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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-21 · Heft 12 (21.3.1913) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
Seite 141 (sequence 9)
Language
German
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mm 141 ' „Wenn Sie weiter nichts von. ihm verlangen/- sagte Herr v/ Römeb trocken, „das wird er leisten." Für Baron Rädlitz war das Tempo des Gesprächs ein viel zu schnelles, wie die Bemerkung zeigte, die er jetzt los ließ: „Doktor Deutzer soll ein hervorragender Arzt sein. Sie sprachen doch von ihm?" „Wir h a l> e n von ihm gesprochenlieber Baron," erwiderte die Exzellenz mit sanfter Zurechtweisung;- und der Oberst erklärte: „Ueber Ihrem ewigen Nachexerzieren vergißt man nur seine' Rede. Was wollte ich doch erzählen? Richtig. Wissen Sie denn, was der arme Oberstäbsarzt für ein Pech mit seinem Sohn, dem Hauptmann, hat?" Niemand wußte es. Die Exzellenz erinnerte sich nur, daß der Hauptmann eine Fteiin v. Reinsels zur Frau hätte. „Jawohl," bestätigte der Oberst, „und die Gnädigste hat gefälligst mit einem jungen Leutnant angebandelt. Und wie es dann so kommt, es gab einen Skandal, ein Duell, und -nun liegt der arme Kerl mit durchschossenem Lungenflügel im Lazarett." „Wer?" wurde gefragt. „Der Hauptmann natürlich. Ich hab's dem alten Esel von Oberstabsarzt gleich gesagt, er soll die Heirat nicht zugeben. Art gehört zu Art. Muß der bürgerliche Hauptmann ein Freisräulein heiraten?" „Muß das Freisräulein den bürgerlichen Hauptmann betrügen?" fragte Herr v. Römer schlagfertig zurück. „Das ist wieder 'ne Sache für sich," entschied der Oberst. „Jedenfalls bin ich absolut gegen standeswidrige Heiraten, ich-" . „Pardon!" unterbrach der Baron den Sprechenden. „War -der Hauptmann derjenige, der gefordet hat oder —?". „Herr Gott, Nadlitz!" wetterte der Oberst. „Sind Sie noch immer bei dem Duell? Es ist ja längst vorbei." .' „Es wäre mir interessant —" wollte der Baron sich weiter auslassen, aber der Oberst wies auf den Hausherrn und rief: „Stille, Baron! Der Patient will reden." Herr v. Römer hatte auf diesen. Moment gewartet. Er wandte sich an die Exzellenz mit den Worten: „Ich wollte Sie nur fragen, Exzellenz: hat unser alter Kriegsknecht mit seiner These recht oder nicht recht?" „Bezüglich der Mesalliancen?" meinte die Exzellenz. „Im Prinzip stimme ich unserem Oberst bei."' „Aber Sie konzedieren Ausnahmen?" Die Exzellenz setzte sich in Positur. Sie liebte es, dergleichen Fragen in umständlicher Weise zu erörtern und sich dabei in, wie sie glaubte, diplomatischen Wendungen zu ergehen. „Selbstverständlich," erwiderte er aus die Frage des Herrn v. Römer. „Selbstverständlich konzediere ich Ausnahmen.'Man kann sagen, es stehen sich in dieser Frage zwei einander widerstrebende Rechte gegenüber: aus der einen Seite das Recht des - Individuums, das nach freier Betätigung verlangt, aus der änderen das Recht, womit sich Name, Familie, Geschlecht geltend machen will. Das Entscheidende ist in jedem Falle: welches ist das stärkere Recht? Regelmäßig wird es das letztere , sein, weil von seiner Verwirklichung die Ausrechterhaltung und Stärkung von Institutionen abhängt, welche für das staatliche und soziale Leben von höchster Bedeutung sind. Allein in gewissen Fällen können diese Interessen zurücktreten; es kann! die Erhaltung eines bestimmten Geschlechts außer Frage sein, wenn beispielsweise nur weibliche Nachkommenschaft