Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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139 Müschen Juden sowie für die mohammedanischen Gelehrten, unter denen das Interesse für die jüdischmrabische - Literatur des Mittelalters' neuerdings in erfreulicher Weise zu erwachen beginnt. . Karl tzsuptmsnn: Ismsel ssriedmann" Besprochen von Ludwig Geiger, in Buch Karl Hauptmanns, des begabten Bruders, des bedeutenden Dichters Gerhart Hauptmanns, verdient Beachtung, selbst wenn es nicht, wie beim vorliegenden Buch geschehen ist, durch den Verleger mit einer großen Reklame als die Geschichte des Lebenskampfes eines modernen Juden bezeichnet ist. Diese Bezeichnung ist eigentlich falsch. Das Buch bietet uns vielmehr die Geschichte eines jungen Gelehrten, eines schönen, durch sein Hinken nur leicht entstellten Mannes, der als Sohn des unermeßlich reichen Fabrikanten und Grubenbesitzers Abraham Friedmann aufwächst. Der Held ist ein ideal gesinnter Mensch, der aber vor lauter Ideen nicht zur Vollendung irgendeiner Arbeit kommt.. Ganz besonders streng gesinnte Juden könnten sagen, der Roman geht uns als Juden überhaupt nichts an. Denn der alte Friedmann hat sich, als er eine Pastorentochter heiratete, taufen lassen und seine Kinder im christlichen Glauben erzogen. Nun gehe ich zwar nicht so weit, zu sagen, daß ein solcher Roman unser Interesse nicht.erregen sollte, sondern bekenne, daß die Geschichte dieses, won Juden stammenden Menschen wohl auch unsere Beachtung verdient, obgleich die darin geschilderten Persönlichkeiten nichts mehr mit dem Judentum zu tun haben wollen. Aber im Grunde scheitern Jsmaels Lebensglück und das Schicksal seines Lebens nicht, an seiner Abstammung, obwohl er manchmal und meist bei recht unpassenden Gelegenheiten von seiner und seines Vaters Zugehörigkeit zum Judentum redet, sondern sie scheitern an seiner geistigen Verstiegenheit und an seiner einmal jäh erwachten Sinnlichkeit. Denn seine Braut Jsabell v. Land re, die Tochter eines großen Gelehrten, zugleich eines seinen Aristokraten, tötet sich, nachdem ihr Bräutigam sie etwas unbräutigammäßig berührt hat, vielleicht weil sie in ihrer spröden Jungfräulichkeit und in ihrer herben Willensfesügkeit das Zusammenleben mit einem Mann und die durch die Ehe bedingte gewisse Unterwürfigkeit fürchtet. Nach diesem Selbstmord der Braut und nachdem Jsmaels Schwester Jsot sich mit seinem Jugendfreunde, dem Naturforscher und Reisenden Professor Juvelius, verheiratet hat, lebt Jsmael sein Eigenbrödlerleben fort und stirbt, ohne durch eine große Leistung sich betätigt zu haben, nach einigen Jahren. Diese Vorgänge selbst sind im Grunde das wenigste an dem Buche. Die Hauptsache vielmehr ist die Schilderung des inneren Lebens der Person. Dabei findet sich viel Eigenartiges, manche schöne Aussprüche werden mitgeteilt, entzückende Naturschilderungen gegeben; höchst lieblich und eigenartig ist die Geschichte der beiden Verlobungen. Der Grundfehler des Buches aber ist der, daß in Wirklichkeit kein Mensch so spricht, wie die Personen dieses Romanes eigentlich sämtlich reden. Wenn Juvelius einmal zu seinem Freunde sagt: „Du hast jetzt wieder eine unglaublich hochgetriebene Sprache" (S. 206), so könnte man diesen Ausspruch fast ausnahmslos auf alle Reden der vorkommenden Personen anwenden. Und das noch schlimmere ist, auch der Verfasser spricht beinahe so, wie er seine Personen reden läßt. Wenn man einen Satz wie den folgenden liest (S. 211): „Der Geheimrat v. Landre arbeitete seit