Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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als Geisteskultur, wie sie früher gerade für jüdische Männer und Frauen so charakteristisch war, tritt uns heute auch in den Kreisen unserer Orthodoxie selten entgegen. - Daß aber auch die jüdische Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten das Studium der Bachjaschen Theologie und Ethik verhältnismäßig wenig betrieb, hat sicherlich feinen Grund darin, daß. sie bis jetzt auf die Tibbonsche hebräische Uebersetzung angewiesen war. Hierin wird nun Aahudas Ausgabe des Originals gewiß Wandel schassen. Aber auch für das Studium gewisser kulturhistorischer Fragen, die mit i dem Bachjaschen Werk im Zusammenhang stehen, bietet erst der Originaltext eine sichere Grundlage. Vor allem gewährt er, wie der Herausgeber richtig bemerkt, „einen Einblick in die vielfachen engen Beziehungen der Juden zum mohammedanischen Geistesleben in der Epoche der jüdischarabischen Kultur". Für die Erforschung dieser Beziehungen hat 'Iahuda mehr getan, als zur engeren Aufgabe seiner Edition gehörtes In einer tief eindringenden Quellenstudie, die über die Hälfte seiner 113 Seiten umfassenden Einleitung ausfüllt, hat er die Resultate seiner hier in Frage kommenden Untersuchungen niedergelegt. Diese Arbeit ist um so dankenswerter, als es sich um schwer zugängliche Quellen handelt, um Werke, die nur zum geringsten Teil im Druck vorliegen, und deren wissenschaftliche Ausbeute eine Vertrautheit mit der einschlägigen islamischen theologischen und asketischen Literatur erfordert, wie.sie in Europa nur bei wenigen Fachgelehrten vorausgesetzt werden dürste. . Mit Recht hat Aahuda die Frage, wer die Philosophen sowie die „Frommen, Weisen und Fürsten anderer Konfessionen" seien, deren Lehren, Aussprüche, Lebensmaxime usw. Bachja nach seiner eigenen Angabe seinem Werke einverleibt hat, ohne jedoch ihre Namen zu nennen, nicht auf die Philosophen'beschränkt, wie das u. a. Schmiodl und' David Kaufmann taten. Fremdphilosophischer Einfluß in einem philosophischen Werke bzw. System gibt noch keinen Maßstab für die persönlichen Beziehungen feines Autors zu dem. Kulturkreis, aus dem jener Einfluß stammt. Philosophen sind gewissermaßen international. - Anders aber, wenn es . sich um . Elemente aus einem Schrifttum von mehr volkstümlichem Charakter handelt. Und das sind die Aussprüche, Maximen, Sitten und Bräuche der „Frommen und Weisen anderer Konzessionen", dieBachjain sein Werk aufnahm. Wem derartiges aus einem bestimmten Kulturkreis/so bekannt und geläufig ist, wie es bei Bächja der Fall war, der ist in dem betreffenden Kültur- . kreis heimisch, und. handelt es sich dabei um die Kultur seines Heimatlandes,, so gehört er diesem Külturkreis selbst an. Aahuda hat somit in kulturhistorischer Beziehung folgerichtig nach den Quellen dieser mehr volkstümlichen islamischen Elemente in Bachjas Werk geforscht und hat das überraschende Ergebnis zutage gefördert, daß sie den Mohammed zugeschriebenen Aussprüchen (Hadith), den Ueberliefevungen aus dem Leben der alteren Kalifen, der islamitischen Asketen und Heiligen usw. angehören, ja einige sind sogar neutestamentliche^und apokryphe Aussprüche Jesu, die in die islamische Literatur eingedrungen sind. Und wenn Aahuda auf Seite 53 bis 56 aussührt, in welchem Maße die Erzeugnisse der jüdisch-arabischen Literatur in der hier in Frage stehenden Epoche von den mannigfachen Elementen der mohammedanisch'en Kultur und Geisteswelt beherrscht waren,' so konnte er aus Seite 62 das Ergebnis seiner Untersuchungen bezüglich Bachjas dahin zusammenfassen, daß. sein Werk „hinsichtlich seiner inneren und äußeren Beziehungen zum mohammedanischen Denken und Schrifttum das Weitgehendste d.arstellt, was in den jüdischarabischen Erzeugnissen beobachtet werden kann". Diesen Worten ist nur hinzuzufügen: Das gilt unbeschadet der Selbständigkeit Bachjas als Denker und unbeschadet des echt