Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-21 · Heft 12 (21.3.1913) · p. Seite 140

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
Seite 140 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229082--69297-3281591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mich Tante Geraldine in Acht und Bann tun wird, daran zweifle ich nicht. Und die anderen, die in ihrem engen Kreise die Welt und in ihren Traditionen und Vorurteilen die Weltgesetze sehen, sie werden ihr's nach oder noch zuvortun. Aber was verliere ich an ihnen? Sage, Vater, was habe ich denn noch mit ihnen gemein? Du hast mir die Freiheit gegeben, mich umzuschauen, und da habe ich jenseits ihres Kreises eine andere Welt entdeckt — die wirkliche Welt, die von lebendigem Geist erfüllt ist, von Kämpfen und Ideen und Bewegungen. In dieser Welt bin ich ihm begegnet, und glaubst dudaß wir uns gefunden hätten, wenn nicht eines das anders verständen, jedes in des anderen Seele gelesen und sich wiedererkannt hätte? Du sprachst von dem Einfluß der Erziehung, Vater. Der Schwache bleibt, wie ihn Erziehung und Umgebung gemodelt haben, aber der Starke macht sich frei und bildet sich nach eigenem Gesetz." „Na und pro primo: das alte Testament?" fragte er gespannt.' . „Du bist leicht darüber hinweggegangen, Vater. Mir war es das Schwerste. Ich habe lange darüber gegrübelt. Ich bin Christin mnd werde mein Christentum nie preisgeben. Aber sowie ichs von mir selber weiß, so weiß ichs von ihm: daß sein Sinnen und Fühlen dieser Wurzel entspringt, daß sein ganzes Leben eine Betätigung der Lehren ist, die ich anerkenne." Der alte Herr hatte kein Auge von ihr gewendet. In seinem Gesicht zuckte es von verhaltener Rührung. Da stand sein Kind, sein einziges geliebtes Kind und gab ihre reine fromme Seele in seine Hand, und er sollte ihr wehetun und ihr Schmerz bereiten? War er denn nicht ihr Vater, ihr Freund, ihr Schuldner, ihr tausendfacher Schuldner? Lieber Gott, betete ep für sich, nimm mir's nicht übel, ich gebe nach, ich muß nachgeben, geh nicht ins Gericht mit mir! Und als er sich so sein Herz erleichtert hatte, sagte er laut: „Liebst ihn also wirklich, Luise?" „Ja, Vater." „Und würdest unglücklich werden ohne ihn?" „Ja, Vater." „Was soll ich armer Krüppel denn noch dabei? Wozu braucht ihr mich, zwei wie ihr seid?" „Nicht so, Vater!" bat sie ihn umschlingend. .„Dich lernte ich zuerst lieben, dir danke ich, was ich bin.' Du'hast mich zärtlich behütet, hast mir Mutter und Geschwister ersetzt. Nie werde ich sein werden, wenn du es nicht willst." „Na ja", sagte er'sich vor Rührung räuspernd. „Na ja —. Aber ich muß doch wenigstens Zeit zur Ueberlegung habenmir die Sache beschlafen ... Weißt du, Luise, tu1 mir die Liebe, laß mich jetzt allein, damit ich ein bißchen zu mir komme. Willst du?" Sie beugte sich zu ihm herunter, und küßte ihn zärtlich. Dann ging sie still aus dem Zimmer. * ■ Herr v. Römer hatte sich Bedenkzeit ausgebeten, aber er brauchte sie nicht, denn er war schon entschieden. Er hatte es gleich geahnt, daß er klein beigeben würde. — Mit Luise konnte er alles durchsetzen, gegen sie nichts, so war es immer gewesen. Nicht als ob sie eigensinnig gewesen wäre — Gott behüte, nein, sie war nur so klug und gut, daß er sich wie ein Verbrecher vorgekommen wäre, hätte er eine andere Meinung durchdrücken wollen; deshalb versuchte er's gar nicht erst. Aber itt diesem Fälle wurde es ihm doch recht schwer, er mußte sich immer wieder zurufen: Stillgeständen! Order Parieren! Die Parole ist: ihr Glück und sonst nichts! Freilich, ein Radikalmittel war das nicht, vor allem: es hielt ihn nicht vom Nachdenken zurück, und durch längeres Nachdenken würdeMe Sache nicht