Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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V Wir berieten in der Sitzung eingehend über das Schicksal Adrianvpels und ventilierten alle Möglichkeiten der eingeschlossenen jüdischen Bevölkerung m Adrianopel, die nach Abzug derjenigen Flüchtlinge, die Adrianopel verlassen haben und unter Hinzurechnung derjenigen Personen, die dorthin geflüchtet sind, etwa 19000 Seelen beträgt, Hilfe zu bringen.. Man war. darin einig, daß man auch in dem Falle, daß Adrianopel türkisch bleibt, sehr schwer von Konstantinopel aus für die Ausgehungerten in den ersten Tagen wird sorgen können. Für die ersten Tage muß jedenfalls damit gerechnet werden, daß die nötigen Lebensmittel und die erste Hilfe von der bulgarischen Seite her beschafft werden. Es wurde ferner in der Sitzung beschlossen, schon jetzt alles Nötige vorzubereiten, um sofort nach Friedensschluß die Flüchtlinge in Konstantinopel zu repatriieren, damit alle unnötigen Verpslegungsausgaben vermieden werden und die Bevölkerung, die an und für sich durch die erzwungene Untätigkeit Gefahr läuft, demoralisiert zu werden, so. schnell wie. möglich wieder .arbeits- und erwerbsfähig gemacht wird. , Zu diesem Zwecke soll schon jetzt das Notwendigste geschehen, ein ganz detaillierter Plan ausgearbeitet werden, der sofort ausgesührt werden kann, wenn die Möglichkeit einer Rückkehr gegeben ist. Die nötigen Vorarbeiten, statistischen Erhebungen usw. werden aus Veranlassung der Delegation jetzt bereits vorgenommen. Wir benutztet: die. Zeit weiter, um mit den in Konstantinopel anwesenden.-angesehenen Persönlichkeiten aus Ädrianopel noch eingehend über die Art und Weise der Hilfe für Adrianopel uns zu beraten. Alle, die wir sprachen, waren darin einig, daß das, was wir bereits angeordnet haben, durchaus notwendig und zweckmäßig sei. Am Dienstag reiste Herr Adler, nachdem unsere Ausgaben vollendet waren, nach London zürück.' Herr Dr. Kahn blieb noch einige Tage, um über die geschädigten thrazischen Gemeinden die nötigen Erhebungen anzustellen und weitere Einzelheiten mit den Mitgliedern der Kommission für die Hilfeleistung in Konstantinopel festzusetzen, v . : Am 8. Februar fuhr auch Dr. Kahn von Konstantinopel ab: Da es sich herausgestellt hatte, daß. es notwendig war, noch einmal mit den serbischen und bulgarischen .Behörden in Verbindung zu treten, so fuhr Herr . Dr. Kahn, über Konstanzch Bukarest nach Belgrad, wo er am Dienstag den 11. abends eintraf. Am Mittwoch wurden erngehend noch einmal alle Ergebnisse der Reise, soweit die Mithilfe der bulgarischen und serbischen Behörden in Betracht kam, mit Herrn Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, der aus Sofia herübergekömmen war, und Herrn Großrabbiner Alcalai aus Belgrad dürchgesprocheN. Wir hielten es für nötig, an die serbischen irnd'bulgarischen Behörden heranzutreten, um die Flüchtlinge, soweit es angeht, 'schnellstens zurückzubefördern. Erfreulicherweise fanden wir wie früher bei den bulgarischen Behörden so auch jetzt bei den serbischen das größte Entgegenkommen. Das serbische Generalkommando in Uesküb hat für die Repatriierung der Flüchtlinge nach Jstip bereitwillig 20 Ochsenwagen zur Verfügung gestellt