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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-21 · Heft 12 (21.3.1913) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 12 (21.3.1913)
Date
1913-03-21
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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an dem Mord unschuldig sei. Die chemische Untersuchung des Lehms, der an den Kleidern des' ermordeten Knaben gefunden wurde, soll unzweifelhaft ergeben haben, daß dieser Lehm von anderer Beschaffenheit sei als der . in der S-aizowschen Ziegelei (wo Beilis beschäftigt war) '.gebrauchte.. Damit entfällt das Hauptbelastungsuwment gegen Beilis. — Wie ferner berichtet wird, soll in den nächsten Tagen ein offizielles Communique über den Gang der Untersuchung veröffentlicht und zu gleicher Zeit der arme Beilis, der seit mehr als anderthalb Jahren im Gefängnis schmachtet, auf freien Fuß-gefetzt werden. ' ' ' Vom Präs identen Wil so n unb.b emru s s i s ch e n Hand elsv ertrag erzählt das „Berl. Tagebl.": - - „Vor einigen Tagen empfing nach einem Kabeltelegramm' aus Washington Präsident Wilson den Großrabbiner von New -^ork, um mit ihm die Lage der amerikanischen Juden zu besprechen. Hierbei erklärte der Präsident, er werde nie während seiner Präsidentschaft mit einem Lande einen Vertrag abschließen, in dem nicht die Juden die volle Gleichberechtigung hätten. In der Union würden jedenfalls die Juden in jeder Beziehung sich der gesetzlichen GlelchberechtiguNg zu' erfreuen haben. Danach ist aber anzunehmen, dgß Präsident Wilson in der Paßfrage nicht die von Rußland gewünschte Nachgiebigkeit zeigen wird. * Ueber chinesisch e Jud e n läßt sich die „Franks. Ztg." aus Schanghai nachstehendes schreiben: „In der chinesischen Presse wurde unlängst berichtet, daß die in Verfall geratene Synagoge der jüdischen Kolonie in Kaisengfu in der Provinz Honan von einer amerikanischen Mission gekauft worden sei. Diese Nachricht erinnert die Oefsentlichkeit -wieder einmal an die kleine, chinesische Judengemeinde in Honan, der einzigen, die sich von den vielen anderen, die schon in der Hanzeit (um 200 v. Ehr.) in China gegründet lvurden, 'erhalten hat. Im Laufe der Jahrhunderte sind die Mitglieder der Kaisengfuer Gemeinde völlig zu Chinesen geworden, wenn auch der Gesichtstypus vielfach noch auf eine fremde Rasse deutet. Sie huldigen aber Moder einem chine>stschen Glaubens-system, noch befolgen sie den Ritus ihrer fast vor zweitausend Jahren eingewandertelr. Vorfahrein Zum Teil' haben sich noch einzelne Ueberlieferungen erhalten. So ist' es verboten, Schweinefleisch zu essen; vor dem Genuß anderen Fleisches müssen alle Sehnen entfernt werden;- ferner ist nicht gestattet, bei Hochzeiten „heidnische", das heißt chinesische Musikinstrumente zu benutzen.. Die Zähl der Juden -in Kaisengfu beträgt etwa vierhundert; sie sind in zwölf Familien eingeteilt. Die Ausländer haben erst^ im siebzehnten Jahrhundert von dem Vorhandensein der jüdischen Kolonie in Kaisengfu erfahren. Pater Rizzi, einer der gelehrten Jesuiten, die im siebzehnten Jahrhundert am mandschurischen Käiserhof lebten, hat zuerst auf die chinesischen Juden -aufmerksam gemacht. Durch einen Zufall erfuhr damals Rizzi, daß in Peking Chinesen nngekom-- men seien, die nur einen Gott verehrten. Rizzi trat mit ihnen in Verbindung, und er berichtete darauf eingehend.über die jüdische Kolonie an den Vatikan. Später besuchten Ausländer' aus wissenschaftlichem Interesse Kaisengfu, das damals 'noch infolge seiner schlechten Verbindungen mit der Küste im tiefsten Innern Chinas lag, und studierten die alten Inschriften inder Synagoge.; Eine der Inschriften hat folgenden Inhalt: „Unser ältester Vorfahr ist Adam. Der Gründer unserer Religion war Abraham; ihm folgte Moses, der die Gesetze machte und dem Volk die heiligen Tafeln übergab. Während der Hanzeit kam unsere Religion nach China. Im zweiten Jahr des Herrschers Siautsung der Sungdynastie (1164 nach Chr.) wurde diese Synagoge gebaut. Die, die versuchen, Gott in Bildwerken zu sehen, verehren'nur leere Formen. Die, die die heiligen Schriften ehren und befolgen, lernen den Ursprung aller Dinge