freundlicher. ' Herr v. Römer war nicht anders als die meisten Männer seiner Gesellschaftssphäre. Er besaß ein gerütteltes Maß von Vorurteilen. Für die. Bekenner des alten Testaments empfand er das Gegenteil von Sympathie, und es störte ihn nicht im geringsten, daß sein Leibblatt täglich in mindestens einer Ausgabe auf die Juden schimpfte. Ein echter Judenfresser war er trotzdem nicht, er ließ Ausnahmen gelten; und hier war eine solche Ausnahme, die glänzendste, die es geben konnte. Wenn er nicht selber an Doktor Deutzer einen Narren gefressen hätte, Luisens Wahl bürgte ihm dafür, daß der Mann vor aller Welt in Ehren bestehen konnte. Das gab ihm eine gewisse Beruhigung. Er legte sich in seinen Gedanken die. Sache dahin zurecht, daß man Deutzer einen Titel, vielleicht den Professor, verschaffen, ihn in die höheren Kreiselancieren Mnd ihn so schließlich voll gesellschaftsfähig machen würde. Ein böses'Stück Arbeit würde das werden, das wußte er genau. Er sah den Sturm voraus, der sich über die im Sinne seiner Standesgenossen skandalöse Affäre erheben würde, und er besaß nicht wie Luise den Gleichmut oder auch die Größe, sich darüber hinwegzusetzen. Er hätte lügen müssen, wenn er das hätte sagen wollen. Nein, Luise war anders geartet, vielleicht nur anders geworden durch seine Mithilfe. Denn er hatte ihrem modernen Sinn und Treiben nicht genügend gesteuert. Der Teufel hole die modernen Geschichten! Daß man allgemein ihn verantwortlich machen würde, daran war nickst zu zweifeln. Sein Haus würde veröden; erst würde der und dann jener sich zurückziehen, bis schließlich.nur noch die drei Whistbrüder übrigblieben — vielleicht auch die nicht mal. ' . Heute würde er's ja hören. Sie hatten sich anmelden lassen, leider nicht zum Spiel, denn die Karten blieben einstweilen noch gesperrt, sondern zur Genesungsvisite. Da wollte er mal leise antippen und sehen, wie der Hase-lies. Am Nachmittag erschienen auch mit.militärischer Pünktlichkeit die getreuen Whistgenossen: der steifbeinige Oberst v. Gütsch, der sich-selbst einen Stockreaktionär nannte und es auch war; die Exzellenz v. Ratberg, die vor vielen Jahren Gesandter an einem kleinen Hose gewesen war und seitdem als Staatsmann galt; endlich der Baron v. Rädlitz, ein gutmütiger Junggeselle, der mit seinen Gedanken und Worten regelmäßig zu spät kam und wegen dieser Eigenschaft den Kameraden als Zielscheibe für ihre harmlosen Neckereien diente. ' . Die Begrüßung war herzlich und ziemlich stürmisch. „Jetzt kraucht er wieder, Gott sei dank!"' trompetete der Oberst, und die Exzellenz erklärte feierlich, daß der verehrte Patient sich um zehn Jahre verjüngt habe. „Ja — wie ein Hauptmann zweiter Klasse sieht er aus," behauptete Gütsch. Als dann die ganze Krankheitsgeschichte durchgesprochen war, sagte Baron Rädlitz mit Wichtigkeit: > „Ich finde, lieber Römer, Sie sehen vortrefflich aus." Worauf der Oberst bemerkte: „Es ist Zeit, daß Sie darauf kommen, lieber Rädlitz." j „Und das alles," konstatierte die Exzellenz, „hat der große ] Doktor Deutzer zuwege gebracht, in der Tat ein Meisterstück!" i „Ja," bestätigte Herr v. Römer, „ich verdanke ihm mein Leben." Und die'Exzellenz fügte hinzu: „Er soll ein eminent tüchtiger Arzt fein; man ist, wie ich höre, sogar in besseren Kreisen auf ihn aufmerksam geworden." „Was ich skandalös finde!" rief der Oberst. „Einen Juden und Demokraten! Ich würde ihm niemals meinen Leichnam anvertrauen." „Na, na, Oberstchen!" neckte die Exzellenz. „Wenn es an den Kragen geht!" „Niemals, das schwöre ich Ihnen. Ich laß mich Von! meinem alten Oberstabsarzt in die Grube bringen, von keinem | anderen!" - . | -;i4ö ——-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.