Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1913)
- Date
- 1913-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229082--69290-3281584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 77. Jahrgang Nr. 12 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/H9, zu richie.,. Verlag von Rudolf Mosse, .Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<t. Das Buch Esther. Von Albert Katz. — Die Woche. — 1| llljtlll« Bachjas „Herzenspflichten" im arabischen Urtext. Von Dr. D. Selber, Darmstadt. — Karl Hauptmann: Ismael Friedmann. Besprochen von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Der Sohn des EliaS. Von Julius Weil. — Der General von Chammerow. 'Purimhumoreske von Sam. Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Juden - tums"). Berlin, Brandenburg a. H., Hamburg, Chemnitz, Nürnberg, Prag. — Von Nah und Fern. Dgs Luch Llthrr. Von Albert Katz. uf dem ganzen Erdenrunde, an jedem Orte, wo Juden ein Gemeinwesen bilden, wird alljährlich am vierzehnten Adar in Israels Andachtstätten, das Buch Esther öffentlich verlesen, um die Bekenner.des jüdischen Glaubens immer von neuem an eine vor Jahrtausenden sich ereignete Begebenheit ihres Stammes zu erinnern. ' ' Die aus diesem Buche uns mitgeteilte Geschichte, schlicht und volkstümlich in der' Sprache, ist formvollendet in der Anlage, ein Meisterwerk altjüdischer Erzählungskunst und wirkt geradezu faszinierend durch die Natürlichkeit der. vorgesührten Handlung. Nichts Wunderbares tritt uns - in ihr entgegen; sie enthält ebensowenig etwas mysteriös Dunkles wie irgendeinen klaren Hinweis auf Gott, als den Lenker der. menschlichen Geschicke. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hält sie unsere Aufmerksamkeit von Anfang bis zu Ende in hohem Maße gefangen und ruft in uns Gefühle und Empfindungen wach, die unserem Blicke für eine Weile den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwischen. Darum forschen wir nicht nach dem Namen des Verfassers, fragen auch nicht, wann und wo die von ihm geschilderte Begebenheit sich zugetragen: uns genügt der lebenswahre Inhalt,' die wirkungsvolle Gestaltung der Vorgänge, die uns so bekannt erscheinen, als ob wir Zeugen der Handlung gewesen wären und alles miterlebt hätten. Mit einem Worte: das dem Purimfeste zugrunde liegende Ereignis ist eine alte Geschichte, die ewig neu bleibt, so daß wir bei ihrer näheren Betrachtung, ob wir wollen oder nicht, an den talmudischen Ausspruch denken müssen: LN1PN imn •). Das Buch Esther verrät durch seinen Inhalt, daß der Verfasser vom „heiligen Geist" inspiriert war. Man mag dieses Wort auffassen und auslegen wie man will, es büßt von seiner Wahrheit nicht das geringste ein-. Das Buch Esther zeigte unseren Vorfahren und zeigt auch Uns in einem Spiegel der Vergangenheit lebende Bilder der Gegenwart, die unsbald *) Megillah 4a. - . -. demütigen und Niederdrücken, bald wieder ermutigen und aufrichten. Schlagen wir nur die Annalen unserer Geschichte auf! Wie oft sahen und sehen' wir den wankelmütigen, launenhaften König Achaschwerosch samt seinen gewissenlosen, Hab- und rachsüchtigen Räten dem Grabe entsteigen, um die seinem Szepter unterstehenden Juden zu verpfänden und zu verkaufen, für vogelfrei zu erklären und so der von irgendeinem zum Günstling erhobenen Emporkömmling empfohlenen Ausrottung preiszugeben! Und kann man denn nicht. das Wort der Schrift: „Die Söhne des (streitsüchtigen) Korachs find nicht gestorben" auch auf die Nachkommen des Erzfeindes Amalek anwenden? Ja, wie jene leben auch diese fort und fort, um immer wieder und wieder die alte Anklage.gegen, uns zu erheben: Die Juden, unter alle Volker der Erde zerstreut und zersprengt, stellen ein ‘rriR ein einiges Volk dar, das allen.-anderen Völkern feindlich gesinnt ist; sie haben ihre eigenen/Gesetze und befolgen darum nicht die Gesetze des Landes, in dem sie leben; sie sind intelligent, fleißig und erwerbstüchtig — zum Nachteile ihrer Mitbürger, die sie in raffiniertester Weise ausbeuten: Der Staat hat also nicht die geringste Veranlassung,, sie in seiner Mitte auch nur zu dulden! Mit Recht bemerkt ein älter jüdischer Lehrer: Niemand kommt in der geschickten Anwendung der Derle.umdungssprache dem alten Haman gleich2). Ja, er war. ein Meister in seinem Fache und darum ein trauriges Vorbild für alle seine Nachfolger, die gleich ihm, bis auf unsere Zeit, ihren giftigen Anklagen gegen das Judentum ein Kernchen von Wahrheit zugrunde legten und legen, um so nachhaltiger die Lüge wirken zu lassen, um desto sicherer auf Erfolg für die von ihnen erstrebten grausamen Ziele rechnen, zu können. „Tod und Verderben dem Volke der Juden" lautete und lautet in manchen Ländern. — ich.nenne nur Rußland und Rumänien — noch gegenwärtig ihre Parole, so daß der überwiegende Teil unseres Stammes, verfolgt und entrechtet, leider, auch in unserer zivilisierten Zeit in die alte Klage des Dichters Schabtet den Mose in. Roms) einstimmen kann: Sperber und Adler fressen . An der Daübe: , ' . Dieser zupft. Jener rupft: ' Beide essen Von unserem Raube. Edom scheert uns die Wolle, Die Haut zieht ab der Tolle; Einander sind sie gut. Gilt es zu trinken unser Blut. 2) Jalkut Schimoni Esther, C. 3. ... , 3) L. Zunz, Die shnagogale Poesie des. Mittelalters, Berlin . 1856. S. 203.' ' '