kennen.". — .Vor einigen Jahren waren in ausländischen jüdischen Kreisen Schanghais Bestrebungen im Gange, ihren darbenden chinesische Glaubensgenossen in Kaisengfu zu helfen. Es scheint aber, daß damals nichts Durchgreifendes .geschehen ist, denn sonst wäre die Kaisengfuer Judengemeinde nicht gezwungen gewesen, ihre verfallene Synagoge an eine ausländische Mifsionsgesellschaft zu veräußern." Lschjss „tzer?enspkllchten" im arabischen Artext. / Von Dr. D. Selber, Darmstadt. ie zweite Blüte der jüdischen Literatur und Wissenschaft entfaltete sich während des Mittelalters in den Kulturländern des Islams. Neben der Bibel, der Exegese, .Gesetzeskunde, Sprachwissenschaft, Poesie beschäftigten sich die Juden in jenen Ländern, zumal in Spanien, in fruchtbarer Weise mit Astronomie, Mathematik, Medizin, Philosophie usw. Sie schlossen sich hierin aufs engste der Kultur und dem Geistesleben der Araber an. - Die Sprache ihres Schrifttums war fast durchgehends das Arabische/ In diesemIdiom schrieben Männer wie SaadjaGaon, Gabirol, Bachja, Jehuda Hallevi, Maimonides u. a. selbst ihre ausschließlich für jüdische Leser bestimmten Werke. Diese Geist.esschätze wären jedoch für die Judenheit nach dem Untergang der jüdisch-arabischen Kultur verloren gegangen, hätten nicht die Tibboniden frühzeitig jene Werke.ins Hebräische übersetzt. Allein Uebertragungen können niemals die Originale ersetzen, auch wenn sie in ihrer Art vollkommener sind als die Tibbonschen, die bei allen ihren Verdiensten nicht von schweren Mängeln freizusprechen sind. Abgesehen davon, daß sie in ihrer Schwerfälligkeit und durch die Freindartigkeit ihres hebräischen Kolorits den Leser kaum etwas von den stilistischen Vorzügen und der Eigenart der Originale ahnen lassen, beruhen ihre Uebertragungen auch. in sachlicher Beziehung vielfach auf Mißverständnissen, die -um so. schwerer ins Gewicht fallen, als sie in alle aus -ihnen geflossenen Tochterübersetzungen übergegangen sind und von diesen reichlich vermehrt wurden. . Für die Wissenschaft des Judentums war daher der Besitz der Originale dringendes- Bedürfnis, und jüdische Orientalisten sähen es als ein officium nobile an, ihr diesen Besitz zugänglich . zu machen. Bahnbrechend auf diesem Gebiete war die Leistung des großen Pariser Orientalisten Salomon Munk, der Maimonides' der Weltliteratur angehörenden „Führer" (More Nebuchim) im Original mit -einer französischen Uebersetzung herausgäb (Guide des Egares, Paris, 1866/1866) und in dieser Arbeit seine Lebensaufgabe erblickte. Nicht ganz zwei Jahrzehnte später (1880) folgte Professor Dr. Landauer in Straßburg mit seiner Edition von. Saadjas „al Amanat w-al Iticjadat“ (Emunotli we Deotli); 1887 erschien das arabische Original des Buches Al-Chazari (Kusari) Jehuda Hallevis, herausgegeben von Professor Dr. H i r s ch s e l d in London; 1891 gab W ise in New York Gabirols „Islaeb al Acblaq" (ll'ibbnn ba Middoth) heraus. Endlich fand auch B a ch j a s berühmtes morälphilosophisches Werk einen Herausgeber in Dr. A. S. Y a h u d a zu Berlin'). Bachjas Werk gehört zu den epochemachendsten Schriften der jüdischen Literatur des Mittelalters. Nach-einem in gewissen islamischen Kreisen terminologisch gebrauchten Ausdruck nannte er es „Anleitung zu den P f l i ch t e n d e r H e r z e n" — Herzenspflichten im Gegensatz zu jener - äußeren Religionsübung, die gewissermaßen nur in -Betätigungen des Körpers und seiner Glieder besteht. Schon diese Unterscheidung war wichiig, aber wichtiger und entscheidender war die höhere Bewertung der Herzenspflichten, in deren Erfüllung Bachja die eigentliche Religiosität und Frömmigkeit erblickte. Religion und Moral sind ihm eine Art Pflege persönlichen Geisteslebens in religiös-ethischer Erkenntnis, Gesinnung und Tat; im Ergebnis: *) Al-Hidaja ila fara‘id al-qiilub des’ Bachja ibn Josef i b n P a q u d a aus Andalusien. Im arabischen Urtext zum ersten Male nach der Oxforder und Parifer Handschrift -sowie den Petersburger Fragmenten herausgegeben von Dr. A..S. Zahuda. Leiden, E. I. Brill, 1912. XVH. 113 S. (Einleitung) 4- 407 S. (Text). 20 Mark. : .. r.J...

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