Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229081--69281-3281574
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Literarische Mitteilungen. — V oin alten Stamm. Eine SamMunq jüdischer Bücher. Die liebe Provinz von Sch. Gorelik. Jüdischer Verlag, Berlin W.15. ' : ' Elegische Klagen, sentimentale, aber hier nicht im schlechten Sinne, sondern in der Bedeutung des Gefühlvollen, Empfindsamen, Schilderungen einer kleinen Stadt. Weniger Erzählungen als Skizzen, voll von Poesie rmd Herbststimmung. Denn meist ist das, was der Verfasser berichtet, traurig, zwar nicht mitleidslos, sondern durch einen Schimmer von Hoffnung und GlüH verklärt. -^ Die Krone des ganzen Buches, eine der längsten Erzählungen, ist „Äsriel, der Buchbinder". Die Geschichte eines russischen Juden, eines unentwegten Optimisten, der trotz schwankender Gesundheit und trauriger Schicksalsschläge seine ideale Gesinnung nicht verleugnet, der inmitten des wüsten Parteigetriebes seine Ideale nicht verläßt und unschuldig bei einem Volksaufstand erschlagen wird, das wehmütige Lächeln des Idealisten aus den Lippen, voll Entzücken, daß wenigstens ein Unschuldiger vom schmählichen Tode befreit wirb. Eine ganz wundervoll erzählte Geschichte, die allein genügen würde, das Buch zu einem Meisterwerk zu stempeln. ■ LG. 7 * — Rede z u m 100. Geburtstage Sigismund Sterns, des Begründers der jüdischen Reformgemeinde in Berlin, gehalten im Gotteshause derselben von Dr. I e l s k i am 30. Juni 1912. Veröffentlicht vom Vorstande der Gemeinde. Der Vorstand der Reformgemeinde hat die. löbliche Gewohnheit, die der Vorstand der Gesamtgemeinde selten öder nie befolgt, Predigten, die einen besonderen Eindruck gemacht haben oder bei ausnahmsweise wichtigen Gelegenheiten gehalten worden sind, durch den Druck allgemein bekanntzumachen. Die vorliegende Rede gibt eine kurze Uebersicht der allgemeinen jüdischen. Reform sowie einen Ueberblick über die Gründung der Reformgemeinde in Berlin und Sterns hervorragende Beteiligung an letzterer. Besonders schön ist der Schluß, wo der alte Spruch „Ich will die Morgenröte wecken" auf Stern angewendet wird. L. G. ♦ — Die Thora als Grundl a g e unseres Verbandes. Vortrag, gehalten aus dem 21 .Gemeindetag des Verbandes der Shnägogengemeinden Westfalens zu Bochum am 23. Juni 1912. Von Dr. M. Da v i d, Rabbiner der Synagogengemeinde Bochum. Man kann nur billigen, daß dieser lehrreiche/ warm empfundene Bortrag einer, wiewohl beschränkten Oesfentlichkeit zugeführt worden ist. Zur Charakteristik des Tones und der. Gesinnung sei hier eine Stelle abgedruckt. Sie lautet: „M. V. Die Orthodoxie möchte es ja gern so hinstellcn, als sei sie allein die Hüterin der Thora, sie nennt sich allein gesetzestveu. Aber werden von ihr etwa die in der Thora Moses (in den fünf Büchern Moses) vorgeschriebenen Gesetze peinlich genau erfüllt? Gewiß nicht, und mit Recht nicht! Denn dieses Gesetz schreibt einen Opscrkultus, das Schlachten von Stieren und Widdern und das Sprengen ihres Blutes vor; Diese Form des Kultus ist überwunden worden, nicht nur infolge der Zerstörung des Tempels, sondern auch innerlich überwunden durch die veränderte, religiöse Anschauung. Würden wohl unsere Orthodoxen, wenn der Tempel wieder erbaut würde, auf jüdischem Boden, auf Morias Höhe, wirklich wieder Lämmer und Böcke im Tempel schlachten und einen Kultus ausüben, wie er Vvrgeschrieben ist in der Thora Moses? Ich glaube und hoffe, nein! Dann aber erkennen sie eine Entwicklungsfähigkeit und Wandelbarkeit des jüdischen Zeremoniells an, die kein Manko, sondern der größte Vorzug des jüdischen Religionsgesetzes ist. Aber iver diese Entwicklungsfähigkeit erkannt hat, der wird es begreiflich finden, daß wir diese Fortentwicklung des Gesetzes bis aus den heutigen Tag und bis in alle Zukunft weiterführen wollen und nicht in der Kodifikation des Schulchan aruch durch Joses Karo und den Zusätzen des Rabbi Mose Jsserles und Schabsai Cohen u. a. der. Weisheit letzten Schluß sehen." -LG. ■ — Ich hatU einen Kaitteraden. Roman von Christiane vt atz el (Carmen Teja). Verlag von Fr. Will). Grunow, Leipzig. , Der Inhalt des Romans ist kurz folgender: Ein Kreis, von sehr ideal gesinnten Offizieren, die eng miteinander Zusammenhängen und sich gegenseitig unterstützen, will mit Juden nichts zu tun haben. Nun spielt aber in der Stadt, in der sie leben,. eine amerikanischjüdische Familie eine bedeuteäde Rolle und erlangt durch ähre großartigen Spenden Zutritt