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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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Herr Präsident! Mt diesem weisen Mahnruf zür Gerechtigkeit .haben auch Sie Ihre schwere, verantwortungsvolle . Missionsavbeit begonnen. . ' - Möge der Gott, der Liebe, und Gerechtigkeit; zu Ihrem Wollen das Gelingen geben. Möge Ihre vom Prophetengeiste durchdrungene Botschaft ein Echo/, finden nicht allem inden Herzen Ihres für Menschenrechte begeisterten Volkes, 'sondern möge sie auch wie ein befruchtender Regen, über alle Lande weit und breit schreiten und in die Ohren der Mächtigen, der Gesetzgeber, der Volkserzieher dringen, damit ein jeder sich in sein Herz schreibe: „Der feste Grund für den Staat i st G e r e ch t i g ke i t, n i ch t M i t l e i d!" Gerechtigkeit für alle, auch — für die Juden! , Gott segne Sie! . Dü Woche. Berlin,'den 11. März 1913. n Berlin und in ganz Preußen sind in den letzten 1 Tagen patriotische Feiern abgehalten worden, zur Erinnerung an die vor hundert Jahren erfolgte Erhebung des preußischen Volkes, die die Befreiung Deutschlands vom fremden Joch zur Folge hatte. Auch in den Synagogen unserer Stadt wie in den meisten jüdischen Gemeinden Preußens ist der Tag des „Ausruf an mein Volk" (der 10. März) festlich begangen worden. Wir feiern diese Feste ernst und freudig mit. Ernst, .indem wir die schweren Opfer jener Zeit bedenken und der schweren Tage uns inne werden, in denen wir jetzt leben; freudig, im Hinblick auf das glorreiche Resultat des Kamp- « fes, den unsere Vorfahren gefochten haben. Wir freuen uns in dem Bewußtsein, Bürger Preußens, Söhne des deutschen Vaterlandes zu sein, sind aber darüber betrübt, nicht ganz nach unserem Werte, nach unserem Willen und nach ■ der Erfüllung unserer Pflicht behandelt zu werden. Wir fühlen uns als Deutsche. und können doch eine schmerzliche Empfindung nicht loswerden; wir bringen gern alle Opfer, die man von uns heischt, und werden nicht frei von dem bitteren Gefühl, hintangesetzt zu werden und nicht das Ziel zu erreichen, das die andersgläubigen Söhne desselben- Volkes erreichen. Aber in hundert Jahren ist vieles anders geworden; innerhalb des Jahrhunderts waren bessere Zeiten uns beschieden — wir vertrauen der Zukunft und unserem Recht. Wir hoffen, daß auch uns Gerechtigkeit zuteil werden wird. pMUWWKMMWWWK in der, Hetze gegen die Jesuiten,. gegen die Katholiken. Sie habe ferner gefragt, warum bei der Wahl des Abgeordneten Giesberts, gegen den doch^kein Israelit etwas einwenden könne, die Juden aus--, nahmslos.-..ckozigwenw.kratisch-'gestimmt .hätten. ' Der. Kölnischen Volkszeitung gegmüber. wolle er ,gern anerkennen, daß. gerade sie -das Zentrumsblatt sei, das am glänzendsten die Traditionen von Windthorst und Lieber hochgehalten habe, jener Männer, welche nicht - müde geworden sind, für das gleiche Recht für alle zu kämpfen. ' (Bravo!) Wenn aber die. Kölnische Volkszeitung meint, die jüdische Presse betreibe wüste Katholikenhetze, müsse er fragen, was man denn eigentlich unter jüdische Presse verstehe; ein jüdisches Blatt sei. noch . lange nicht eine Zeitung, bei der ein getaufter Jude als Redakteur sitze. Man möge doch nicht immer liberal und jüdisch verwechseln. Ihm, Redner, sei ein Blatt, das män als wirklich jüdisch ansprechen könne, nicht bekannt, das ^gegen die Katholiken gehetzt habe. Eine Hetze gegen Katholiken sei unjüdisch, und ein wirklich jüdisches Blatt habe die Katholiken noch niemals angegriffen. Was die Wahl Eies-, - berts angehe, so wäre ihm, Redner, doch interessant, woher angesichts der geheimen Wahl die Kölnische Volkszeitung ihre Kenntnis nehme; woher wisse sie denn, daß die Juden sozialdemokratisch gewählt hätten?' Im übrigen erkenne er gern die Objektivität der Kölnischen VolkszeituNg an; dieses gleiche Maß von Empfindung für Gerechtigkeit hätten andere Blätter ihrer Farbe nicht immer gezeigt. Für die Beibehaltung des Jesuitengesetzes hätten Konservative, Nationalliberale und Volkspartei gestimmt. Wenn er, Redner, persönlich abzustimmen hätte, würde-ihm die Entscheidung nicht schwer fallender sei unbedingt für Aushebung des zwecklosen und sinnlosen Ausnahmegesetzes, das noch immer mit Gründen verteidigt werde, von denen er gar nicht verstehe-, daß sie-immer noch geltend gemacht werden können. In der Diskussion bemerkte der erste Redner, daß man die Konservativen und das-Zentrum nicht unterstützen dürfe; die letztere Partei hätte sich bei den Reichstagswahlen mit den Konservativen, den schlimmsten Antisemiten, verbündet, und deswegen dürfe man nie für das Zentrum stimmen.