Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229082--69291-3281585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nur führt die alte Megillah neben Achaschwerosch, Haman und seiner Sippe noch'zwei andere Personen vor, deren Namen im Gegensatz zu jenen in der Geschichte des Judentums zum Segen seiner Bekenner fortleben und uns, so oft wir sie nennen, der Verzweiflung entreißen und einen Lichtblick in die Zuku.nft gewähren: Mardachai und Esther. — Von.Haman sagt der Midrasckff): „Er gleicht einem Vpgel, der ein Nest am Meeresuser baute, das von den hochgehenden Wellen hinweggeschwemmt zu werden bedroht -war. Ich weiche nicht eher von hier, sprach' der Vogel, bis das Meer zu Land und das Land zu Meer geworden ist. Was tat er? Er nahm vom Wasser -in seinen Schnabel und goß es auf das^Trockene, und von diesem nahm er Staub und warf ihn ins Meer. -Dieses Verfahren beobachtete ein anderer Vogel. Er gesellte sich zu jenem, sah sein Tun eine Weile ruhig mit an und brach dann in den Nus aus: O, du Unglückseliger! Was wirst du am Ende erreichen? Ebenso, fahrt der Midrasch fort, sprach Gott zu Haman: Du Tor! Du willst Israel vertilgen, gänzlich ausrotten; das wird dir nicht gelingen. Du scheinst nicht zu wissen, daß lange vor dir ein Mann namens Mose gelebt, der Israel meine lebenspendende Lehre gegeben hat, die es auch in Leid und Drangsal beschützt und vor. Untergang bewahrt." In einem ganz anderen Lichte erscheint - uns Mardachai. Von ihm heißt es: DK JH' er wußte alles, was geschehen war. Ja, er kannte und erkannte die Gegner seines Stammes, in welcher Gestalt sie auch auftraten; er war über ihre Intrigen nicht minder als über die Vorgänge am Hofe des Königs genau unterrichtet und wußte beizeiten die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die von Haman und seinen Genossen geschmiedeten Ränke, die letzten Endes gegen den König selbst gerichtet waren, zu vereitelnö). — Er hatte, berichtet eine Sage, im zweiten Jahre der Regierung des Achaschwerosch einen gar eigenartigen Traum. Er sah nämlich, wie ein großes und heftiges Erdbeben über die Erde kam, das alle ihre Bewohner in Angst und Schrecken versetzte. Dann sah er zwei .große Drachen, die gegeneinander lärmten und einen Krieg aufführten, daß alle Völker, vor dem gewaltigen Toben entsetzt, die Flucht ergriffen. Unter diesen Völkern aber gewahrte er ein kleines Volk, über welches alle anderen herfielen, um sein Andenken von der Erde zu vertilgen. — An diesem Tage hatte sich eine tiefe Finsternis über die ganze Erde verbreitet, dem kleinen Volke ward es bange und es schrie zu Gott. Der fürchterliche Kampf zwischen den Drachen aber währte--fort, und niemand unternahm es, sie auseinander zu bringen. Da erblickte Mardachai eine zwischen den Kämpfenden dahinrieselnde Wasferqnelle, die sich allmählich in einen Bach verwandelte, der strömend wie das große Meer die ganze Erde zu überschwemmen drohte und so die kämpfenden Drachen voneinander trennte.. Nun ging die Sonne auf über der Erde, erleuchtete die ganze Welt, das kleine Volk schwang sich empor, und Friede und Wahrheit traten wieder ihre Herrschaft an." An diesen Traum, spinnt die Sage ihren Faden fort, hatte Mardachai stets gedacht und an ihn jetzt, wo Haman das jüdische Volk vernichten wollte, seine Kusine Hadassa mit den Worten erinnert: „Der Traum, den ich dir in den Tagen deiner Jugend erzählt hatte, scheint sich gegenwärtig zu verwirklichen. Nun auf! -Flehe zu Gott um Erbarmen und eile zum König, um von ihm die Erhaltung deines Stammes zu erwirken""). h Midrasch Esther C. 3. 