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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-21 · Heft 12 (21.3.1913) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 In Deutschland ist diese Pflanze selten geworden, aber in den kleinen Gemeinden oder slawischen Ländern wuchert sie noch fröhlich empor, um eigenartige Früchte zu zeitigen, daher soll zu Nutz und Frommen all derer, die, von einem inner» Drang getrieben, diesem Berufe sich widmen wollen, die Tätigkeit und der Lebensgang eines Meschorers etwas ausführlich behandelt werden. Zunächst mußt du natürlich eine Stimme zum Singen haben: eine gute ist notwendig, eine sehr gute wird selbstredend allenthalben bevorzugt. Sodann mußt du dich um Aufnahme bei irgendeinem Chasen bemühen: gewöhnlich bei einem solchen, dessen Talente und Fähigkeiten so groß sind, daß sie von einer einzigen Khille nicht genug erfaßt und gewürdigt werden können, der darum sich genötigt, sieht, sehr häufig Gastrollen in anderen Gemeinden zu geben, um auch dort sein Licht leuchten zu lassen. So Hat zum'Beispiel der Chasen Schaje Pfeifer, dem unsere beiden Meschorerim angehörten, sein Hauptquartier in Tömalow ausgeschlagen, wo er aber nur selten anzutrefsen war, da er mit eigenem Gespann sehr oft Kunstreisen unternahm, um die ganze Umgegend von mindestens zehn Meilen im Umkreise mit seinem neuesten Lecho Daudi und seinem allerneuesten Schir Hämaalos zu beglücken. Bist du, lieber Leser, noch ein kleiner-Junge, ein „Fistelsänger", dann nimm dich ja nur recht in acht, daß du nicht etwa von einem Konkurrenz-Chasen bei Nacht und Nebel geraubt und entführt wirst. Solche Ereignisse sind in jenen Kreisen keine Seltenheiten und haben schon manchem Chasen Tränen der Wut entlockt und auch schlastose Nächte bereitet. Hüte dich darum, mein Sohn, und nimm dir meine Worte zu Herzen. Du weißt doch, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit! — Für den angehenden Meschorer.ist esferner ein Hauptersordernis, daß du mit einem eisernen Magen und einer kernfesten Verdauung ausgerüstet bist; denn dein Brot wird an jedem Tage in einem anderen Ofen gebacken; fast zu'jeder Mahlzeit bist du bei einem anderen Baal-Boes einquartiert, wobei aber deine Speisenkarte verschiedenartig und mannigfaltig ist und zwischen Kartoffeln mit Hering und „Lockschen mit Gansfuß" variiert, je nach den Mitteln und der Gesinnung deines Gastgebers. Daß du aber dabei allerlei Zufällen- und Ueberraschungen ausgesetzt bist, ist selbstverständlich, und wenn das Glück dir hold ist, kannst tut dieselben Erfahrungen machen, wie jener Bochur, dem das „Täg-Essen" noch jahrelang im Magen gelegen.-- ' Dieser, ein frommer, braver und bescheidener Jüngling, war Pei allen sehr beliebt und von allen gern gesehen. An einem Sonntag war er nun bei einer Witwe einquartiert, die ein Auge auf ihn geworfen hatte, und die'ihn,, nach berühmtem Muster, mit einer Schüssel Linsen als Delikatesse ködern wollte. Auf ihre Frage, wie diese ihm schmecken, erwiderte er pflichtschuldigst: „Ausgezeichnet! Wunderbar!" mit dem Hinzufügen, daß Linsen seine Lieblingsspeise wären, und hätte er einen jüngeren Zwillingsbruder, so könnte die biblische Erzählung von Jacob und Esau zweifellos eine neue Auflage erleben. Die Witwe war darüber hochbeglückt, und in ihrer Herzenswonne erzählte sie es ihrer Busenfreundin, bei der der Bochur am nächsten Tage zu Gast sein sollte. Sie hatte es natürlich gut gemeint, doch dem Jüngling würde es zum Verhängnis. — — —; Als er am .Montag mit knurrendem Magen — eine Folge der gestrigen Linsen — das Zimmer seines neuen Gastgebers betrat, war. das erste, das feine Äugen erblickten —Linsen. Und das „Rote Gericht" dampfte auch am Dienstag auf der Mittagstafel und wiederholte sich auch am Mittwoch, Donnerstag und Freitag. . Mit wahrer Todesverachtung würgte er. die verhaßte