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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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denken haben, -der die Denkschrift der Negierung, möglicherweise auch der Kriegs- und Domänenkammer zu Königsberg eingereicht hat*). Zweifellos hatte der Verfasser auch Beziehungen zu dem aufgeklärten Teil der Königsberger jüdischen Gemeinde. Man darf wohl auch mit hoher Wahrscheinli'ch- ' feit den Termin der Uebergabe der Denkschrift näher an das Jahr 1797 als an das Jahr 1806/07 rücken, wo die Erwerbungen der zweiten und dritten Polnischen Teilung wieder von Preußen getrennt wurden. Diese kurze Zeitspanne reichte natürlich nicht hin, die von dem Verfasser erkannten und ziemlich richtig bewerteten Schwierigkeiten zu überwinden, und so ist denn auch von seiner Grundidee in der bezeichneten Zeit nichts in die Erscheinung getreten^). Aber viele seiner, ein klein wenig doktrinär konzipierten Gedanken hatten Zukunftssamen in sich. Ich lasse im folgenden die Denkschrift—Repert. des Generaldirektoriums: Neuostpreußen, Materien Tit. CXC, Judensachen Nr. 2 — unter möglichster Beibehaltung des ursprünglichen Stils absichtlich ganz für sich selbst sprechen, ohne die in ihr beschlossenen historischen und Pädagogischen Probleme eigens Herauszuheben. plan zur Einführung eines öffentlichen Anterrichts für die Inden in Süd- und Neuostpreutzen, um sie zu brauchbareren und glücklicheren?") Anterthanen zu bilden. Die Mißbräuche, welche bei der Erziehung der Jugend unter den polnischen Juden seit undenklichen Zeiten herrschen, seien allgemein bekannt. Frühzeitig werde unter der Geißel unwissender Talmudisten Kopf und Herz der jüdischen Jünglinge verbildet. Nicht die Religion an sich, sondern die Unzweck- . Mäßigkeit in der ersten Richtung der Seelenkräfte überhaupt sei die hauptsächlichste Quelle des Uebels. Dies sähen auch die vernünftigeren Hausväter ein. Diese müßten es daher mit besonderer Freude begrüßen, daß nach dem 8 9 des 5. Kapitels des Generaljudenreglements für' Süd- und Neuostpreußen") die preußische Regierung das von der vorigen polnischen Regierung gänzlich vernachlässigte jüdische Erziehungswesen zum Gegenstand ihrer landesväterlichen Vorsorge gemacht habe. Aber je heilsamer die Früchte seien, welche die Verbreitung nützlicher Kenntnisse und unverfälschter Grundsätze einer gesunden Moral gewähren, desto mehr müsse der wahre Menschenfreund wünschen, daß die Staatsklugheit gleich anfangs jedes Hindernis besiegen möge, welches Volksvorurteile ihrer wohltätigen Absicht entgegensetzen würden. In der Seele der meisten jetzigen polnischen Juden sei die Religion die . stärkste Triebfeder: die geringfügigste Zeremonie gelte als h Hinweis des Königl. Geheimen Staatsarchivs. ö) Der Plan des schlesischen Provinzialministers Grasern Hohm. der in den Jahren 1794—98 zugleich Minister für Südpreußen war, der Wilhelmsschule ein Lehrerseminar für die polnischen Provinzen anzugliedern, kam nicht zur Ausführung. Vgl. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, XXXVII. im S. 480 Anm. I. Freudenthal. Die ersten Emanzipationsbestrebungen der Juden in Breslau.' (Monatsschrift, XXXVII. S. 194—97, 238-47, 331—41, 409—29, 467—83, 522—35.) 10) Dgl. dieselbe, typisch gewordene, Formulierung bei Dohm „lieber die bürgerliche Verbesserung der Juden", T. 1. 