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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 118 (sequence 10)
Language
German
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^gSiLLet^f Der Sohn des LUss. Von Julius Weil. II. ein also galten seine überströmenden Worte? Ihr, ihr allein? Es ward ihr plötzlich beklommen zumute. Nur den großen Arzt, den edlen Wohltäter hate sie bisher in ihm zu sehen geglaubt; in diesem Augenblick stand der Mann, der zielbewußte Kämpfer, der zart empfindende, nach einem mitfühlenden Herzen heißbegehrende Mensch vor ihren Augen. Und dieser neue Anblick verwirrte sie, regte ihre Seele in den Tiefen auf, daß sie ihre Umgebung, das hohe Glück des heutigen Tages, daß sie alles vergaß und heftig erschrak, als sich die Tür des Krankenzimmers öffnete und die Schwester hereintrat. „Was ist geschehen?" rief sie, aus ihrer Betäubung erwachend, voller Angst. „Nichts, gnädiges Fräulein," erwiderte bie Schwester. „Ihr Herr Vater verlangt' nach Ihnen; er fühlt sich gestärkt und froh, durch Gottes Gnade ist die Krisis überwunden." Luise atmete auf. „Dem Himmel sei Dank!" sagte sie. „Ich komme, Schwester!" * Am nächsten Tage erschien das Fräulein Geraldine v, Römer, eine Schwester des Kranken, um nach ihm zu sehen. In ihrer Begleitung befand sich ihr Neffe, der Legationsrat v. Römer. Das alte Fräulein war in jüngeren Jahren Hofdame gewesen, und noch jetzt umwitterte sie etwas wie Hoslust; man hatte das Gefühl, wenn sie anwesend war, in der Nähe eines Thrones zu weilen. Nach einer allerdings sehr verblaßten Tradition mußte sie in ihrer Hofdamenzeit ein sehr vergnügtes Fräulein gewesen sein; unverbürgte Gerüchte wollten sogar von einem zärtlichen Verhältnis zu einem Prinzen von Geblüt wissen. Allein das lag im Dämmer des Historischen. Jetzt war sie das Gegenteil von einem Weltkind. Sie war das Licht und die Stütze zahlreicher frommer Vereine und betrieb die Errettung verirrter Seelen aus Unglauben und Sünde beinahe berufsmäßig. Daneben schwärmte sie für Heilung von Gebresten aller Art durch Gebet und magnetische Kuren. Ihr Begleiter, der Legationsrat, war der Liebling der alten Dame und galt als ihr zukünftiger Erbe, glich ihr auch an Gesinnung wie eine gute Kopie dem Original. Seine Erscheinung war aristokratisch bis in die Fingerspitzen; er trug Monokel und goldene Armbänder. Seit Jahr und Tag umschwärmte er seine schöne Cousine. Nun saßen beide in der für einen Krankenbesuch geziemenden still feierlichen Haltung bei der Tochter des Hauses und führten eine halblaute Unterhaltung, die sich anfangs um das Befinden des alten Herrn drehte, bald aber eine verfängliche Wendung nahm. „Du glaubst also an eine Besserung, mein liebes Kind?" fragte die ehemalige Hofdame. „Ja, liebe Tante, der Arzt ist voller Zuversicht." „Ach, ich kenne diese Aerzte! Glaube mir, Kind, mit ihren Giften und Stimulantien fachen sie künstlich die Lebensgeister des Kranken an, damit die Umgebung glaube, sie hätten die Krankheit zum Stillstand gebracht. Erschrick nicht, liebes Kind, ich hoffe ja das Beste. Aber die Aerzte! Und nun gar dieser Doktor! Wilhelm sagt mir: es ist ein Jude. Wie konntet Ihr das tun? In ein christliches Haus . , .?" „Ich weiß, ich weiß," fuhr .sie fort,-ehe Luise, zur