Speise hinunter und mußte auch noch gute Miene zum bösen Spiel machen, weil alle ihm versicherten, daß sie zufällig erfuhren, daß Linsen seine Lieblingsspeise undfroh waren, ihm etchäs Liebes erweisen zu können. Wie alle Böfewi'chter, die während der sechs Wochentage in der Hölle schmoren müssen, den Sabbat herbeisehnen, so sehnte auch unser Bochur .den heiligen Tag herbei, um wenigstens seinem Magen einmal in der Woche Ruhe, zu verschaffen. Endlich war dieser Tag gekommen, der Gottesdienst war beendet, und es traf sich für den Bochur insofern sehr günstig, als gerade heute der reiche Parneß sein Gastgeber war. Schon sah er im Geiste den goldgelben Karpfen in der braunen Sauce herumschwimmen, von Rosinen und Mandeln umgeben; schon glaubte er den Duft der leckeren, fetten „Kugel" zu verspüren, schon lief ihm das Wasser im Munde zusammen, bei dem Gedanken an den knusprigen Gänsebraten — aber, o Schreck und Jammer! breit und stolz prangte wieder eine Schüssel mit Linsen auf der Tasell Nun ging ihm doch die Galle über, und er war entschlossen, der Sache unter allen Umständen ein Ende zu machen. Ohne sich erst die Hände zu waschen, ohne Segensspruch, ohne jegliche Rücksicht auf die anderen, zog er die Schüssel an sich heran und sing an hastig zu schlingen. Ueber dieses Benehmen ganz empört, machte ihm der Wirt die heftigsten Vorwürfe, noch mehr aber, daß er 'sich einer schweren Sünde schuldig gemacht'. Doch der Jüngling sprach lächelnd: „Lieber Herr Parneß, seid mir hundertmal mauchel, aber ich bin da wirklich ratlos und weiß mir nicht zu Helsen. Denn sehet, ißt man 'eine Speise, die aus dem Baume wächst, so macht man die Brocho, „Bore PriHo-Ez"; ist es eine Speise, die aus der Erde wächst, so ist die Brocho „Bore. Pri Ho-Adomo". am Platze; bei einer Speise'aber, die mir schon aus dem Halse wächst, da weiß ich in der Tat nicht, welche Brocho da angebracht wäre." — —— Seit dieser Zeit bekam er keine Linsen mehr. - So, mein Sohn, könnte es auch dir als Meschorer ergehen, darum.... Hast-du nun all. dieses durchgekostet, dabei aber deinen Humor dir dennoch bewahrt, hast du all dieses überstanden und dir dabei eine gehörige Dosis Mutterwitz angeeignet, dann kannst du dir ins Fäustchen lachen,.dann bist-du ein gemachter Mann und kannst beruhigt deiner Zukunft 'entgegensetzen. Zw ei. Perspektiven eröffnen, sich dir für dein späteres Leben: entweder du gehst über das große Wasser, wirst Oberkantor an einem amerikanischen Ref.ormterppel, um bald darauf als „Star" erster Größe zur Oper überzugehen, oder — — du heiratest eine der vielen Töchter , des alten Chasen, dessen Nachfolger zu werden --- — über hundert Jahr-- du die beste Anwartschaft hast, Inzwischen bleibt dir aber genügend Zeit, um das biblische Gebot zu erfüllen: „Mehret euch und seid fruchtbar", und auch genügend Zeit dafür, um aus dem Rindertalg, den du als Aeqüivalent für das Schächteramt beziehst, „Neschomv"-Lichter für den heiligen Versöhnüngstag zu fabrizieren. Unsere beiden Meschorerim waren nun von der echten und. rechten Sorte.. Sie hatten von der Pike aus gedient, waren weit in der Welt herum gewesen und hatten manchen Schelmenstreich ausgeübt. Klotz hatte eine prachtvolle Baßstimme, während Baum ein vorzüglicher Tenor war. Abgesehen aber von dieser verschiedenartigen Beschaffenheit ihrer Stimmbänder und Kehlritzen war keinerlei Unterschied zwischen ihnen vorhanden. Ihre Herzen schlugen in harmonischer Eintracht füreinander, sie standen einander helfend bei und wichen nicht voneinander, weder in guten noch in bösen Tagen. Von den erwähnten glorreichen Endzielen aller Meschorerim aber waren diese beiden noch weit entfernt und in ihrer männlichen Brust regten sich diese kühnen Träume einstweilen noch nicht. Im Gegenteil/ ihr Herz'war zentnerschwer belastet, ob-

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