und hierdurch wiederum bewiesen, wie wohlwollend insbesondere auch die serbischen Behörden der jüdischen Bevölkerung gegenüberstehen. Durch dieses menschenfreundliche Verhalten der serbischen Behörden wird es nunmehr möglich sein, in kurzer Zeit die Flüchtlinge aus Saloniki wieder nach ihrer Heimat zu bringen. Die Lage der Milchen Jugend in Suhlsnd. Von Eli as Nacht, Cöthen (Anhalt). ie Tagespresse beschäftigt sich zurzeit mit der- Lage der Juden in Rumänien und Hauptsächlich derer in Rußland. Dies veranlaßt mich, nur kurz einen interessanten Bericht mitzuteilen, den ich -der russischen. Tageszeitung „Bessarabskaja Jisne", Nr. 18 vom 4. Februar 1913, entnehme. Die.Lehrbezirke- Prozent der jüdischen Schüler * Männliche ..Gymnasien Realschulen 1910 1911 1910 1911 Petersburg . . . . -. . . 5,2 ' 5,3 , 4,2 4,2 Moskau .. 4,3 4,5 3,8 4,0 Charkow. 6,4 6,6 ' 3,2 3,1 Odessa . . . . . . . . . 18,6 18,5 17,6 17,1 Kiew . ... .... . 11,2 11,1 11,3 11,2 Wilna . . . . . . . . v 15,7 16,4 13,3 14,0 Kasan . . . . . . . . . 4,9 4,9 2,8 2,6 Orenburg. . ... . . . 5,2 5,3 4,1 3,9 Kankas. . . . . . ... . . .- 5,6 6,2 3,6 3,4 Riga.. 6,4 7,2 16,5 15,8 Warschau. 25,7 23,6 37,1 -31,5 Westsibirien. 5,3 5,6 5,6 5,1 Jrkutsker Stadtgouvernement 6,4 7,2 12,1 11,3 Turkestan........ 7,4 7,5 5,1 4,8 Priamur.. 4,8 4,6 5,2 4,8 Summa 9,8 9,8 | 7,7 | 7,3 Aus der obigen Tabelle kann man sehr deutlich ersehen, wie schwer es der jüdischen Jugend in Rußland gemacht wird, sich geistig auszubildem Anstatt ihr freie Bahn zur Entwicklung ihres Geistes zu gewähren, wird sie in jeder Richtung unterdrückt, trotzdem sie ein höheres Schulgeld zu entrichten hat als die Christen, wie es zum Beispiel der Fall in Rumänien ist. . Die Zahl der Absolventen, die die Schulen verlassen, um sich dem Studium zu widmen, ist ja durch oben angegebene Gründe sehr gering. Trotzdem ist es ihnen aber unmöglich, irgendeine Ausnahme an einer Universität oder Hochschule des Landes zu erreichen, da sie, wie aus untenstehender Tabelle zu ersehen ist, prozentweise aufgenommen werden. Ja, sogar an einigen Universitäten und Hochschulen ist ihnen der Zutritt überhaupt versperrt. Ein sehr triftiger Grund, weshalb sie sich ins Ausland zum Studium begeben. Universitäten Die Zahl der Studenten. bis zum 1. Januar 1910! bis zum 1. Januar 1911 ganzen Sud« Juden ■ % I ganzen Juden Juden °/o Petersburg ... . 7 . 8663 . .9.34 10,7 8446 .661 7,8 Moskau ... . .... 9658 . 592 .6,1 9940 525 5,2 Charkow . . . . . . '4115 453 11,0 3759 363 9,7 Kasan. . . . . . . -2995 171 5,7 2386 164 6,8 Kiew . . . ... . 5107 925 18,1 5215 -888 17,0 Odessa. . . . ... 3066 744 24,2 2699 513 19,0 Tomsk. ... . . . 1110 79 7,1 1088 71 6,5 Jurjew . . . . . . 2581 220 8,5 2551 216 8,5 Warschau. . .. . . . 1269 121 9,5 1911 189 9,9 Saratow . . . . . . 92 5 5,4 | 197 12 6,0 Summa 38616 4244 10,9 | 38192 3602 9,7 ' Ich begnüge mich mit dieser Andeutung. Ich bin fest überzeugt, daß diese Zeilen manchem über die Lage der Juden und hauptsächlich derer in Rußland eine bessere Aufklärung verschaffenwerden. Mögen nun diese Worte dazu beitragen, eine Besserung der Lage der Juden herbeizuschasfen, es ist dieser Wünsch nicht nur der meinige, sondern derjenige einer ganzen Nation.