Antwort kam, „du warst in Verzweiflung, wußtest dir keinen Rat, da ist das Unglück passiert. Nun, Wilhelm wird es so schnell wie möglich redressieren, nicht wahr, lieber Wilhelm?" Der Legationsrat verneigte sich zustimmend. „Und inzwischen — nimm Vernunft an, liebes Herz, laß den Papa durch unseren teuren Baumann behandeln. Glaube mir, er ist ein Begnadeter. Die Berührung seiner Hand trifft die verborgenste Leidensquellelockt sie aus dem Körper heraus und erfüllt ihn dafür mit dem heilenden Fluidum, das von dem wunderbaren Manne ausströmt. Man muß es gesehen haben, um an seine Wunderkraft zu glauben. Und daß ichs nur gestehe — ich habe Baumann gebeten, herzukommen." Luise hob abwehrend die Hände. „Ich bitte dich, liebe Tante," sagte sie, „bestehe nicht darauf Es würde den Vater aufs höchste erregen und seine Genesung gefährden. Auch weiß ich bestimmt, daß Doktor Deutzer. entschieden Einspruch erheben würde." „Wie; du willst ihn fragen?" „Verzeihung, liebe Luise," mischte sich der Legationsrat in das Gespräch. „Ich begreife deine merkwürdige — wie soll ich gleich sagen? — Sympathie für diesen Wunderdoktor nicht." „Auch ich muß gestehen," Pflichtete ihm das alte Fräulein bei, „daß es mich chokiert. Ich beschwöre dich, Luise, sage ihm — oder besser, Wilhelm wird ihm schreiben, daß wir aus seine Dienste verzichten." „Liebe Tante," erklärte Luise fest, „es tut mir leid, deinen Wunsch nicht erfüllen zu können. Ich werde den Mann, der meinem Vater das Leben gerettet hat, nicht beleidigen." „Ach beleidigen!" ries der Legationsrat ironisch lächelnd. „Sei ganz unbesorgt, er wird sich durch eine hohe Liquidation schadlos zu halten wissen." Luise antwortete nicht; sie stand aus, um das Gespräch abzubrechen. Die alte Dame war verletzt; sie erhob sich ebenfalls und ihrem Neffen einen bedeutsamen Blick zuwersend, wandte sie sich an Luise mit der Frage: „Du willst also wirklich nicht unseren teuren Baumann annehmen?" „Nein, liebe Tante." „Dann bleibt mir nur das Gebet!" Mit einem flehenden Aügenäufschlag schickte sie sich zum Gehen an, als Doktor Deutzer eintrat. Luise stellte vor. Die einstige Hofdame führte, während er sich verneigte, ungeniert ihre Lorgnette an die Augen Und fixierte ihn, indes der Legationsrat es mit Mühe zu einer Kvpfbewegung brachte, die man allenfalls für einen' Gruß nehmen konnte. „Aus Wiedersehen, liebe Luise!" sagte sie, Luise die Hand reichend. „Grüße den Papa aufs innigste!" , In gleicher Weise verabschiedete sich der Legationsrat. Darauf verließen beide, ohne den Arzt zu beachten, das Zimmer. . . . Ein peinliches Schweigen herrschte, nachdem sie gegangen waren, wie immer, wenn feinfühlige Menschen Zeugen einerbrüsken Handlung sein mußten. Nach einigen Augenblicken fragte Doktor Deutzer: „Wie geht es unserem Patienten, gnädiges.Fräulein?" „Gut, sehr gut. Er hat die Nacht über fest geschlafen. Auch am frühen Vormittage stellte sich wieder erquickender Schlaf ein, von dem er erst vvr kurzem erwacht ist." „Fragte er nach mir?" „Sein erstes Wort war: Ist unser lieber Doktor da?"; / „Und was sagten Sie?" - '- „Unser lieber Doktor muß jede Minute kommen." „Sagten Sie wirklich: Unser.lieber Doktor wird kommen?" „Ja, warum fragen Sie?" /

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