Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' > ' ' " ’ < ‘ ' 123 - ' - ' der jüdischen. Juristen nicht erfüllen, da es die feste Absicht der Regierung sei, den Juden den Weg zur Anwaltschaft während eines Zeitraumes von mindestens zehn Jahren ganz zu verschließen, damit die Zahl der jüdischen Advokaten die Norm von 3 Prozent der Gesamtzahl nicht überschreite. Die Deputation will sich' mit dieser Antwort des Justizministers nicht zufrieden geben und hat um eine Audienz beim Ministerpräsidenten Kokowzew nachgesucht. Auch hat sie ein Expose an die Mitglieder der Duma-und des Reichsrats versandt, worin aus die Unbilligkeit und Ungesetzlichkeit der betreffenden administrativen Maßnahme hingewiesen wird. Irgendwelchen Praktischen Erfolg werden aber diese verzweifelten Schritte der bedauernswerten jüdischen Juristen kaum erzielen. ,# Zur Ergänzung der Mitteilung über die Rechte der rum ä n i s ch e n I u den, die in der vorigen Nummer als letzte Nachrichten gebracht wurde, sei hier ein Schreiben wiedergegeben, das Paul N a t h a n an die Redaktion des „Berl. Tageblatts" richtet. Nach einem Lobe der dort erwähnten Ausführungen LuigiLuzzattis heißt es: -Dieser letzte orientalische Krieg hat der Scheußlichkeiten eine Unzahl gebracht, auf allen Seiten und jeder. Art, wie ich selbst durch Berichte von Augenzeugen an Ort und Stelle einwandfrei eruiert habe; und die Zahl der zuverlässigen Zeugen, die im Orient gleiche Erfahrungen gesammelt hqben, ist groß genug. Die europäische Diplomatie hat nichts getan, um diese Barbareien zu verhindern; sie konnte leider auch nichts Wirkungsvolles tun, um diesen Krieg des National- und Religionshasses aller gegen alle aus der Balkanhalbinsel in seinen furchtbaren Wirkungen menschlicher zu gestalten. Jetzt aber bietet sich für die europäische Diplomatie eine Aufgabe, die sich lösen läßt, die sogar mit Leichtigkeit gelöst werden kann. / Gewiß wäre es ein neues Unglück für die betroffenen Staaten und für die so wünschenswerte Ruhe Europas, wenn der Krieg auf dem Balkan durch einen Zusammenstoß zwischen Bulgarien und Rumänien vervollständigt werden sollte. Unserem modernen Empfinden widerstreitet es freilich aufs äußerste, daß Länder und Menschen wie Waren vertauscht werden, und wer heute.Bulgarien als sein Vaterland bezeichnet hat, soll morgen, weil die Diplomatie es so will, Rumänien mit Begeisterung sein Vaterland nennen. Daß in Bulgarien sich daher gegen die in Aussicht stehenden Abtretungen eigenen Gebietes an Rumänien eine starke Bewegung geltend macht, ist außerordentlich begreiflich. Die Bulgaren sind ein durch und durch demokratisch empfindendes Bauernvolk, und Rumänien ist beherrscht von einem engen Kreis von Politikern, deren Parteinamen verschieden sind, die aber in einer Beziehung sich fast völlig gleichen; sie unterdrücken den Bauernstand aufs schwerste — Beweis: die blutigen Bauernrevolten — und sie bedrücken — im Gegensatz zu dem Berliner Vertrag — die Juden nicht weniger schwer, die sie zu rechtlosen Fremdlingen gemacht haben, obgleich diese Fremdlinge, wenn es gälte gegen Bulgarien zu kämpfen, ihr „Vaterland", das ihnen kein Vaterland ist, mit der Waffe, mit ihrem Blute verteidigen müßten. Würde man in den in Frage kommenden.Gebieten an der Donau eine Volksabstimmung darüber vornehmen, ob die Einwohner Rumänen werden wollten, es ist mir unzweifelhaft, daß nicht ein bulgarischer Bürger für die Abtretung stimmen würde. Und gleichwohl wäre es irrationell, den Grundsatz zu proklamieren: Fiat justitia pereat mundus. Ein rumänisch-bulgarischer bewaffneter Konflikt ist ein noch größeres Nebel, als die Preisgübe Bmes Landstriches, gegen den die Betroffenen sich sträuben. Folgt man bis hierher der europäischen Diplomatie, so bleibt es aber alsdann ihre. Pflicht, die Härten des Opfers, das die preisgegebenen Bulgaren zu bringen haben, nach Möglichkeit zu mildern. Und es scheint mir, daß die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt die Anregungen Luigi Luzzattis so laut ihrerseits verkünden sollte, um auch den schwerhörigsten Diplomaten ein Ueberhören solch eines berechtigten Verlangens unmöglich zu machen. Die