl es doch gerade die fröhliche und lustige Purimzeit war, ein Freudenfest, das ganz Israel feiert zur Erinnerung an die wunderbare Rettung unserer Väter aus Hamans Klauen, der mit seinem ganzen Lumpengesindel an einen Galgen gehängt wurde, der fünfzig Ellen hoch war. Stundenlang waren nun Klotz und Baum in Wald und Feld , herumgelaufen, als wollten sie der Hölle und tausend Teufeln entfliehen, als wollten sie keinen Menschen sehen, vor dem sie ja die Augen beschämt Niederschlagen müßten. „Wer mag uns wohl diese Suppe eingebrockt haben", unterbrach Klotz das drückende Schweigen. „Ich weiß es nicht", keuchte Baum. Er war nicht so robust wie fein Freund und Kollege, und er fing an, den Dauerlaus zu verspüren. „Außer dem scheinheiligen, speichelleckerischen Meier Stump wüßte ich keinen, der zu einer solchen Schandtat fähig wäre. Zwar sind uns die andern auch nicht besonders grün-dir nicht, weil du ein hübscher forscher Kerl bist, aber auch mir nicht, weil du mich brüderlich an deine Brust genommen. Ich muß also ihren Haß teilen, wie ich deine Liebe teile. Doch diesen Bubenstreich kann kein anderer als Meier Stunrp ausgeübt haben." „Der niederträchtige Hallunke", wütete Klotz. „Paros Makkes sollen ihm unter die Weste fahren, weil er Kollegen so böse mitgespielt. Dabei habe ich doch keinem von ihnen irgend etwas zuleide getan. Ich will nicht schinrpfen und nicht fluchen, aber erleben möchte ich es doch, um es ihm heimzahlen zu können. Aber sei still, Baum. Der Gerechte geht nicht unter. Doch setzt wollen wir lieber umkehren, denn einstweilen können wir. unserem Schlimmasel doch nicht entgehen." Um aber doch ihr Herz zu erleichtern, wiederholten sie zum zwanzigstenmal den schrecklichen Vorgang, der sich früh im Tempel abgespielt, durch welchen der lustige Purim für sie zu einem traurigen Tischo be-Aw geworden. Als nämlich der Gottesdienst beendet war, sie hatten bereits das Adaun aulom mit wuchtiger Stimme herausgeschmettert, das Aus- und Zuklappen der Betpulte, das Hin- und Herrücken der „Ständer" hatte bereits begonnen, trat plötzlich eine beängstigende und unheimliche Stille ein, während alle Augen auf Rabbi Jossele sich richteten, der sich von seinem Platze erhoben hatte und vor die heilige Lade hingetreten war. Was soll das nur bedeuten? Sonst pflegte dieser Zaddik, dieser heilige Wundertäter nur am Schabbos hagodaul und am Schabbos tschowo eine Droscho zu halten, deren Länge wohl geeignet war, die Khille für das ganze dazwischenliegende halbe Jahr zu entschädigen. Aber man hatte gegen die Länge nichts einzuwenden, denn es geschah doch am Schabbos- Nachmittag, nachdem man sich sattgegessen und durch ein Schläfchen erquickt hatte. Aber heute! Am Sabbat vor Purim und noch dazu am Vormittag. Da muß wohl etwas Besonderes vorgesallen sein und das hat gewiß etwas zu bedeuten. Alle waren daher voller Spannung und voller Erwartung über das Welterschütternde, Epochemachende, das ihnen kundgegeben werden wird. —. . < ' . (Fortsetzung folgt.) ,V#/: Litrranlchr Mitteilungen. — Denkmä l e r j ü d i s ch e n G e ist e s. Herausgegeben von Dr. B. May und I. B. Levy. 2. Band: Gabriel Messer.- Eine Auswahl aus seinen Schriften und Briefen. Frankfurt a. M., I. Kaussmann. Preis M. 0,90. Ueber das Verdienstliche dieser „Denkmäler" habe ich schon beim Erscheinen des 1. Bandes (M. Mendelssohn) in dieser Zeitung 1912, Nr. 40, gesprochen. Dieser 2. Band, mit einem Bilde Riessers und einer kurzen biographischen Skizze, ist durchaus zeitgemäß, und es war ein glücklicher Gedanke,der Herausgeber, sich für ihn ein Geleitwort gerade von dem. Vorsitzenden des -Zentralvereins deutscher Staatsbürger.jüdischen Glaubens, Herrn Jnstizrat Dr. M. Horwitz. zu erbitten. Mail kann Horwitz nur beistimmcn, wenn er sagt: „Ist doch alles, was Niesser in seinem Kampfe für die Gleichberechtigung der deutschen Juden seinerzeit gesprochen hat, leider auch heute noch wortwörtlich zutreffend." Gewiß, heute wie damals heißt es: „Ihr seid Fremde, wollt keine