1781. S. 3. ") § 9 bestimmte, daß jeder heiratende Jude eine der Hälfte der abgestuften Trauscheingebühr entsprechende Summe „zur jüdischen Schulklasse" erlegen sollte. § 7 bestimmte, daß jeder, auf ein gewisses Gewerbe angesetzte Jude oder Hausvater einen mäßigen, annoch zu bestimmenden (und nur zu diesen angegebenen Zwecken zu verwendenden) Beitrag zur Besoldung der Shnagogenbedienten und der öffentlichen Schullehrer geben solle, „welches desto billiger ist, da dieses zu ihrem eigenen Nutzen und Besten gereicht, und an sehr vielen Orten die Christen ebenfalls die Kosten zu ihren Bedürfnissen von gleicher Art aufbringen". (Sehr charakteristische Motivierung!) heilig; selbst die Erziehungs- und Unterrichtsmethode, die das Gepräge des grauen Altertums an sich trage, fei sakrosankt. Dazukämen die-überspannten Begriffe von der Würde und Hoheit des Talmuds, die jede andere wissenschaftliche Beschäftigung verwerflich, weil aus unreiner Quelle geschöpft, erscheinen lassen. Die Errichtung neuer Lehranstalten und dort vor allem die Einführung der nichttalmudistischen Lehrgegenstände würde aus heftigen Widerstand, besonders von seiten der Gesetzeskundigen und Rabbiner, stoßen. Ihr lediglich auf Gesetzeskunde und Gelehrsamkeit gegründetes Ansehen stünde in Gefahr, mit dem Verfall des Talmuds zu sinken. Sie würden daher zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität den Besuch der neuen Schulen verdächtig machen und. die Lehrer als Ketzer verschreien. Es würde dahin kommen, daß die Hausväter sich bereit finden lassen würden, die Beiträge zur Bestreitung der Kosten der Schulen lieber doppelt zu zahlen, wenn ihre Schulen von ihren Kindernnur unbesucht bleiben dürften. „Diese auf die strengste Wahrheit gegründete Darstellung der Denkungsart der meisten polnischen Juden in religiöser und pädagogischer Rücksicht.beweiset, wie sehr eine gewisse Vorsicht nötig ist, um allen Schwierigkeiten vorzubeugen. Letzteres bestätigt auch das Beispiel des Grafen von Thizenhauz"), der vor mehreren Jahren mit seinem wohltätigen Projekt, Lehr- und Industrieschulen in Litauen zu etablieren, an diesen Hindernissen scheiterte." (Schlug folgt.) William Wolf. Von Kgl. Musikdirektor A. F r i e d m a n n, Berlin. Professor William Wolf hat für die Musik gelebt und ist in der Musik gestorben. Am 8. Januar d. I. starb er mitten in seinem Vortrag über Beethovens „Missa solemnis". William Wolf ist am 22. April 1838 in Breslau geboren. Sein Vater war Rabbiner und Prediger undgehörte zu den ersten, die deutsche Reden im Gottesdienste und bei der Konfirmation hielten. Wolf kam im zarten Knabenalter nach Berlin, und feine gefühlvolle Sopranstimme und seine musikalische Begabung verschafften ihm Aufnahme in den Chor der alten Synagoge. Zum Jüngling herangereift, entschloß sich Wolf, sich ausschließlich der Musik zu widmen und besuchte das Stern-Marx-Kullaksche Konservatorium und später, 1855, die „Neue Akademie der Tonkunst", von Theodor Kullak, wo er gründlichen Studien in allen Musikfächern mit unausgesetztem Fleiß mehrere Jahre oblag. Wolf reifte in dieser Akademie zum Klaviervirtuosen heran und gab oft selbständige öffentliche Konzerte. Von seinem Vater erbte er die Rednergabe und den Drang nach wissenschaftlicher Forschung des Gelernten. Wolf hielt ’ in Vereinen und Musikgesellschaften musikwissenschaftliche Vorträge, die sich durch Originalgedanken 1S) Anton Thiesenhausen, 1733—85. Der berühmte litauische Magnat (vgl. v. d. Brüggen Polens Auflösung. Leipzig 1878. S. 161 ff.), gleich ausgezeichnet durch seine sittlichen Kräfte wie durch seine grandiose Tätigkeit für die industrielle Erschließung und Selbständigmachung Litauens. 16 4. „In der Nähe von Grodno errichtete er Schulen für Gewerbe und Handel, für Landwirtschaft usw. — Die Kinder des Landes wurden in die Schulen gesteckt, zu Hunderten griff er sie aus und setzte sie ohne weiteres -zwangsweise hinein." 17 3. „Was damals ein von ihm selbst unterschätztes Hindernis bildete, war die Unfreiheit der Bauern. Er konnte mit Gewalt ihre Kinder in die Schulen und Fabriken treiben, aber auch nur die Gewalt hielt die Arbeit darinnen aufrecht." Mit Thiesenhausens Sturz brachen auch fast all seine mit rücksichtsloser Energie geschaffenen gemeinnützigen Schöpfungen zusammen. Den Hinweis auf v. d. Brüggen verdanke ich der Liebenswürdigkeit des Direktors der Königsberger Stadtbibliothek, Herrn D. A.' Seraphim.

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