5) Apokryphen, Zusätze zu Esther. ®)’Ibid; im Jalküt Schinwni und Midrasch Esther gekürzt und abgeändert wiedergegeben. Die Deutung dieses Traumes können wir getrost unseren Gegnern überlassen, die im Verlaus der Leidensgeschichte Israels sehr oft erfahren haben, daß das Wort feines großen Propheten: „Jedes Gerät, geschmiedet gegen dich, richtet nichts aus, und jede Zunge, ,die gegen, dich auftritt zum Gerichte, .sprichst du schuldig"^, sich stets bewährt hat. Uns interessiert nur' der letzte Passus des mitgeteilten Berichtes, aus dem klar hervorgeht, daß Mardachai, dem nachgerühmt wird, er saß im Vorhofe des Königs, also zu den Edelsten', seines Stammes gehörte, ein NiN'' ein jüdischer Mann im edelsten Sinne des Wortes war, der sich weder auf seine bevorzugte Lebensstellung etwas Besonderes einbildete, noch in schlimmster Zeit in seinem Vertrauen auf den endlichen Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit wankend wurde: er war in guten wie in'bösen Tagen ein Mann, „der das Wohl seines Volkes förderte und zum Heile aller seiner Nachkommen redete". Und in dieser Gesinnung hatte er auch seine Base Hadassa oder . Esther erzogen, die in der rabbinischen Literatur -ITOPT nb^ 8) „Hindin der Morgenröte" genannt wird, weil sie gleich dem Morgenstern nach finsterer Nacht den Verzweifelten und Bedrängten ihres Stammes Licht und neues Leben ankündigte. Auf die Ermahnung ihres Vetters: „Bilde dir nicht ein, im Hause des Königs vor allen anderen Juden Rettung zu finden; wenn du in dieser bedrängten Zeit schweigst, wird den Juden Rettung und Erlösung von einem anderen Orte her erstehen", ließ sie ihm die vielsagende, zu . allen Zeiten beherzigenswerte Antwort übermitteln: „Gehe, versammele alle Juden." Beide, Mardachai und Esther, sahen den Fortbestand des Judentums von der Einigkeit seiner Bekenner abhängig. Sie sprachen ebenso klar und deutlich ihr Verdammungsurteil über die Großen und Vornehmen in Israel aus, die, durch die Gunst des Glückes geblendet, ihren Ursprung vergessen und gegen die Leiden ihrer Stammesgenossen gleichgültig sind, wie sie die großen Massen des Volkes beklagten, die durch Parteibildungen und sonstige innere Zwistigkeiten ihre Kraft schwächen und so dem gemeinsamen Feinde in die Hände arbeiten. Von diesem Gedanken erfüllt, bemerken unsere alten Weisen: nnT’ fiXDSD mprf nb’Hj 9) ]nb liojrütp rvura insnnwa naiötm Drymaa Achaschwerosch hat durch das Abziehen seines Siegelringes, den er Haman zum Zeichen der Einwilligung in seinen gegen die Juden ausgedachten Vernichtungsplan gegeben hat, für Israel weit heilvoller gewirkt als die achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen, die ihm sein Schicksal im voraus sagten. Diesen war es nicht gelungen, Israel zu seinem Lebensquell zurückzuführen, es durch das Band der gemeinsamen Abstammung und des gemeinsamen Glaubens zu einigen und zu kräftigen — das zu verwirklichen blieb und bleibt immer wieder Achaschwerosch und Haman Vorbehalten. Fürwahr, das Buch Esther ist ein treues Spiegelbild unserer Jahrtausende alten Geschichte. Es zeigt uns nicht nur unsere unversöhnlichen Feinde, die in ihrem ewigen grimmigen Haß die Ausrottung Israels erstrebten und erstreben; es. weckt in uns auch die Erinnerung an unsere Freunde, an so viele edle Männer und Frauen, die angesichts der Leiden und Drangsale ihres Stammes nicht allein glücklich und zufrieden sein wollten und wollen, sondern wie einst Mardachai und Esther stets danach trachteten und trachten, ihn zu erhalten und vor den Folgen der Lüge und Verleumdung zu schützen. Darum vertiefen wir uns alljährlich immer von neuem in den Inhalt der alten Megillah, getreu der Vorschrift unserer weitblickenden alten Lehrer: d1’3 nrvOE&inWn nrrhpbDlK ITT! 7) Jesaia 54, 17. p) Die Autorschaft des Psalm 22 wird ihr zu ge schrieben. ft) Megillah 14 a.