vorhanden ist. Es kann auch das Individualrecht ein so prominentes.sein, daß es alle anderen Rücksichten zum Schweigen bringt.' In solchen Fällen wird man dann zugestehen müssen, daß eine , Mesalliance, .wenn auch nicht erwünscht, so doch immerhin. -L tolerabel ist." „Hm," brummte der Oberst, als die Exzellenz ihren Exkurs schloß, „das war mir stellenweise zu hoch — pardön, Exzellenz! Ich bleibe bei meinem: Niemals!" „Wieso niemals?" fragte Baron Rädlitz. „Sie reden doch von dem Hauptmann Mühlert?" „Nein," ries der Oberst? „Wir sprechen von Mesalliancen, wenn Sie's wissen wollen!" „Ach, Mesalliancen! Das ist amüsant, da kann ich auch mitreden." - „Sie?"; ' ■ _ . „Jawohl ich. Ich hatte nämlich^als junger Dachs mich in eine Jüdin verliebt — bildschön, sage ich Ihnen, von höchst anständigen Eltern-" „Na, na," warf der Oberst ein. „Bitte, sogar sehr anständig! Also wie gesagt, ich war höllisch verliebt, aber mein seliger Papa wollte es durchaus nicht zugeben,' obgleich ich ganz verzweifelt war. Und so 'wurde nichts draus." „Sie' haben wie immer den Anschluß versäumt." „Stimmt. Aber hören Sie nur, Oberst! Voriges Jahr bin ich in Karlsbad. Eines Morgens spricht mich auf der Promenade eine Dame an, schon bei Jahren, aber gut erhalten, sehr distinguiert. Stellt mir ihren Gatten vor: Prinz Remmin. Und wissen Sie ,- wer es war? Meine kleine Jüdin. Sie hat nämlich den Prinzen geheiratet. Was sagen Sie dazu?" „Eine ganz unmoralische Geschichte!" erklärte der Oberst. „Nun wissen wir doch, warum Sie nicht geheiratet haben," meinte die Exzellenz lachend, woraus sie sortfuhr: „Meine Herren, ich dächte aber, wir gingen. Für einen Krankenbesuch waren wir vielleicht schon zu lange ..." Herr v. Römer blieb, als die Whistherren sich nach längerer freundschaftlicher Debatte über die nächste Sitzung entfernt hatten, in aufgeräumter Stimmung zurück. Die ' Auseinandersetzung der alten Exzellenz, so allgemein gehalten und doktrinär sie auch war, hatte ihm doch wohlgetän. Daß der rauhbeinige Oberst aus seinem intransigenten Standpunkt verharren würde, hatte er sich' gleich gesagt; die Ansicht der Exzellenz war ihm maßgebender. Als Luise kurz darauf nach Hause kam, ries er sie zu sich. Sein Gesicht war ernst, aber die Augen blickten zärtlich. „Sage mir noch einmal, Luise: liebst du den Mann wirklich?" fragte er sie. „Grenzenlos, Vater!" war ihre Antwort. „Und willst seinetwegen die Brücken abbrechen? Auf Tante Geraldine und Konsorten verzichten?" „Auf alle, wenn ich dich nur behalte." „Na denn, wie Gott will!" Mit einem Jübelschrei fiel sie ihm um den Hals. „Vater! lieber Vater!" . (Fortsetzung folgt.) ' ■ E Der General von Chammerow. Purimhumoreske von Sam. Go rdon. Frei' übersetzt von M. Pulvermann. ■ - . ■ ' I, on Berus waren beide „Meschorerim", was etwa wandernde Synagogensänger bedeutet. Freilich könnte man sie ohne Umschreibung einfach Choristen nennen, doch wäre dieses eine Vorspiegelung, falscher Tatsachen und könnte möglicherweise zu unliebsamen Verwicklungen führen. Denn so wenig ein „Cheder-Melamed" einem Gymnasialprofessor entspricht, so wenig auch ist ein Chorist einem echten und rechten Meschorer vergleichbar,-; der mit leichtem Herzen, und noch leichterem Geldbeutel in der Welt herumvagabundiert, stets lustig, fidel, zu allen lustigen Streichen aufgelegt, ob auch der knurrende Magen kein geeigneter Gefährte ist.

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