Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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: ' „Also mit deinen Projekten ist nichts. Aber ich wollte dir auch was sagen, Luise." ' „Was, Vater?" ' „Wilhelm war wieder da — deinetwegen/" . „Ach, der gut.e Wilhelm!" . > / „Ja, gut ist er dir, höllisch gut, alles was wahr ist..,-.Und du-?" ' " „Weißt du, was neulich jemand von ihm gesagt hat, Vater?" - - „Nu?" . „Aber nicht wiedersagen! Er wäre das Futteral zu einem Staatsmann." Herr v. Römer lachte laut auf. „Sehr gut! Ausgezeichnet! Aber bösartig. Weiß schon, wer's gesagt hat." „Nein, du errätst es nicht." „Doch. Uyd gerade gegen den hat der Wilhelm eine gehörige Pike." „Er benimmt sich empörend!" „Ha, gefangen!" neckte der alte Herr. „Na, ich meinerseits - Habe ihn einigermaßen abblitzen lassen. Auf meinen guten Doktor lasse ich nichts kommen. Er ist ein Prachtmensch." Luise neigte sich zu ihm herunter und streichelte ihm zärt- ° lich die noch ein wenig blassen Backen. „Recht so, .Väterchen!" sagte sie. „Ja, was er alles gegen ihn vorbringt," fuhr er fort, „es ist zu lächerlich^ Nehiws aber nicht weiter tragisch, er ist eben über die Ohren verliebt, und in diesem verrückten Stadium ist man sogar gegen einen harmlosen Doktor eifersüchtig. Na, du sagst ja gsar nichts, Luise." „Vater!" nahm sie darauf mit zögernder Stimme das Wort, indem sie sich an ihn schmiegte. „Wenn er nun doch . Ursache hätte!" „Wozu?" „Zur Eifersucht."; „Gegen den Doktor?" „Ja, Vater." „Na, du bist eine vergnügte Kröte!" platzte der alte Herr heraus und schüttelte sich vor Lachen. Sie wartete einen-Augenblick, dann sagte sie in gefaßtem Tone: „Laß uns ernsthaft sprechen, Vater!" Er wandte ihr sein Gesicht zu und sah sie verblüfft an. „Ja, wie denn? Was denn?" rief er. „Ich. liebe ihn, Vater." Sie sagte es ruhig und sah ihm dabei fest in die Augen. Er starrte sie verständnislos an. Mit seinem Kopf mußte es doch noch nicht so ganz in Ordnung sein. Was hatte er denn da für eine Ungeheuerlichkeit gehört? Wen liebte sie? Den . . .? Endlich fragte er laut: „Wen liebst du, Luise?" „Doktor Deutzer, Vater." - Er fuhr förmlich zurück, als müßte er einem Schlage ausweichen. Dann sprang er mit einem kräftigen Ruck aus dem Stuhl, lief zur Tür, riß sie aus und wollte hinaus, besann sich aber und kehrte ins Zimmer zurück, wo er, ein Donnerwetter nach dem anderen ausstoßend, wie ein Panther im Käfig, auf und ab lief. Luise stand noch an ihrem Platz neben dem Sessel und sah mit schmerzlich zuckendem Gesicht auf die Straße hinab, ohne eines von den Bildern da unten in sich auszunehmen. Sie hörte nur die ruhelosen Schritte des alten Herrn und die Ausbrüche seines Zornes — oder war es nur das grenzenlose Erstaunen, in das ihn ihre unerwartete Eröffnung gestürzt hatte? Nach einer Weile wandte sie sich ihm zu und ries mit leise bittender Stimme. „Vater!" - - Er war froh/ daß "sie sprach. Denn er dachte, sie hätte ihren Verstand verloren und irre geredet. Er ging auf sie zu und sagte: r „Luise, Kind, was ist denn mit dir geschehen? Das ist ja Tollheit, das ist ja Wahnsinn!" Sie erwiderte nichts, sondern sah ihn, die Hände in den Schoß gefaltet, nur still' und ernst an. Das brachte ihn ganz aus der Fassung. Was sollte er dazu sagen? Es mußte doch keine Wahnvorstellung bei ihr sein; so sieht kein Mensch aus, der nicht weiß, was er will. Er verstand, das Ganze nicht. Endlich raffte er sich auf, trat zu ihr hin und nahm ihre Hand, tätschelte sie und schüttelte dabei in einem fort den Kopf, bis ihm die Worte kamen./ - „Du warst doch immer ein vernünftiges Mädel, beinahe 51t vernünftig, weißt immer, was du willst. Und jetzt auf einmal ... Luise! Mach mir keinen Kummer aus meine'alten Tage! Na, steh doch nicht so stumm da, so rede doch!" „Ich kann nicht anders-Vater. Ich liebe ihn." „Donnerwetter!" brach er wieder los und ließ ihre Hand fahren. „Dazu habt ihr mich also gesund gemacht? Dazu habt ihr mich gesund gemacht?" „Verzeih mir, Vater, verzeih mir!" . „Verzeihen? Na, wenigstens sagst dws offen heraus, hast keine Heimlichkeiten vor deinem Vater. Höre, Luise! Du bist immer ein gutes Kind gewesen. Geh, sei wieder vernünftig. Seufze ein paarmal tüchtig — und dann gut. Ich will tun, als wäre nichts passiert." „Ich werde dir was sagen,"-fuhr er fort, als sie wehmütig den Kopf schüttelte. „Ich will dir zuliebe reisen. Wir gehen meinetwegen an die Riviera oder wohin du willst. Und wenn wir wiederkommen, ist alles vergessen. Willst du?" „Vergessen? Nie, Vater!" ' . Nie! Nie! Natürlich, das wußte er ja. Das hätte er sich denken können, ehe er einen Ton dagegen sprach. Er kannte sie: was sie für gut und richtig hielt und wozu sie ihr Gewissen trieb, das tat sie, daran war so wenig zu rütteln, wie an einem Naturgesetz. , So ging es durch seinen Kops, während er von neuem durch das Zimmer schoß, um seine Aufregung zu bemeistern, die aber bei diesem Sturmlaufen Nur immer mehr wuchs. Das merkte er denn auch allmählich. Versuchen wir^s mal mit der Ruhe, dachte er. . , . Er zog sich also wieder in seinen Lehnstuhl zurück und ries sie heran. , ' ' „Komm her, Kind, wir wollen versuchen, in allem Frieden zu reden. Du wirst mir doch nicht verweigern, meine Meinung zu äußern, wie?"; ' Luise trat zu ihm und bat: „Ja, lieber Vater, laß uns friedlich reden. Wir beide kennen uns doch, wir beide werden uns doch die Herzen nicht schwer machen wollen." „Ja, freilich, mein liebes Kind, freilich. Du hast recht, wie immer." Er war schon halb versöhnt. „Daß du nicht etwa denkst," fuhr er fort, ‘ „ich will ihm unrecht tun, nein, ich habe ihn aufrichtig gern. Nicht bloß, weil er mich gesund gemacht hat — er imponiert mir, er hat so was Dominierendes — jedenfalls über Mittelmaß. Mit einem Wort: er gefällt mir. Aber als Schwiegersohn, nee, Luise! Ueberleg doch bloß: all eins: Konfession mosaisch. Hast du denn daran gar nicht gedacht?" „Ja, Vater." - „So? Na, konnll mir's schon denken. Ich will dir auch offen gestehen, ich bin nicht so.- In den ersten Familien gibt es jüdisches Blut, und sie sind darum nicht schlechter geworden. (Fortsetzung folgt.)