Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229080--69262-3281554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Ich höre es so gern aus Ihrem Munde, in diesem Augenblick besonders gern." „Haben Sie sich durch meine ungnädigste Tante verstimmen lassen?" „Wo denken Sie hin? Ich achte aus dergleichen nicht, wenn mir auch nicht entgangen ist, daß mich beide verehrte Herrschaften stillschweigend auf meinen Glauben geprüft und — verworfen haben." „Sie dürfen nicht mit ihnen rechten." „Tu ich auch nicht, Aber Sie, teures gnädiges Fräulein, wie denken Sie darüber?". ■ „Worüber?" „lieber meinen Glauben." „Ach, ich habe offen gestanden nicht daran gedacht, bis die anderen davon zu sprechen ansingen." „Aber nachdem man Sie darauf hingelenkt hat?" Mit sichtbarer Spannung erwartete er ihre Antwort. Als sie aber schwieg und sinnend vor sich hinblickte, als könne sie nicht gleich die rechten Worte finden, sagte er hastig: „Verzeihen Sie, ich war indiskret." Sie schüttelte den Kopf. „Denken Sie nicht, daß ich Ihnen ausweichen will," versetzte sie. „Ich möchte mir nur klar werden,- weshalb ich nie darauf gekommen bin, nach Ihrem Glauben zu fragen. Ich denke mir, lieber Herr Doktor, weil ich Sie eben besser kenne als die anderen und weiß, daß Ihr Tun so im Einklang steht mit den Lehren meines Glaubens, mit den Geboten der höchsten Liebe, daß ich mir nicht vorstellen kann, wir sollten nicht im Innersten eins sein." „O, das ist ein guter Tag für mich!" ries Doktor Deutzer, und seine Augen leuchteten. „Erinnern Sie sich an meine Bitte, mein Frage von. gestern: ob dieses Haus mir auch später vffenstehen würde? -Sie haben mir noch nicht geantwortet, teures Fräulein." Sie reichte ihm die Hand. „Haben Sie daran gezweifelt?" „Auch wenn ich nicht mehr als Arzt komme?" „Willkommen, nicht bloß als Arzt — mehr noch als Mensch, als lieber, lieber Freund!" Doktor Deutzer sah sie an und sah, wie ein Lächeln, ein scheues und doch verheißendes Lächeln ihr schönes Gesicht verklärte. Da war es mit seiner mühsam aufrechterhaltenen Selbstbeherrschung vorbei. Vergessen waren Vorsätze und Zweifel. Vergessen, daß er noch vor Minuten sich zugerufen hatte: Laß ab, es ist ja Wahnsinn! Du, ein schlichter Doktor, ein Jude — und sie, die begehrte Schönheit, die Tochter aus adligem Hause! . . . Er sah sie an, und zitternd vor Erregung sagte er: „Wenn ich diese Worte — wenn ich sie nach den seligsten Wünschen meines Herzens deutete, würden Sie mich gehen heißen?" lind sie antwortete leise: „Ich bin ja so stolz, so glücklich, daß Sie sich zu mir hingezogen fühlen." „O mein Gott!" rief er. „Haben Sie Mitleid mit mir!..." „Ich bin ja so glücklich, teurer Freunds wiederholte sie. Da richtete sich Doktor Deutzer empor. Und mit einer Stimme, in der es sang und jubelte, rief er: „Wissen Sie denn, daß ich Sie liebe?" Lächelnd sah sie ihn an und nickte ihm zu,.während ihre Augen sich feuchteten. Da neigte er sich zu ihr herab und küßte sie . . . * Herr v. Römer war vollständig hergestellt, der Doktor hatte aber noch eine kurze Karenzzeit angeordnet, um den durch ue lange Stubenhaft empfindlich gewordenen Körper nicht gleich den Gefahren des gerade herrschenden rauhen Wetters auszusetzen. Der lebhafte alte Herr ertrug diesen Zimmerarrest schwerer fast als die ganze Zeit des Festliegens. Er fühlte.sich lebens- und unternehmungslustiger als je, und vor allem, er langweilte sich. Das ewige Zeitunglesen hatte er gründlich satt, und die LViedereröffnung seiner Whistkampagne erlaubte der Doktor auch nicht. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Wilhelm II. 25 I a h re Kaiser und König. Von Paul Meinhold. Mit zahlreichen Abbildungen. Buchschmuck von Friedrich Feiger. Berlin W, Ernst Hofmann und Co. Ich kann selbstverständlich nicht daran denken, die ungeheure Literatur, welche beim Jubiläum unseres Kaisers erscheint, von der mir nach der Gepflogenheit mancher deutscher Buchhändler manches zukommen wird, hier anzuzeigen. Mit vorliegendem Buche mache ich eine Ausnahme, teils weil es das erste mir zugekommene ist, teils weil es ein wirklich trefflich ausgestattetes, gut geschriebenes Buch ist und infolge seiner ernsten Darstellung und des tüchtigen Wissens des Verfassers eine Erwähnung verdient. Mit patriotischem Eifer, ohne aufdringliche Lobhudelei wird das Leben und Wirken des Kaisers geschildert. Die 20 Abschnitte, in die das Buch zerfällt, sind die folgenden: 1. Preußen und die deutsche Einheit. 2. Vaterhaus und Kindheit. 3. Gymnasium und Hochschule. 4. Prinz Wilhelm. 5. Wilhelm II. König von Preußen und Deutscher Kaiser. 6. Des Kaisers Wesen und Art. 7. Kaiser und Kanzler. 8. Caprivi. 9. Hohenlohe. 10. Der Kaiser und das Deutschtum. 11. Der Kaiser und die Wissenschaft. 12. Der Kaiser und die Religion. 13. Der Kaiser und die Erziehung. 14. Der Kaiser und die Kunst. 15. Der Kaiser und das Heer. 16. Der Kaiser und der Sport. . 17. Flotte, Handel, Industrie." 18. Aeußere Politik. Bülow. 19. Innere Politik. 20. Der Kaiser und seine Zeit. Natürlich habe ich zunächst den Abschnitt über die Religion gelesen und dabei bemerkt, was ja leider so. oft zu beklagen ist, das; die Inden übergangen werden. So viel von der Stellung des Kaisers zur Religion im allgemeinen, zur Kirche im besonderen, zum Protestantismus und Katholizismus, gelegentlich auch zum. Mohammedanismus die Rede ist, von den Juden wird kein Wort gesagt. Das ist ein schwerer Mangel, denn die Stellung des Kaisers zu einzelnen Inden und zur Judenfrage ist im Grunde doch bedeutsam genug, um in einer biographischen Schrift, erwähnt zu werden. Hoffentlich wird dieser Mangel in einer Zweiten Auflage des Werkes verbessert. — Napoleons Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Friedrich Schulze. 1912. Im Insel-Verlag zu Leipzig. Das Herannahen der Erinnerungstage an das Befreiungsjahr 1813 bringt eine übermäßige Literatur hervor,von der wir freilich nur verhältnismäßig geringe Kenntnis nehmen können. Auch die hochangeschwollene Napoleonliteratur dnrchzugehen, ist nicht unsere Sache, dagegen halte ich es für meine Pflicht, auf das vorliegende Buch aufmerksam zu machen. Es ist ganz trefflich ausgestattet, wie man es bei Büchern des Insel-Berlages gewohnt ist. Außerdem enthält cs aber das Patent, das die Zusammenberufung des Sanhedrins bestimmt. Dieses beginnt mit dem Hinweis daraus, daß dem Kaiser berichtet worden sei, einzelne Juden nähmen übermäßige Zinsen. Andere Herrscher nahmen eine solche Kunde als Anlaß zur Unterdrückung oder gar zur Vertreibung derJuden. KaiserNapoleon verfuhr andjers. Er schrieb: „Diese Umstände haben uns sogleich erkennen lasser;, wie dringend notwendig es ist, unter denen, die sich in den unserer Botmäßigkeit unterworfenen Ländern zur jüdischen Religion bekennen, die Gefühle der bürgerlichen Moral zil neuem Leben zu erwecken, welche leider bei einer 'allzugroßen Zahl von ihnen durch die Erniedrigung ertötet worden sind, in der sie immer geschmachtet haben, eine Erniedrigung, die bestehen zu lassen oder zu erneuern keineswegs in unseren Absichten liegt." Darauf folgt dann die Einladung zum großen Sanhedrin. Auch in unserer Zeit ist es noch gutz solche Worte allgemein bekannt zu machen. L. G. * — Die Stellnng des Lehrers in der Gemeinde. Vortrag, gehalten aus der Generalversammlung .des Israelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern am 27. August 1912 in