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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
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führung scheint uns Eaetani etwas zu weit.zu gehen.- Denn daß für den wirtschaftlichen Verfall Palästinas zum Teil wenigstens die schlechte Verwaltung in byzantinischer, arabischer und türkischer Zeit verantwortlich zu machen ist, zeigt das erneute Aufblühen des Landes in unseren Tagen. ' Ebensowenig ist, was Eaetani über wen Ursprung des Monotheismus sagt, , als gesichertes Resultat der modernen Forschung aufzufassen; immerhin verdient es, als Meinungsäußerung gehört zu werden. Er drückt sich auch vorsichtig aus: Es scheine sp, als ob der Jehowa der Juden undder Allah des Islams nur Umformungen der ursprünglichen Monogottheit Altarabiens seien; der von Moses verfochtene Monötheismus beruhe auf ärabisch-minäischem Einfluß; denn die Bewohner des südlichen Arabiens verehrten schon in ältester Zeit die Gestirne nicht als Gottheiten, sondern als Abbilder, unter denen sich eine höhere und persönliche Gottheit den Menschen zeige. Allerdings sei diese Neigung, die Gottheit abstrakt aufzufassen, noch lange kein Monotheismus, wie er von den Juden und später von Mohammed gepredigt wurde; denn tatsächlich blieb der Glaube Südarabiens stets ein polytheistischer. Der Monotheismus, bei den. arabischen Semiten bereits im Keime vorhanden, vermochte bei den zu ihnen gehörigen Juden erst dann zur Geltung zu gelangen, als sie, zu einem großen und mächtigen Volke geworden, dieses Verdienst ihrem besonderen Gotte zUschrieben, den sie deshalb notwendigerweise für den einzig existierenden hielten. Was den Ursprung des Levitentums betrifft, so übernahm Moses diese Einrichtung von den Midianiten im nördlichen Teile Westarabiens, bei denen es schon in ältester Zeit eine Priesterklasse, Lawi" genannt, gab." ' Um die Verhältnisse in Arabien zur Zeit Möhaflrrneds zu verstehen, würdigt Eaetani die großen Erfolge, welche das jüdische Proselytentum in Jemen besonders bei den niederen Klassen gesunden hatte. Der bedeutende Anhang, dessen sich das Judentum dort erfreute, erklärt'sich aus der Ähnlichkeit der religiösen Aufsassungen der Juden mit denen der Minäer und Sabäer, mit der Herkunft der Juden eben aus Westarabien, Und aus dem bedeutenden Einfluß,, welchen die priesterlichen Einrichtungen der Minäer auf den mosaischen Monotheismus ausgeübt hatten. Jüdische Gemeinden auf arabischem Boden bestanden ausschließlich im Westen der Halbinsel, und zwar waren ihre Mitglieder zurzeit Mohammeds nicht nur zUgewanderte Juden, sondern zum größten Teil arabische Stämme, die zum Judentum übergetreten waren. Der jüdischsabäische Staat hatteseinen Nährboden in dem nationalen Kampf gegen die christlichen Abessinier, welche an dem glaubensverwändten Kaiser von Byzanz eine Stütze fanden, gesunden. Zur Zeit Mohammeds war das Wädi-al-Qura genannte Tal von Juden bevölkert, meist bekehrte Araber; doch mögen sich unter ihnen auch einige Abkömmlinge der Flüchtlinge befunden haben, welche nach der Zerstörung Jerusalems unter Titus und Hadrian in Arabien eingewandert waren. Mischehen zwischen Arabern, Abessiniern, Persern und Juden waren zur Zeit der Entstehung des Islams sehr häufig, und in Medina saßen jemenitische Stämme, mit Juden und judaisierten Arabern vermischt. Durch Plünderung und Unterwerfung der israelitischen Gemeinden Westürabiens^ kam Mohammed in den Besitz eines bedeutenden Vermögens, vielleicht des größten, das jemals ein Häuptling Mittelarabiens besessen hatte. Es.wurde dies nicht nur zum Unterhalt, sondern auch zur Bewaffnung seiner Anhänger benutzt; und zwar war dies aus folgendem Grunde möglich. Die Juden Medinas waren damals als tüchtige Schmiede bekannt, und besonders in Zer Herstellung von Lanzenspitzen bewährt. Aber auch die Mitglieder der anderen israelitischen Gemeinden Arabiens, waren ausgezeichnete Handwerker, Waffen- und Goldschmiede: Außer Lanzenspitzen gingen Schwerter und Panzerhemden aus ihren Werkstätten, hervor; fie; selbst bedienten sich aber ihrer nicht zu kriegerischen Zwecken; die Araber der Gegend, m welcher::der- Islams.entstand, verstanden die Kunst der, Eisenbearbeitung nicht und verabscheuten überhaupt jedes Handwerk. _ .