bulgarischen Juden haben sich bereits an ihren Kultusminister und an ihren Minister der auswärtigen Angelegenheiten mit einer Eingabe gewandt, in der. auf die Behandlung der rumänischen Juden hingewiesen wird, und in der es dann heißt: „Unter diesen Umständen wäre der Uebergang unserer Glaubensgenossen in dem in Frage kommenden Gebiete (wo es alte israelitische Gemeinden und erhebliche Gruppen ackerbautreibender Juden gibt) von der bulgarischen zur rumänischen . Herrschaft gleichbedeutend mit-dem Eintauschen bürgerlicher Freiheit und Gleichheit gegen völligen Ausschluß von der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit, verknüpft mit moralischer Erniedrigung." Daß die Juden Bulgariens gegen eine solche Möglichkeit protestieren, wie die nichtjüdischen Bulgaren von ihrem Standpunkt ans es . gleichfalls tun, ist begreiflich genug. Träte jene Entwicklung ein, die Luzzatti herbeiwünscht — nämlich die Durchführung der Rechtsgleichheit in Rumänien gemäß dem Berliner Vertrage —, so wäre das ein Glück für die Emanzipierten und für Rumänien selbst, das in seinem eigensten Interesse danach trachten sollte, diese offene Wunde auszuheilen. In jedem Falle aber liegt der europäischen Diplomatie die Pflicht ob, die Rechte jener Bulgaren, und natürlich auch jener bulgarischen Juden sicherzustellen, die im Interesse der Bedürfnisse europäischer Politik aus den gesicherten Verhältnissen bulgarischen Staatslebens in die recht unerfreulichen und für Juden unerträglichen Zustände. Rumäniens hinübergeführt werden sollen. Dieses neue Opfer, das der orientalische Krieg im Gefolge haben soll, kann die Presse, die Parlamente, die eliropäische Diplomatie wenigstens verhindern; und sie sollte es verhindern. Dir GoMlchiws? Von Ludwig Geiger. er Roman des Fürsten Wrede ist ein vor mehreren Jahren erschienenes Buch, das hier angezeigt werden soll, da es bei seinem ersten Erscheinen jedenfalls von mir in diesen Blättern keine Anzeige erhalten hak und es schon immer von großer Wichtigkeit ist, wenn ein jüdische Dinge enthaltender Roman in mehreren Auflagen erscheint. Es ist ein Buch von wirklichem Kunstwert, weder antinoch Philosemitisch, . sondern ein Werk, in dem der Dichter eine ernste Geschichte voll Interesse und Spannung vorträgt, die dem Leser vieles zu denken gibt., Eine Geschichte, die um 1850 beginnt und am Anfang des 20. Jahrhunderts schließt. Drei (richtiger vier) SPrößlinge der seit Jahrzehnten in Chiesch in Böhmen ansässigen Familie Goldschild sind die Helden. Der eine, David, der Sohn armer Händler, der Medizin studiert hat und im Revolutionsjahr 1848 sich zum Freiheitshelden entwickelt, ein glänzender, kenntnisreicher Journalist wird, diesen Beruf aber ausgibt, nachdem die Zeitung, für die er geschrieben, einen seiner Artikel verstümmelt hat und in andere Bahnen eingelenkt, ist. Der zweite, Raphael, oder Karl Raphael, wie er sich nach seiner Taufe nennt, der Sohn eines Rabbiners, der durch die Kabbala oder den Chassidismus zum Christentum übergesührt wird, eine Christin heiratet, einen Paramentenhandel betreibt, d. h. den Verkauf von kirchlichen Gegenständen, ein frommer, tätiger Mann, der seine geistigen und religiösen Schwärmereien im bürgerlichen Leben ziemlich ausgibt. Der dritte, Isaak, der Sohn eines Schänkers, ein Geschäftsgenie, der sich aus einem kleinen Händler durch Schlauheit, Rücksichtslosigkeit, aber auch durch ein gewisses geniales Treiben zum Milliardär emporhebt, Eisenbahnen baut und große Anleihen schließt. Er wird aber in seiner Familie vom Unglück verfolgt. Sein Sohn Moritz ist ein Trottel und dessen Sohn ein armes, schwaches Kind, das, nachdem es von dem gleich zu erwähnenden Pfarrer dem Katholizismus gewonnen worden ist, stirbt. Diesen drei Mitgliedern einer' Generation, drei ungefähr gleichaltrigen Vettern, schließt sich als viertes Mitglied der Goldschildschen Familie der eben angedeutete Pfarrer, Josef Goldschlld, der Sohn Karl Raphaels an, ein eifervoller Mann, der, nachdem er in Rom vorgebildet worden ist, dort eine *) Die Goldschilds. Die Geschichte einer jüdischen Familie, von Friedrich Fürst Wrede. 3. Ausl. Ernst Hofmann & Co. in Berlin. 3.50 Mark.