Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und lichtvollen Stil auszeichneten und ihm auch 'eine große Popularität verschafften. Er wurde im Jahre 1884 Dozent für-die Musikwissenschaft an der Humboldtakademie. Das Resultat dieser Vorlesungen legte Wolf in seinen in zwei Bänden erschienenen Werken, betitelt „Musikästhetik", nieder. Wir glauben den Autor zu ehren, wenn wir hier nur einen Jdeengang aus seinem I. Bande wiedergeberU). Dort heißt es: „Die Wichtigkeit solcher Erkenntnisse (der Stileigenheiten) leuchtet um so mehr ein, wenn man erwägt, daß die körperliche Seite in der Musik zur seelischen sich nicht etwa wie die Schale zum Kern verhält, auch diese beiden Seiten nicht einmal in dem Grade voneinander getrennt sind, wie beim Menschen Seele und Leib, welche trotz tiefgehender Verknüpfungen doch immerhin zwei gesonderte Wesenheiten mit differenzierten Tätigkeiten sind — sondern, daß in der Musik Seelisches und Sinnliches, Gefühl und Ton, zu einer innigsten untrennbaren Einheit zusammensließen. Jedes Atom des Tönenden ist zugleich gefühlshaltig: jede Wendung des Tonstückes ist Abdruck einer Wendung im Gefühlsprozesse. Endlich wächst die Bedeutung unserer Untersuchungen noch m erheblichstem Grade durch folgendes Moment. Das Gefühlsleben a n s i ch ist, eben weil es rein seelisch und nicht b e - g r i f f l i ch ist, eine dunkle Region, in welche unser Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögen kaum einzudringen vermag; den seelischen Gehalt der Musik losgelöst von der tonischen Erscheinung musikästhetisch zu betrachten, wäre daher ein ebenso schwieriges und unsicheres, wie ergebnisarmes Unternehmen. Er st der Körper, den die Musik dem Gefühl erschafft, verwandelt jenes dunkle Gefühlsleben in ein klar vor uns liegendes Bild. Denn dieser Körper ist eben weit mehr als nur sinnliche Hülle und- Einkleidung, er ist /Offenbarung des Gefühls an die sinnliche Wahrnehmung. Jetzt erst, durch ihn, liegt die Seele der wahrnehmenden Seele offen; indem wir das feine wunderbare Gewebe dieses Tonkörpers durchforschen, die vielgestaltigen Gebilde, zu denen in ihm die Stoffe zusammenschießen, betrachten, erkennen wir zugleich das Gefühl selbst nach seinem innersten Wesen." Rach solchen Worten zeigt sich Wolf in seinen Untersuchungen bezüglich des Wesens, Sinnes und Inhalts der musikalischen Kunst und der in ihr waltenden Gesetze als ein Forscher, der viel Neues und Interessantes bringt und nicht nur anregend und fördernd, sondern auch bahnbrechend wirkt. William Wolf hat auch sein literarisches Interesse auf das synagogalgesangliche Gebiet erstreckt. Er bekundete auch darin, veranlaßt durch die religiöse Erziehung, die er im elterlichen Hause genossen hat, ein tiefes Verständnis. Dies ersehen wir aus der Auswahl alter hebräischer Synagogalmelodien, die er gemeinschaftlich mit Arnold Marksohn herausgab. Wolf war auch ein feinfühliger Ehordirigent. Zuerst leitete er den Chor in der Kaiserstraße-Synagoge, dann wurde er nach der Lindenstraße-Synagöge berufen. Nach dem Tode Louis Lewandowskis 1894 wurde Wolf an der Lehrerbildungsanstalt Lehrer der Musik und der musikalischen Liturgie. So konnte William Wolf auf ein weites gesegnetes Arbeitsfeld zurückblicken. In Anbetracht seiner Verdienste, besonders um die Herausgabe der „Musikästhetik", erhielt