-V V ' -. V ' . Merkwürdig, daß sich ein geistig so hochstehender Gelehrter wie Eaetani an mehr als einer Stelle seines Werkes verleiten läßt, manche Eigenschaften, die sich zu bestimmten Zeiten und unter bestimmten Umständen der einem Teile der semitischen Bevölkerung Vorderasiens ausgebildet'haben,.derartig zu verallgemeinern, daß er sie ohne weiteres den Semiten aller Zeiten und aller Länder zuschreibt. .So wird den Semiten im allgemeinen und den Juden im besonderen auf Grund einzelner Bibelstellen Grausamkeit und Blutdurst vorgeworfen. Es gibt aber wohl keine Rasse und keine Nation, von der man, wollte man dieselbe wenig kritische Methode anwenden, nicht das gleiche behaupten könnte. Wie viel Material würde nicht die griechische Mythologie, das ältrömische Recht, die Geschichte der Gothen, Langobarden, der Schweden während des Dreißigjährigen Krieges, der Franzosen während der großen Revolution, der Spanier .liefern, imf von der Papstgeschichte im Mittelalter bis auf. die Zeiten der Borgia ganz zu schweigen! Ebenso steht es mit der ungestümen Sinnlichkeit und Genußsucht, wie sie von demselben Verfasser der semitischen Rasse zugeschrieben werden. Waren etwa die römischen Kaiser der ersten Jahrhunderte und die Päpste der Renaissancezeit ebenfalls Semiten? Nicht minder, gewagt erscheint die Behauptung, 6ie Semiten liebten im allgemeinen das Meer nicht. Welchen Stammes waren denn die Phöniker und die Karthager, die ersten Seeleute des Altertums? Und aus neuester Zeit wäre nur an die zahlreichen in Rußland geborenen Juden zu erinnern, welche freiwillig in der Kriegsmarine der Vereinigten Staaten von Nordamerika dienen oder an. die italienische Kriegsmarine, in welcher der Prozentsatz der jüdischen Offiziere im Verhältnis zur jüdischen Gesamtbevölkerung ein sehr hoher ist. Ebenso fehlt ein wissenschaftlicher Beweis für die unersättliche Geldgier,,wie sie Eaetani den Semiten im allgemeinen und den Juden im besonderen zuschreibt. Der vermeintlichen Geldgier der Juden, welchen bekanntlich selbst ihre Gegner den großen Sinn für-Wohltätigkeit nicht abzusprechen vermögen, könnte man mit gutem Recht den schamlosen Nepotismus vieler Päpste gegenüberstellen, welche sich nicht scheuten, ihre Familien auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern! Stark übertrieben ist auch die Behauptung, die Juden hätten die Geschichte eines sehr beträchtlichen. Teiles der Menschheit in der Hand und indirekt auf das Schicksal auch, der mächtigsten arischen Familien, womit wohl die Souveräne gemeint sind, Einfluß. Dann heißt es wörtlich weiter: „Ein Teil der semitischen Rasse hat es mit bewundernswertem Scharfblick verstanden, ihre besten Fähigkeiten der Schwäche der arischen Rasse anzupassen, und es ist ihr dank der seinen, geheimnis-, aber unberechenbar wirkungsvollen Waffe der Finanz gelungen, ein unsichtbares Netz, welches nicht zu zerreißen ist,- auszubreiten, ein Netz, welches mit mehr oder minder weiten Maschen den besten Teil der modernen Gesellschaft umspannt." Anderseits hebt Eaetani hervor, wie die aus religiösem Fanatismus entsprungenen Maßregeln König Philipps II., welcher die reichsten, gebildetsten und betriebsamsten Klassen Andalusiens in die Verbannung schickte, weil sie aus Muselmännern und Juden bestanden, die unheilvollsten ökonomischen Folgen für Spanien gehabt haben. Er hätte wohl auch darauf Hinweisen können, daß für die Kenntnis vieler Fortschritte auf wissenschaftlichem Gebiet, welche Europa den Arabern verdankt, Juden die Vermittlerrolle gespielt haben. Uebrigens wird, was die neueste Zeit betrifft, Gustav Wells lobend gedacht, als des ersten, der — es war im Jahre 1843 — eine vollkommen unparteiliche Arbeit über den Religions-

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