Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Meyer Aron Goldschnriöt, geb. 26. Oktober 1819. gest. 16. August 1887. (Vgl. seine Erzählung in Nr. 1 bis 6 d. Jahrgangs.) Wie aber steht es nun um dieses Helden Verhältnis zum Judentum? Eigentlich sehr lose. David hat keine bestimmte religiöse Neigung/ Er ist Jude, weil er als solcher geboren ist und bleibt Jude, aus historischem Gefühl. Er ist ein Oesterreicher, d. h. in diesem Falle ein Deutscher geworden, der für die Juden kämpft, fobald sie unterdrückt sind oder mindestens für dieBedrückten inniges Mitgefühl hegt. Aber er gehört nicht einseitig einer Glaubenspartei an, sondern ist zunächst Mensch, der als Arzt und Humanitätsapostel wirkt und schafft. Man wird behaupten dürfen, eine eigentliche Entwicklung des Judentums wollte der Dichter nicht geben. Zwar spricht er es nicht geradezu aus, daß das Judentum eine Berechtigung unter den übrigen Religionen habe, aber er will durchaus nicht die Lehre verkünden, daß es zum Zionismus entarten oder im Christentum aufgehen müsse. Was er geben will, das ist, vielleicht durch Zola beeinflußt, die Geschichte einer Familie in ihren mehrfachen Generationen. In einer solchen ist Gutes zu berichten und Schlimmes. Der Verfasser könnte mit dem französischen Moralisten Montaigne sagen: ich urteile nicht, ich erzähle. Aber man erkennt doch deutlich, daß seine ganze Neigung dem Dr. David gilt, und daß er die Bewunderung des. Lesers für diesen erwecken möchte. Für die Zeichnung dieses Prächtigen Menschen dürfen jüdische Leser dem hocharistokratischen Verfasser dankbar sein: es ist ein wundervoller Charakter. Ein Mann, der durch Leiden gehärtet wird, gehärtet nach außen, aber mild und weich bleibt in seinem Empfinden. Ein Mann, der trotz aller Täuschungen, die er erfährt, trotz, alles Schlimmen, was er erduldet, kn seinem Optimismus keinen Schiffbruch leidet, der nicht etwa nur seinen Verwandten und noch viel weniger nur den Reichen, sondern allen, die es begehren, hilfreiche Hand leistet, der trotz aller der Kleinlichkeiten und Erbärmlichkeiten, die er in seinem Berufe mit ansehen muß, den großen Blick für die Weltentwicklung nicht verliert und ein wahrhafter Arzt des Leibes und der Seele bleibt... Schon allein wegen der Zeichnung dieses Charakters muß das Buch höchlich willkommen geheißen werden. glänzende Stellung eingenommen hat und in den besten Kreisen eingeführt ist, in dem Dorfe Siegling bei Wien eine Pfarre übernimmt und als streitbarer GvttesmanN wirkt. Die sonst vorkommenden Nebenpersonen brauchen nur kurz erwähnt zu werden, obwohl sie kraftvoll gezeichnet sind. Darunter befindet sich z. B: die alte Mirjam Goldschild, die Jahrzehnte in Chiesch lebt, eine Frau, deren wundersame Vorliebe für Aepfel etwas komisch wirkt. Ferner die Wirtin des Dr. David, eine brave Witwe; endlich unter den Bewohnern des Dorfes Siegling ein kleines Mädchen, das eine Zeitlang Gespielin des kranken Enkels von Isaak Goldschild ist und in rührenden Situationen vorgeführt wird. Besondere Hervorhebung verdient nur ein Dr. Geist, der Vertreter des Dr. David, der von diesem als Ersatzmann angesehen wird, aber diese Stellung nicht annehmen kann, weil er als überzeugter Zionist nach Jerusalem zu gehen entschlossen ist. Bei einem Roman, wenn er ein wirkliches Kunstwerk ist und wie ein jedes Kunstwerk einen reicheren Gedankeninhalt darbietet, interessiert uns aber nicht nur die Erfindung des Stoffes, auch nicht nur die Charakteristik der einzelnen Personen, auch nicht nur das Wie der künstlerischen Ausarbeitung, sondern in gewisser'Weise auch die Tendenz, die der Verfasser verfolgt, das, was er eigentlich mit seinem Buche sagen will. Und so soll eine kurze Bemerkung über die künstlerische Art des Romans und über das, was uns hier besonders interessiert, die Schilderung des jüdischen Milieus, folgen. Was die erstere, die Art der Erzählung anbetrifft, so sei bemerkt, daß das Werk ein Roman des Nebeneinander ist, d. h., daß er die Manier befolgt, die Gutzkow in seinen großen Romanen der fünfziger Jahre einschlägt. Sie wird von dem Verfasser recht kunstvoll beobachtet. Obgleich die drei Helden, die das Interesse des Lesers fesseln, ganz verschiedenen Kreisen angehören, obgleich es Men-, schen sind, deren Lebenswege sich zwar manchmal kreuzest — denn David und Raphael, die in derselben Stadt wohnen, bleiben bis zum Erscheinen des Pfarrers intime Freunde, während Isaak nur gelegentlich auf seinen Geschäftsreisen in Wien erscheint und durchaus in keinem inneren Verhältnis zu den beiden steht — weiß der Autor diese verschiedenen Geschichten und Kreise mit großem Geschick zu einem Ganzen zu verschlingen. Was die Stellung zum Judentum betrifft, so muß man fragen: was will der Verfasser? Das ist ziemlich ausgeschaltet, daß etwa das Ganze eine Verherrlichung des Zionismus sein , soll, denn, keiner der Goldschilds ist davon angekränkelt. Der Dr. Geist aber, der, wie oben erwähnt, Zionist ist, darf als episodische Figur, nicht als Träger der Anschauungen des Verfassers angenommen werden. Nun. bliebe übrig anzunehmen, der Verfasser wolle lehren, daß das einzige Heil für die Juden die Taufe sei, aber auch das ist ausgeschlossen, denn, die Vorliebe des Autors ist nicht bei diesen zu Christen gewordenen Juden. Karl Raphael wird von ihm als ein unklarer Schwärmer und Josef als ein wenig sympathischer Fanatiker geschildert. Er steht, das erkennt man ganz deutlich, entschieden auf Seite des Dr. David. Dieser ist sein Held, er ist ein Verkünder des Idealismus und ein Prediger des Optimismus. Me Juden nach der Dukkassnng eines jlslienilchen firsbitten und Oalttikers. Von Pros. Dr. Ermanno Loevinson, Rom. inige Eigenschaften der semitischen Rasse sind unauslöschbär geblieben; und wenn der süßliche und schüchterne Jude der internationalen Finanz und die entarteten Opfer der russischen und polnischen Menschenschlächtereien bei den zaristischen Pogroms den kriegerischen Israeliten, von denen wir in der Bibel bei der Eroberung Palästinas und bei der Empörung gegen das kaiserliche Rom .lesen, sehr unähnlich sind, so bleibt doch immer noch etwas, von dem ursprünglichen und unausrottbaren Typus übrige . . Die angeborene moralische und physische Ausdauer ist das Vorherrschende Merkmal bei den historischen' .Wechselfällen der .semitischen Rasse, die, wohin sie auch immer gelangt fein mag, bei