Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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werden. Von den Placierten Bewerbern war die Hälfte männlichen, die Hälfte weiblichen Geschlechts; 28 befanden sich im Alber von 51 bis 60 und sieben im Alter von 61 bis. 70 Jahren. Die Zahl der Ausländer war erheblich im Rückgang begriffen: Es sind 280 Oesterreicher, 69 Nusien -und 52 Petenten aus deutschen Ländern untergebracht' worden. Nell eingerichtet wurden eine Stgl.lenv erm i t t l u n g für L e h r l i n g e, in-: der die Ang>ehörigen - schulentlassener Kinder beraten und jeweilig getvünschte Arbeitsywglichkeit vermittelt wird, und weiterim Anschluß an die weibliche- Abteilung, eine Vermittlungsstelle für jüdisches Haus- und Wirtschastspxrsonal. Diese könnte Erspr-ießlicheres leisten, wenn mehr Angebote von jüdischen Mädchen vorlägsir, da die Nachfrage nach j ü dis ch e nt Wirts ch a s t s P e r s o n a l was Angebot bei weitem übersteigt. Die Abteilung Schreibstube des Vereins hat sich in recht erfreulichem Maße sortentwickelt. Es sind dort unter anderem 870 000 Briefadressen ausschließlich durch stellungslose Kausleute und andere bedürftige Personen geschrieben worden, die durch diese Arbeit über die Zeit des schwersten wirtschaftlichen Mederganges hinwegkamen. Leider, hat der Verein im vergangenen Jahr unter der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse! zu leiden gehabt und seinen Etat mit einem Defizit abschließen müssen. Soll der Verein seinen in stetem Wachstum begriffenen Zwecken voll gerecht werden, so ist sowohl eine Erhöhung .seiner- Mitgliederzähl wie die Gewinnung neuer Freunde unter den Arbeitgebern vonnöten. Viele arbeitslose Glaubensgenossen sprechen täglich in der Stellenvernrittlung des Verins vor und erwarten hier die Erlösung aus sozialer Not. Wieviel Elend könnte gemildert, wieviel Lebensfreude rvieder geweckt werden, wenn die im Erwerbsleben stehenden Freunde ausschließlich unseren Verein mit der Vermittlung der notwendigen Arbeitskräfte betrauen würden. Denn der Nachweis von Arbeit und Verdienst gehört zu einem der wesentlichen Zweige moderner Sozialresorm, geschaffen, wirtschaftliche Gegensätze zu mildern und zum sozialen Frieden hinüber zu führen." Der Schatzmeister, Herr E mi l Coh n, erstattete hierauf den Kassenbericht, den die Revisoren geprüft und für richtig befunden haben. Der Antrag auf Decharge wurde debattelos angenommen. Durch Akklamation wurden die bisherigen Mitglieder des Vorstandes wieder und die Herren Rechtsanwalt Dr. Ludwig Holländer und Rentier Adolf F u ch s neu gewühlt. ■ : - ■ . . . A. F. Berlin, 11. März. In der Montagsvorlesung vom 3. März zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sprach Stadtverordneter Redakteur D r. jur. I. Levy-Berlin über das Thema „Aus alter Zeit". Der Redner entwarf zunächst ein Bild aus dem Leben der Juden in Deutschland und besonders in Berlin vor der Emanzipation. Traurig war damals die Lage der Juden in ihrem Vaterlande, das ihnen kein Vaterland sein wollte. Verfolgungen und Bedrückungen standen aus der Tagesordnung. Ganz unbegründete' Verdächtigungen, welche die Beschuldigten unter den entsetzlichsten Folterqualen eingestehen mußten, genügten, um viele dem Tode preiszugeben und die anderen aus dem Lande zu verjagen. Selbst diejenigen, die unter dem Schutze des : Fürsten standen, teilten das bittere Los ihrer Brüder. Der Schutzbrief durste nur auf ein Kind übergehen. Bis zum Jahre 1805 waren die Juden in Berlin gleich Mördern und Räubern von der Kausmannsgilde ausgeschlossen. Hingegen mußten sie die größten Steuern zahlen. Und doch haben sich die Juden an den Befreiungskriegen mit großen Opfern und bewunderungswürdiger Hingabe beteiligt. Die Antisemiten wollen die Beteiligung der Juden an den Befreiungskriegen als philosemitische Eulenspiegelei hinstellen. -. Der Redner führte zahlreiche Belege für den Vaterlandseiser der jüdischen Soldaten und Bürger, die keine Opfer an Gut und Blut scheuten, an. Auch in den späteren Kriegen haben die jüdischen Soldaten gleich, den christlichen mit heroischem Müt auf' dem Schlachtfeld für ihr Vaterland gesochten. So können auch die Juden jetzt t>ie. Jahrhundertfeier in dem- Bewußtsein begehen, daß auch ihre Vorfahren die Pflicht gegen das -Vaterland in dieser schweren Zeit voll erfüllt haben. Zwar sind wir heute noch nicht im vollen Besitz der uns in jener Zeit zugesicherten Bürgerrechte, viele staatliche Karrieren sind heute noch dem Juden unzugänglich. Gewisse Vorgänge in letzter Zeit — Kaiserhochassäre in Königsberg, das Flugblatt des Deutsch-völkischen Studentenverbandes, das voll, niedrigster Gehässigkeiten ist — lassen den Anschein erwecken, als ob wir einer Zeit finsterer Reaktion