Jahren an einer sehr umfassenden und grundsätzlichen Arbeit. Er wollte den Geist der Antike in unserer modernen Welt gewissermaßen nur als Sach- *) Ernst Rowohlt Verlag, 1913. Leipzig. forscher aufspüren, nur genau und scharf und augenscheinlich aufzeigen, was an unseren Kulturwerken in sich zusammenfallen müßte, wenn wir daraus, und auch aus unserer Geistwelt alle Zutaten und Gestaltungen herausbrächten, die uns das mythische Wesen des Altertums hinterlassen haben", so hat man wirklich die größte Mühe, zu verstehen, was der Verfasser will. Oder eine einfache Schilderung wie die S. 263: „Und wer könnte nicht begreifen, daß gerade dieses Verhalten Jsots in Juvelius' Blute revoltierte. Richtig ganz und. gar in den Grund griffen diese Tage und Wochen in ihm",üst von einer so seltsamen Ausdrucksweise, daß man sie sich erst in eine einfache Sprache übersetzen muß, um sich den Gedanken des Verfassers klarzumachen. Das sind nur ein paar zufällig herausgegriffene Proben; man könnte fast auf jeder. Seite solche Beispiele einer unnatürlichen, absichtlich unklaren Redeweise herausfinden. Aber wir haben in diesem Blatte das Buch nicht ausschließlich vom Standpunkt des Aesthetikers zu beurteilen. Man muß vor allen Dingen sagen: das Buch ist nicht das, was es zu sein vorgibt, nämlich die Geschichte eines Judenstämmlings, der an seiner Abstammung krankt. Vielmehr ist es die Darstellung eines dekadenten Menschen, übrigens eines sehr geistreichen und unglaublich verwöhnten Jünglings, der auf seine Toiletten, seine Ringe und Perlen viel mehr Wert legt, als sich mit seiner Gelehrsamkeit und seiner geistigen Bedeutung verträgt, der an seiner inneren Verstiegenheit, an seiner Unfähigkeit, den Kampf mit der Außenwelt zu bestehen, und an seiner plötzlich zutage tretenden Sinnlichkeit, nachdem er vorher niemals eine Frau berührt hat, zugrunde geht, nicht aber an. seinem Judentum. Denn weder in seinen Selbstgesprächen, noch in seinem geistigen Streben, noch in seiner Weltanschauung, noch endlich in den Unterhaltungen mit seiner Braut — man 'müßte ja denken, daß gerade bei diesem Gegensatz der adligen Dame und des von Juden stammenden Fabrikantensohnes dieser Gegensatz hervortritt — wird er je an sein Judentum erinnert. Das also, was der Verleger verheißt und was der Autor vielleicht wirklich zu geben beabsichtigt, ist der Roman durchaus nicht, aber er ist jedenfalls ein Buch, das zu denken gibt, und das nicht mit wohlfeilen Romanfabrikaten zusammengeworsen werden darf. Aus diesem Grunde war auch ein ausführliches Eingehen auf das merkwürdige Werk am Platze. Der Sohn Urs Miss. Von Julius Weil. .IV. Und schließlich, wozu ist die Taufe da?' Aber' weiter: die Verschiedenheit der Erziehung, der ganzen Lebensauffassung — da entstehen ja Gegensätze, die gar nicht auszügleichen sind. Müssen ja notwendig zu Konflikten führen, zu gegenseitigem Mißverstehen, zu gegenseitigen Anklagen und Vorwürfen, zu Herzeleid. Willst du's darauf ankommen lassen? Mit sehenden Augen ins Unglück rennen? Was, Luise? ... Und dann — damit mußt du rechnen — mit der Gesellschaft hast du verspielt, ein für allemal. Glaubst du, daß-Tante Geraldine dir je vergeben wird? Und alle die anderen? Für die bist du in Zukunft Luft, noch weniger als .Lust, Luise. Mit einem Wort: die Brücken sind abgebrochen, sobald du dich entschieden hast . ... Nun, was sagst dch Luise? Hab ich recht oder nicht?" „Recht und auch wieder, nicht recht, Vater," antwortete sie nach einigem Zögern. „Laß mich beim letzten anfangen. Daß