er 1906' den Prosessortitel. Nun ist der hochgeschätzte Tonkünstler und Forscher William Wolf in die Ewigkeit eingegangen. Um ihn trauern seine zärtliche Gattin, die sein künstlerisches Streben mit tiefem Verständnis begleitet hat, und ein großer Kreis von Verehrern und- Freunden. Alle, die dem Herzen William Wolfs nahestanden, werden ihm ein treues Andenken bewahren. *) Stuttgart, Carl Grüninger. / Der Lohn des Ellas. Von I u l i u s W e i l. ' III. atte er denn gar nichts mehr zu sagen? War er denn auf Gnade und . Ungnade dem verteufelten — nein, das stimmte nicht, vielmehr dem Engel vvn einem Doktor ausgeliefert? Denn er war ein Engel, daran ließ der dankbare Patient nicht rütteln und er würde es jedem Zweifler beweisen mit Gründen, die ihn beim ersten Anlauf in den Sand streckten. Aber was nutzte ihm das jetzt? Hinaus wollte er, endlich wieder frische Luft schnappen und er durfte es nicht, sie ließen ihn hier verschmachten. Eine Niederträchtigkeit sondergleichen! So brummte und grollte der alte Herr in seinem behaglichen Lehnstuhl,-den ihm Luise an das Fenster geschoben hatte, damit er wenigstens an dem Leben und Treiben auf der Straße eine kleine Zerstreung hätte. Aber das genügte ihm nicht, und er ließ seinem Mißbehagen freien Lauf, als die Tochter kam, ihm Gesellschaft -zu leisten. „Gedulde dich noch eine Woche, Vater Brummbär," sagte sie lachend. „Dann wird du endgültig freigesprochen." „Ich laste mir aber eure Tyrannei nicht länger gefallen," erwiderte er unwirsch. „Wochenlang hatte ich eine n Tyrannen, jetzt gar zwei; das geht mir über den Spaß." „Hilft nichts, Vater! Gegen ungehorsame Patienten muß man streng sein." „War ich ungehorsam? Da hört sich alles aus! Wie ein Lamm war ich, habe dem Doktor fast aus der Hand gefressen!" „Ei, ei. Väterchen, der gute Doktor hat sein Kreuz mit dir gehabt." „Leugne ich. Ihr habt euch gegen mich verschworen. Laß mich raus, Mädel! Ich fühle mich so gesund und stark, ich könnte Bäume ausreißen." ' Er erhob sich ohne jede Anstrengung aus dem Stuhl und fuhrwerkte im Zimmer umher; dabei wetterte er, was das Zeug hielt. „Gott sei dank," ries Luise vergnügt, „du bist wieder der Alte!" „Na also — —" „Nächste Woche!" „Na, ich werde d-ir's gedenken, Tyrann!" drohte er und setzte sich knurrend in seinen Stuhl. Luise stellte sich neben ihn, nahm seine Hand und blickte ihn halb zärtlich, halb ängstlich an. Heute mußte es. geschehen. Es war nun keine Gefahr mehr/ daß es ihn zurückwerfen könnte. Jede Spur der Krankheit war geschwunden, er konnte und er mußte es hören. „Lieber Vater." begann sie, „ich wollte dir etwas sagen." Der alte Herr drehte sich mit einem Ruck herum und machte mit fuchtelnden Händen eine abwehrende Bewegung. „Nee, nee," ries er, daraus wird nichts." Und auf Luisens verwundert fragende Miene fuhr er fort: „Ich weiß schon. Ich soll eine Reise machen: , Riviera et cetera. Daraus wird nichts. Die Krankheit hat ohnehin ein kleines Vermögen verschlungen. Und außerdem — ich mag nicht reisen, am allerwenigsten da herunter. Es würden mich nur trübe Erinnerungen verfolgen an damals, wo ich mit der Mutter schwärmte, wo wir noch — — Laß mich, ich werde mich hier auch erholen." Er brach ab und sann vor sich hin. Luise scheute sich, seine Träume zu stören. Er fing aber bald vom selbst wieder an.