Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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er die Erschienenen warm begrüßte und auf die Ziele der Vereinigung hinwies. Der erste Redner des Abends- Herr Rabbiner Dr.'W eiß e, schilderte die religiöse Not unserer Zeit und bezcichnete die Freie Vereinigung als die einzige Richtung, die berufen sei, uns? zu einer Epoche gesunder Entfaltung aller jüdischen Kräfte im Dienste der Ethik zu führen. Nach ihm betrat der bekannte Gelehrte Dr. M. Brann aus Breslau die Rednertribüne. Mit demganzen Rüstzeug der wissenschaftlichen Forschung zeichnete er in großen Zügen den Rahmen der Entwicklung und wies nach, daß der Entwicklungsgedanke keine fremde Pflanze im Judentum ist, daß aber eine gesunde Entwicklung im Geiste Zacharias Frankels eine Vertiefung und keine Zerstörung des Judentums bedeutet. ■ Als letzter Redner sprach dann Herr Rabbiner Dr. Werner aus München über die religiösen Kämpfe der,Gegenwart.- Er kritisierte scharf-die „Richtlinien" und versuchte nach- Zuw'eisen, daß sie verfehlt, und in ihren Konsequenzen geeignet seien, eine Spaltung im Judentum herbeizuführen. Er polemisierte gegen die extremen Parteien rechts und links und sprach beiden , die Werbekrast ab, die große jüdische Gesamtheit um die Fahne des Judentums zu scharen und sie für seine Ziele zu begeistern. Die Ausführungen aller drei Redner wurden mit großem Beifall ausgenommen. Zum Schluß dankte der Vorsitzende den Rednern des Abends und richtete einen warmen dlppell an die Versammlung, die friedlichen Bestrebungen der-Vereinigung ideell und materiell zu fördern. , y. Berlin, 11. März. Bekanntlich fand seinerzeit in Brüssel eine Konferenz der großen jüdischen Hilfsorganisationen statt, um die Hilfsaktion für die durch den Balkankrieg in schwerste Not geratenen Juden einheitlich zu unternehmen. Leider wurde damals eine Einigkeit insofern nicht erzielt, als die „Alliance Jsraelite Universelle" aus bestimmten Gründen sich zu der gemeinsamen Hikfsarbeit nicht entschließen konnte. Auf Veranlassung der Frankfurter Herren in Gemeinschaft mit Herrn Senator Fischer-Hannover hat nunmehr, wie wir erfahren, das Pariser Zentralkomitee der „A. I. U." den Beschluß gefaßt, in erneute Verhandlungen über eine gemeinsame Aktion mit den anderen großen Hilfsorganisationen einzutreten. Die Verhandlungen sind jetzt soweit gediehen, daß es ziemlich sicher ist, daß ein Zusammengehen gewährleistet ist.- - Königsberg Pr., .7. März. Das^ f r a e l i t i s ch e W a i s e nh aussür S t a d t Königsberg und ProvinzOstp r e u ß e n hielt vor kurzem seine Hauptversammlung ab. Die Anstalt zählte zu Beginn des Jahres/36, am Ende 34 Zöglinge, davon waren 30 schulpflichtige Kinder, 20 Knaben und 10 Mädchen, und drei Knaben und ein Mädchen in beruflicher Ausbildung. Während der Sommermonate erhielten die Zöglinge Unterweisung im Gartenbau und im Winter Handarbeitsunterricht in der Anstalt. Zwei frühere weibliche Zöglinge haben sich verheiratet, sie erhielten Aussteuerbeihilsen' von je 300 Mark. An Stelle von Frau Clara Hell e r wurde Frau Anna Winter zur Ehrendame gewählt. Das Vermögen der Anstalt ist auf 349674 Mark angewachsen. Die Gesamtkosten für einen Zögling stellten sich auf 881 Mark pro Jahr. Die turnusmäßig ansscheidenden Vorstandsmitglieder Stadtrat Professor Dr. Lassar- C o h n, Professor Dr. Elling e r und Kaufmann Julius L a z a r wurden einstimmig wiedergewählt. , . Aautenburg (Westpr.), 7. März. In welch schönem Einvernehmen die einzelnen Konfessionen unseres Städtchens leben und welcher Achtung sich unsere Glaubensgenossen hier erfreuen, ist wohl am besten daraus 31t entnehmen, daß im Stadtverordnetenkollegium acht unserer Glaubensgenossen sitzen: die Herren Blumen thal, C. Cohn, Jacobowitz, Ia c0 bs0hn, H. Krzesni, Ritz ins ki, M. Salomon I und M. Salomon II. Herr B l u m e n t h a l ist Stadtverordnetenvorsteher. Herr Lewin ist Mitglied des Magistrats und Herr Kurzinski Ehrenbürger der Stadt. Der jüdische Lehrer, Herr Treumann, ist. Schriftführer des - Kriegervereins und hat schon sehr häufig an Patriotischen Festen, auch , jüngst wieder am Geburtstag unseres Kaisers die Festrede.halten und das Kaiserhoch ausbringen müssen. Der Vorsitzende des Vereins ist ein Reserveoffizier und gehören dem Vereine noch mehrere Offiziere an. ^V. Posen, 7. März. Der Kaufmann Max Katz in unserem benachbarten Schwersenz ist Vorstandsmitglied der dortigen Synagogengemeinde. Am 1. April v. I. chatte diese ihren Kultusbeamten entlassen, einen Vertreter aber nicht rechtzeitig erhalten können. Auf Verarckassung des Gemeindevorstehers Katz leitete der russische Untertan Littmano-- wicz, der von Berus Lithograph ist und sich gerade beschäftigungslos in Schocken, Bromberg, aushielt, die Gottesdienste, nahm auch zeitweise das Schächten vor. Da ausländische Juden ohne Genehmigung des Oberpräsidenten Amtshandlungen nicht ausüben dürfen, hatten sich Katz und Littmanowicz wegen Uebertretung der ministeriellen Bestimmungen über die Ausübung des jüdischen Kultusdienstes vor Gericht zu verantworten. Vom Schöffengericht waren sie freigesprochen worden. Aus Berufung der Staatsanwaltschaft gelangte die Sache vor Der . hiesigen. Strafkammer noch einmal zur Verhandlung. Katz erklärte, nicht gewußt zu haben, daß Littmanowicz Ausländer sei. Das jüdische Gesetz gebe jedem Juden, der eine vornehme Gesinnung habe, das Recht, vorzubeten. Wegen, seiner schönen Stimme sei Littmanowicz als Vorbeter behalten worden. Der als Sachverständiger vernommene Rabbiner der hiesigen israelitischen Brüdergemeinde, Herr Professor Dr. Bloch, führte aus, daß dem Vorbeter amtliche. Funktionen nicht übertragen werden. Er brauche nur die hebräischen Gebete Nachlesen zu können, ganz gleich, ob er sie dem Inhalte nach, verstehe oder nicht. Es bedürfe keiner Ordination, keiner Amtsübertragung. Nach dem Gesetz könne jeder Jude über 13 Jahre, der moralisch und bürgerlich unbescholten ist, zu jeder Zeit und Gelegenheit vorbeten, wenn die Gemeinde damit einverstanden ist. 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