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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-14 · Heft 11 (14.3.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 11 (14.3.1913)
Date
1913-03-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 77. Jahrgang Nr. II Berlin, 14. März 1913 Vegrstndet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum,*, Berlin 8^., Ierusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 324. ffttfmff Offenes Glückwunschschreiben an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika von Prof. Dr. G. Klein, Rabbiner in Stockholm. — Die Woche. — Die Goldschilds. Von Ludwig Geiger. — Die Juden nach der Auffassung eines italienischen Arabisten und Politikers. Von Prof. Dr. Ermanno Locvinson, Rom. — Eine Denkschrift über die Errichtung eines Lehrerseminars für die Juden Süd- und Neuostpreußens. Von Jacob Jacobson. — William Wolf. Von Kgl. Musikdirektor A. Fried mann, Berlin. — Feuilleton: Der Sohn des Elias. Von Julius Weil. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote lBeilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Königsberg i. Pr., Lautenburg (Westpr.), Posen, Breslau, Darmstadt, Aus Hessen, Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Illenes Glückwunlchlchreibkn an drn Krslldknten der Vereinigten Stssten von Mrdsmerida von Pros. Dr. G. Klein, Rabbiner in Stockholm. err Präsident! Wenn ein Ihnen ganz unbekannter Mann im hohen Norden es wagt, die soziale Scheidewand, die zwischen Ihnen und ihm aufgerichtet ist, niederzureißen und sich mit einem offenen Schreiben direkt an Ihre Adresse wendet, so müssen da ganz wichtige Gründe vorliegen. Und in der Tat sind solche zwingenden Gründe vorhanden, die mich veranlassen, die konventionelle Kluft zu überbrücken. Für diesen Wagemut mache ich aber keinen mehr verantwortlich als Sie'selbst. Es ist mir beim Lesen Ihres Regierungsprogramms eigenartig ergangen. Ich habe nämlich ganz vergessen, daß ich Gedanken des neuernannten Präsidenten, in mich aufnehme. Im Geiste sah ich mich vielmehr in Altisrael versetzt. Eine altehrwürdige Prophetengestalt stand vor meinem Blick. Es war der Prophet Amos, der mit seiner Donnerrede die Gewissen des Volkes Israel zu erschüttern suchte. Furchtlos schleudert er den Großen des Reiches die bittersten Vorwürfe 'ins Antlitz: „Ihr verwandelt Recht in Galle, Gerechtigkeit in Wermut. Bei Gericht ist kein Recht mehr zu bekommen. Bestechung ist an der Tagesordnung. Die Wahrheit zu sagen und gerecht zu urteilen, ist gefährlich. Die Armen sind schmählich unterdrückt. Ihre Not wird von den herrschenden Klassen dazu benutzt, sie auszubeuten und gänzlich zu unterdrücken . . ." And seine gewaltige Strafrede mündet in den Herzensschrei aus: „Hinweg von mir. mit dem Geplärre deiner Lieder, das Rauschen deiner Harfen mag ich nicht hören! Möge vielmehr Recht spru d eln wie Was'ser und Gerechtigkeit wie ein nimmer versiegender Bach!" Diese Gedankenverbindung hüben Sie, Herr Präsident, be^ mir hervvrgerufen, als ich bei Ihnen die Worte las: „Just i c e, and only j us tice sh all a.1 ways be oiir motto.“ Das ist echter Prophetengeist, der aus Ihrem Munde redet. Und weil ich nichts Höheres und nichts Edleres für unsere Zeit und für unser Geschlecht kenne, als die Wiedererweckung und Wiederbelebung des Prophetengeistes, darum fühle ich mich Ihnen als Gesinnungsgenosse nahe, und darum begrüße ich Sie als einen Gottbevufenen, der das Prophetenideal in sich verkörpern und zum Segen nicht allein für das amerikanische Freiheitsvolk, sondern für die ganze Menschheit werden möge! In Ihrer Rede finde ich noch einen Satz, der mir zur folgenden Reflexion Anlaß gibt. Sie sagen: „D e r f e st e G r u n d für den Staat ist Gerechtigkeit und nicht Mitleid." Auch in dieser Formulierung Ihres Gerechtigkeitsideals stimmen Sie mit den Denkern und Volkserziehern der jüdischen Vorzeit überein. Als im Zeitalter der großen Religionswende Israels Berufsbewußtsein erwachte und eine Spannung in den Gemütern entstand, eine elektrische Ladung, die nach Befreiung vom Drucke lechzte, da zogen seine Missionare durch die weite Welt, nach den entferntesten Inseln, um Propaganda unter den Heiden zu machen, „um Gottes Herrlichkeit unter den Völkern kundzutun". — Daß ohne diese jüdische Missionswirksamkeit' die rapide Ausbreitung des Christentums und seine Entwicklung zur Weltreligion ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wären, daran sei nur nebenbei erinnert. — Ich will aber, da ich diesen Gegenstand berühre, auf etwas anderes Hinweisen. Bei den jüdischen Missionaren entstand frühzeitig das Bedürfnis, einen Katechismus für die Bekehrung der Heiden auszuarbeiten. Man sollte nun glauben, daß diese Missionare an die Spitze der Unterweisung die Quintessenz der jüdischen Lehre gestellt hätten, die zur Genüge bekannten Gebote: Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. — Das taten aber die Missionare nicht. Sondern das erste, das sie den Heiden einzuprägen suchten, war die goldene Regel: Was du nicht willst, daß man dir tue, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist das Gesetz der Gerechtigkeit. Als praktische Pädagogen, als gründliche Kenner des Menschenherzens haben die jüdischen Missionare von „Liebe" und Mitleid so wenig als möglich gesprochen, aber um so mehr haben sie den. Nachdruck auf die Gerechtigkeit gelegt. Hat man die Menschen einmal dahin gebracht, daß sie im Verkehr untereinander gerecht sind, d a n n erst kann die L i e b e als heiliges Ideal ihnen gepredigt werden. Den Unterricht mit der Lehre der Liebe zu beginnen, wäre geradezu unklug; es wäre dasselbe, wie den Bau des Hauses mit dem Dache zu beginnen.

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