- Bei der letzten Reichtagswahl hätten einige Juden das Zentrum sogar mit Geld unterstützt, diese Leute seien dem Fluche der Lächerlichkeit anheimgefallen. Aber die meisten Juden wußten-damals doch, was'die Zeit gebietet und haben der Sozialdemokratie Ihre Stimme gegeben. Die Nationalliberalen sind auch etwas unsichere Kantonisten, die wirklichen und entschiedensten Freunde der Juden sind die Fortschrittliche Volkspartei und die Sozialdemokraten. Hoffentlich richte man sich im Judenlager bei den Landtagswahlen danach. Ein Zweiter Redner sagte, er sei ein extremer Demokrat, aber er möchte dem Zentrum und den Nationalliberalen gegenüber doch anerkennen, daß sie oft recht kräftig für die Interessen der Juden eingetreten seien, bei der ersteren Partei sei es vor allem Gröber, bei der letzteren seien es Paasche und Osann. Wenn man in Judenkreisen beklage, daß jüdisch und liberal zusammengeworfen werde, möge man doch dem Gegner nicht mit demselben Vorwurf kommen; der Zentrumspartei müsse er bezeugen, daß eine Reihe von Abgeordneten stets für die Rechte der Juden eingetreten feien. Man müsse objektiv sein; nur wenn man selbst Gerechtigkeit übe, werde man Gerechtigkeit finden.' In diesem Kampfe für völlige Gleichstellung der Juden erscheint mir sehr bedeutsam eine Versammlung, die kürzlich in Köln stattfand. Einem zu Köln erscheinenden Blatte entnehme ich darüber folgenden Bericht: In dem großen Saal der Lese war auf Dienstag abend vom Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Versammlung einberusen toorden, die von Damen und Herren, sehr stärk besucht war. Herr Feilchenfeld leitete sie. Zunächst sprach Justizrat Dr. Horwitz über Zurücksetzung der Juden im Staatsdienst, im Handel und in der Industrie. Geheimer Justizrat Dr. Eugen. Fuchs sprach über das Thema: Was tun? Seine Ausführungen gipfelten im wesentlichen in einer Empfehlung des Zentralvereins, der allezeit ein Vorkämpfer der Rechte der Juden gewesen und dessen Arbeit heute ebenso wenig entbehrlich sei wie zur Zeit seiner Gründung. Es sei zwar das Verhalten gegen die Juden etwas besser geworden, man wage doch nicht mehr so dreist, die jüdische Religion zu beschimpfen. Der Kampf sei den Juden aufgedrängt worden durch die Arbeit oer Antisemiten. Die Juden selbst würden den Kampf siegreich bestehen, wenn sie der Religion der Väter die Treue hielten. Die Kölnische Volkszeitung habe ihn, Redner, in einem Artikel gefragt, wie sich die Juden denn dem Jesuitengesetz gegenüber verhielten und was er dazu sage, wenn die Judenpresse sich gar nicht genug tun könne ■ . * In Rußland bessern sich leider die Verhältnisse gar nicht, das wird durch folgende zwei Notizen bezeugt, die von der „N. I. K." verbreitet werden: Der nnt der Abfassung der Anklageschrift gegen Beilis betraute Staatsanwalt am Mohilewer Kreisgericht, Loschkavesf, hat die Anklageschrift bereits fertiggestellt und dem Justizminister'übermittelt. Die Anklage lautet ausdrücklich aus Ritualmord und sucht, aus Grund „historischer" Beispiele nachzuweisen, daß einzelne Juden Mordtaten aus rituellen Gründen verübt hätten, eine solche „Institution" im Judentum also bestehen müsse. Ueber die Verdachtsmomente gegen Beilis selbst ist in der Anklageschrift so wenig'enthalten, daß im Ministerium Zweifel entstanden sind, ob es möglich sein wird;, den Anklageakt in .dieser Form zu bestätigen. - Seit dem 20. Februar weilt in Petersburg eine Deputation jüdischer Juristen aus Kiew, die im Jahre 1912 an per juristischen Fakultät der dortigen Universität promoviert haben, denen jedoch seitens der Kiewer BehAbden die Aufnahme in den Stand der Advogatursgehilsen wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum verweigert worden ist. Die Abordnung würde Ende der vorigen Woche vom Justizminister Schtscheglowitow empfangen, der ihr erklärterer könne den Wunsch

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