jüdischen Geistes und Gehaltes seines Werkes. Wir hätten sonst jahrhundertelang die vielen jüdischen Frommen dieses Buch mit so viel Belehrung und Erbauung gelesen .und daraus die frömmsten und edelsten Impulse empfangen? Eine weitere sehr wertvolle und dankenswerte Studie, die Aahuda in seiner Einleitung niedergelegt hat, bilden die Berichtigungen und Ergänzungen zur Tibbonschen hebräischen Uebersetzung. Sie seien aber hier nur erwähnt, um solche Leser auf sie aufmerksam zu machen, die das arabische Original nicht benutzen können. Von ihrer sachlichen Würdigung müssen wir hier absehen. Dieses gilt auch von den Philologischen Verdiensten der vorliegenden Bachjaausgabe. Nur darauf sei hingewiesen, daß die Textgestaltung chahudas das Ergebnis von Untersuchungen ist, die für künftige Editionen jüdisch-arabischer Texte von grundlegender Bedeutung sein werden. Während die bisherigen Herausgeber solcher Texte nicht nur hinsichtlich des Wortlautes, sondern auch in . grammatischer und orthographischer Beziehung sich meist eng an ihre handschriftlichen Vorlagen hielten und inr sogenannten kritischen Apparat jede ' Abweichung der Handschriften voneinander buchen zu sollen glaubten, hat Aahuda auf Grund eingehender Untersuchungen orthographischer, orthoepischer und sprachlich idiomatischer Natur den Beweis erbracht, daß die bez. Eigentümlichkeiten der beiden vollständig erhaltenen Handschriften der „Herzenspflichten" nicht als authentisch, d. h. nicht als vom Autor selbst herrührend anzusehen sind, sorkdern daß sie vielmehr den jeweiligen landschaftlichen Dialekt und den Bildungsgrad der betreffenden Kopisten kennzeichnen. Damit hat Aahuda sichere Anhaltspunkte und Kriterien gewonnen für die Feststellung der Heimat und der textlichen Authentie der uns erhaltenen jüdisch-arabischen Handschriften im allgemeinen. Es war von manchen Gelehrten voreilig, die fraglichen dialektischen und idiomatischen Eigentümlichkeiten und Abweichungen vom klassischen Arabisch, die die jüdisch-arabischen Handschriften aufweisen,den Autoren zuzuschreiben und auf Grund smer solchen Annahme sogar eine Art I u d e n a r a b i s ch bei diesen Autoren Nachweisen zu wollen. Ebenso unkritisch war es, wenn manche Herausgeber aus Gründen der „historischen Treue" ihre Vorlagen sozusagen mit Haut und Haaren zum Abdruck brachten, wie dieses besonders - die meisten Herausgeber der einzelnen Traktate und Bruchstücke von Maimonides' Mischnakommentar taten. Dieses war „historische Treue" gegen die Kopisten, aber nicht gegen die Autoren. Die jüdisch-arabischen Gelehrten und Denker, wie Saadja, Gabirol, Bachja, Maimonides und andere, schrieben die arabische Gelehrtensprache ihrer Zeit. Die Vulgarismen und Inkorrektheiten ihrer Kopisten dürfen nicht ihnen zur Last gelegt werden. Diese Einsicht verdanken wir P a h u d a, der mit ebenso großem Scharfsinn als ungewöhnlicher Vertrautheit mit den hier in Betracht kommenden arabischen Dialekten die Bachjahandschristen untersuchte und die Resultate in der bereits 1904 erschienenen Vorarbeit zu seiner Bachjaausgabe veröffentlicht haP). Auf Grund dieser Ergebnisse hat Yahuda mit Recht seinem Bachjatext eine echt arabische Gestalt gegeben. Die hebräischen Charaktere der handschriftlichen Vorlagen hat er in arabische umgesetzt und den - Text nachder Orthographie und Grammatik des Schriftarabisch kritisch berichtigt. Damit hat er allerdings seine Ausgabe sich erschwert, aber durch ihre Lösung hat er zugleich einen wertvollen Philologischen Kanon für künftige Herausgeber jüdisch-arabischer Texte geschaffen. Durch seine mühevolle Arbeit und Philologische Akribie hat er ferner das Bachjasche Werk lesbarer gemacht: nicht nur für europäische Orientalisten, sondern auch für'die arabisch gebildeten Leser unter den orien- *) Prolegomena zu einer erstmaligen Herausgabe des Kitab alhidaja *ila fara'id al qulub von Bachja ibn Josef ibn Paquda. von Dr. A. S. Y a h u d a, Darmstadt 1904. .' , .