Christen, keine Deutschen werden, meint es nicht treu mit uns, wir können euch also keine gleichen Rechte mit uns geben." Wie Niesser hieraus erwidert, das ist stärkend -und herzerfrischend, das muß man selbst lesen, und dazu gibt die vorliegende -Auswahl auch dem, der nicht die Zeit oder die Mittel zu Riessers sämtlichen Schriften hat, die Möglichkeit. Hier nur einige Proben. „Uns vorzuhalten, daß unsere Väter vor Jahrhunderten oder vor Jahrtausenden.eingewandert sind, ist so unmenschlich, als es unsinnig ist. Wir sind nicht eingewandert, wir -sind eingeboren, und weil wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo aus eine Heimat; wir sind entweder Deutsche oder wir sind heimatlos." (S. 35.) „Wir wollen nur für gleiche Lasten, die wir allenthalben willig tragen, auch gleiche Rechte mit den übrigen Staatsbürgern. Wir wollen keine Abgabe erlaßen haben, als die religiöse, Lüge; wir wollen nichts, als daß man uns rechtlich so behandle, wie man uns behandeln würde, wenn wir einen Schritt getan hätten, gegen den sich unser Gewissen sträubt." (S. 20.) „Die leichte Bedrückung einer geringen Zahl durch eine ungeheure Uebermacht kann nur feigem Uebermut, elenden Leidenschaften Nahrung geben." (S. 24.) Sehr aktuell ist auch, was er einem Dr. Meyer sagt: „Ueber die Menge zu schimpfen, Tausenden unbestimmt zu sagen, was man einem einzelnen geradezu zu sagen nichtden Mut hat, -damit man sich dahinter verkriechen könne, mau habe niemanden genannt und zähle diesen und jenen zu den Ausxnahmen, damit man sich das Vergnügen machen könne. Tausende zu kränken, ohne von einem einzigen zur Rechenschaft -gezogen werden zu können — das ist eine Ehrlosigkeit, die man öffentlich brandmarken muß. ." (S. 60.) Und wie Riesser sich über die „Zulassung der Juden zum militärischen Avancement", über die den Juden Vvrgeworfenen „häßlichen Eigentümlichkeiten", über getaufte Juden u. a. vernehmen läßt, das lese man in dem Buche selbst — es stärkt das Rückgrat. Die Ausstattung ist, wie das vom Kaufsmannschen Verlag nicht anders zu erwarten, tadellos. Der Fortsetzung dieser „Denkmäler" darf man gern entgegensehen. Frankfurt a. M. Prof. Kuttner. M — Mitteilungen d es Ges amtarchivs der deutschen Iuden. Herausgegeben von Dr. Eugen Täubler. Dritter Jahrgang. 1911/1912. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock, G. m. b. H. 1912. . Die aus die Juden bezüglichen Akten des Königlichen Bayerischen Kreisarchivs der Oberpfalz und Amberg, die den Hauptteil des vorliegenden Heftes bilden, beziehen sich' im wesentlichen auf Kultforderungen, Abgaben, Prozesse, Gesuche einzelner Juden um gewisse Vergünstigungen. Dabei ist vieles nicht uninteressant. Als. besonders merkwürdig hebe ich ein Aktenstück hervor über eine Anleihe des Majors Baron von Schwaben bei dem pfälzischen Hosfaktor Nathan Moses von Schwabach und Gabriel Fränkel in Fürth, hauptsächlich zur Ausrüstung von vier Bataillonen Hilsstruppen für die Republik Venedig. Der zweite Teil des Heftchens wird eingenommen von einer Bibliographie. Man sieht daraus, wie vielerlei über die Geschichte der Juden, nicht nur in jüdischen Zeitschriften, sondern in Journalen und Büchern allgemeinen Inhalts geschrieben wird. Aus einer Notiz wird klar, daß Juden in einen Hexenprozeß des Jahres 1522 verwickelt waren, aus einer anderen, daß die berühmte oder berüchtigte Frau v. Krüdener sich von ihrem Haustheolvgen über die Wirkungen der Prophetie unter den Juden im badischen Seekreis unterrichten ließ. Dagegen glaube ich, daß die Notiz Nr. 243 fälschlich hier ausgezählt wird, denn der von Martin Krech't als „unser Jude" erwähnte, ist wahrscheinlich ein Resormationsschriftsteller, der den Namen Juda führt, nicht aber ein Bekenner des jüdischen Glaubens. Im ganzen ist-die Bibliographie eine sehr nützliche Arbeit, nur müßte sie dadurch noch wertvoller gemacht werden, daß bei allen größeren Schriften Name des Erscheinungsortes und des Verlegers angegeben werden. Das ist leider nicht immer der Fall. L. G.