entgegengehen. Allein wir geben die Hoffnung auf den endgültigen Sieg des Humanitätsgedankens nicht mrs. In dieser Hoffnung werden auch die Juden die Jahrhundertfeier begehen. Mit dem Rufe: „Ans Vaterland, ans Vaterland,- ans teuere,/schließ' dich an!" schloß der Redner seinen Vortrag, dem das Publikum reichen Beifall spendete. " A. F. Berlin, 11. März. Im V e r ein s ür. jüdisch eG eschich te und Liter atu r sprach ' am 6. d. M. Rabbiner Dr. B a e ck über „Ibsens Religion". An das bekannte Sprichwort: „Wer den .Dichter will verstehen, muß iN Dichters Lande gehen" anknüpsend, zeichnete der Redner höchst anschaulich den nordischen Himmel, der allein uns die Eigentümlichkeit der nordischen Dichter verständlich machen könne. Ibsen habe es erst in der Fremde empfunden, wie innig er mit seiner heimatlichen Natur verbunden sei. Die langen Tage und die dämmerungslichten Nächte des Nordens erregen einen unheimlichen Schauer bei den Großen, die in ihren Visionen das - sehen, was sonst jedem ewig verborgen bleibt. Diese schauervollen Visionen haben die Vorstellung erzeugt, diese Welt sei nur ein bitterer Kampf mit dem Gespenstischenmit den unheimlichen Mächten des Schattenreichs, welche in das Tun der Lebenden wirkend eingreisen. Wollen heiße daher bei diesen Dichtern von einer höheren Macht gezwungen sein. Diese Vorstellung zeige uns, wie im Toten- und Ahnenkultus der Alten die Fortexistenz der menschlichen Seele nach dem Tode ein Problem, das von jeher die großen Geister beschäftigt hat. Neben diesem Gespensterglauben finden wir bei Ibsen den Glauben an das Gute, der aber bei ihm in seiner Uebertreibung in die Weltanschauung des „Sichauslebens" mündet. Die Frauengestalten Ibsens wirken so ergreifend, weil sie uns die Frauen im Kamps um das Gute, d. h. in der mächtigen Sehnsucht, für andere etwas leisten zu dürfen, zeigen. Die jüdische Religion, welcher nicht selten der Vorwurf des nüchternen Realismus gemacht wird, will den Schleier vom ewigen Geheimnis der Allmacht nicht lüsten; sie gebe sich vielmehr in tiefer Andacht vor dem gewaltigen Mysterium kund. Prägnanter trete sie in dem Glauben an das Gute hervor. Ein ganzer Mensch sein ist nach den Propheten ideale Pflichterfüllung seinem Nächsten und Gott gegenüber. Darin gerade unterscheide' sich die jüdische Weltanschauung von den Erlösungsreligionen, da der Erlösungsgedanke, konsequent durchgesührt, in den gefühllosen Egoismus ausläust. Der Versöhnungsgedanke des jüdischen Glaubens stellt hingegen die innere Annäherung der Menschen und deren gegenseitiges Wohlwollen als höchstes Ideal hin. So gelangen wir auch - heute im Rückblick auf die Ermahnungen und Verheißungen der Propheten stolz zur Erkenntnis, daß die jüdische Religion eine Lehre der Wahrheit ist. Der Vortrag, der sich durch Gedankentiefe auszeichnete, fand ungeteilten reichen Beifall. — A n s d e n a u s w ä r t i g e n L i t e r a t u r v e r e i n e n. In Tilsit sprach Chefredakteur Dr. I. Landau-Berlin über „Das altjüdische Heim"; derselbe in Memel, Königsberg und Allenstein über „Goethe und das Judentum"; in Wollstein i. P. sprach Herr Ludwig H a r d t - Berlin über „Neuere jüdische und moderne deutsche Dichtungen"; in ' Könitz Rabbiner Dr. Tirschtiegel: „Der Talmud und die Reformation"; in Bayreuth: Dr. med. Holziger über „Die Hygiene in der Bibel; in Dötmold: Rabbiner Dr. D a v i d - Bochum über „Die Bergpredigt im Lichte des Judentums", Prediger Dr. Coblenz-Bielefeld über „Schopenhauers Stellung zum Judentum"; in Lndwigshafen Herr Sigmund Weil über „Erlebnisse im Kriege 1870/71"; in Frankfurt a. M.: Dr. Simchow'i.tz?Köln: „Der Jude aus dem Theater"; in Hohensalza Rabbiner Dr. G u t t m a n n - Culm: „Entwickelungsgang .unserer Gebete"; in Stendal: Schauspieler Golz: Rezitationen; in Leipzig: Dozent Dr. Elbogen: -,Ein christliches Urteil über das Judentum"; in Köln: Rechtsanwalt Dr. B o d e n h e i m e r : „Eine Frühlingsreise nach Palästina"; an Diedenhosen: Rabbiner Dr. Tänzer-Göppingen: „Zur Geschichte der Entwicklung des Judentums vom Versall des jüdischen Staates bis,zum Abschluß des Talmuds"; in Mannheim: Herr August L a m e y - L o ge: Rezitationen; in Bonn: Kapell-. meister Levy-Berlin über „Jüdische Musik und jüdische Musiker"; in Lissa i. P.: Frau Apothekenbesitzer M annh ei m-Lissa: Rezitationen aus den Werken eines Lissaer Dichters (Moritz Scherbel) und ' anderer; in Harburg: Dozent Dr. I. Elb o g e n-Berlin: „Vor hundert Jahren". > <y» Berlin. 11. März. Die „Freie jüdische Vereinig u n g" veranstaltete am 6. d. M. im großen Saal der Gesellschaft der Freunde ihren ersten Vortragsabend, der außerordentlich stärk besucht war. Gegen 8^ Uhr eröffnete der 1. Vorsitzende, Herr Hugo Heilmann, die Versammlung mit oiner kurzen Ansprache, in der