bei Hofe. Die Frau des Hauses hatte früher mit einem Offizier ein Verhältnis und betreibt die Heirat ihrer Tochter mit einem adligen Offizier hauptsächlich, um die Kaste des .Ungetreuen durch das Einfangen eines aus diesem Milieu Stammenden zu bestrasen. Ein älterer Vetter eines dieser Offiziere, einer armen Familie entstammend, verkehrt sehr intim in dem jüdischen Hause und verlobt sich mit dem jungen Mädchen. Seine Schwester uni) die Seinen widersetzen sich der Heirat. Sie müssen aber allmählich ihren Widerstand ausgeben und sind genötigt, auch ihrerseits mit der Familie zu verkehren. Ebenso ein Onkel des jungen. Mädchens, der das Glück seiner Nichte durch diese Heirat mit dem Vertreter eines ganz anderen Kreises bedroht sieht, aber vergeblich die Machinationen der Mutter durchkreuzen will. Durch die Heirat wird der ehemalige Familienverkehr des Offiziers zerstört, derjunge Ehemann ist in seiner Ehe höchst unglücklich, wird infolge der Geburt eines schwächlichen Kindes in seinen liebsten Hoffnungen betrogen, verwickelt sich in ein Liebesverhältnis mit einer adeligen Dame, einer Jugendfreundin seiner Schwester, das durch einen'Klatsch vergrößert, durch den Edelmut eines Freundes vertuscht wird. Trotzdem kommt es zu einem Duell zwischen dem Mann der jüdischen Dame und dem Urheber des Klatsches, in dem der erstere tödlich getroffen wird. — Die Moral des spannend erzählten Buches, in dem eine besondere Feindseligkeit gegen die Juden nicht hervortritt, soll wohl die sein, daß es weder für reiche Juden noch für christliche Offiziere gut ist, sich einander zu nähern, und daß eine solche Verbindung beiden Kreisen nür Unglück bringt. Das ist eine Binsenwahrheit, zu deren Bestätigung es kaum einer neuen Darstellung bedurft hätte. Ein Musterwerk deutscher Erzählungskunst ist der Roman nicht, obwohl einzelne Kreise ganz gut geschildert sind. L. G. * — History of the jews in America. From tlie period of tlie discovery of the new world to the present time. By Peter Wiernik. New York. The jewisti press Publishing Company. 1912. Der Verfasser schöpft nur aus gedruckten Quellen und sagt bescheiden in seiner Vorrede, daß er den von ihm benutzten Darstellungen (denn aus wirkliche Quellen: Urkunden und dergleichen läßt er sich wenig .ein) mehr verdanke, als er in den Fußnoten angebe. Der Verfasser teilt seinen Stoff in folgende sieben Perioden: die spanisch-portugiesische, die holländische und englische: die Revolution und die Periode der Ausbreitung; die zweite oder deutsche der Einwanderung; der Bürgerkrieg; die dritte oder russische Einwanderungs- Periode des 20. Jahrhunderts; -gegenwärtige Lage. Die Darstellung aller dieser Bücher zerfällt in 44 Kapitel. Von diesen sind 37 im wesentlichen der Geschichte der amerikanischen Union gewidmet, gelegentlich (Kapitel 20) wird auf Texas eingegangen: 39 und 40 beschäftigen sich mit Südamerika, Kanada, Mexiko.^ Die äußere Geschichte wird bevorzugt, doch wird auch die innere berücksichtigt. Kapitel 21 und 22 sind dazu bestimmt, die Resormbewegung und die konservative Gegenströmung zu beleuchten. Kapitel 17 wird der erste Zionistische Versuch von MIi- Noah dargestellt, von dem schon früher in diesen Blättern die Rede war. Unter den Reformern werden, um nur diejenigen hervorzuheben, denen in den letzten Jahrgängen unserer Zeitung besondere Artikel gewidmet waren, M. Lilienthal und David Einhorn behandelt, namentlich bei der Darstellung der neuesten Zeit wird dieses Kulturleben ausführlicher dargestellt in einer Schilderung der kommunalen, geistigen und ökonomischen Tätigkeit:, Die Wirkung der großen europäischen oder Weltangelegenheiten: das Blutbad von Damaskus, die Dreyfus-Affäre, die Pogroms werden in ihrer Einwirkung auf amerikanische Verhältnisse beleuchtet. Dieses Kulturgeschichtliche tritt dann in den letzten Kapiteln besonders stärk hervor: sie sprechen von der Entwicklung der Künste und Wissenschaften, der Literatur, besonders der periodischen englischen und deutschen; ein besonderes Kapitel ist der eigentlichen -jiddischen Literatur gewidmet. Eine ganze Anzahl Illustrationen ziert das Werk, unter denen von Lebenden I. H. Schiff, Oscar F. Strauß, G. Deutsch, S. Schechter hervorgehoben werden mögen.; Die beiden letzteren besonders prachtvolle Charakterköpfe. Unter den Verstorbenen sei D. Heilprin erwähnt auf den die Aufmerksamkeit der Leser dieser Blätter kürzlich gelenkt worden ist.-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.