Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
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der ganze Unterschied. Ök> dieser Wechsel ein von außen gekommener ist, z. B. das Staatsgesetz, das den vierten juristischen Teil -des „Schulchan-Aruch" außer Kraft gesetzt hat — das kann auch die ungarische Orthodoxie nicht leugnen — oder ein innerer ist, entsprungen dem religiösen Gefühl einer Judengemeinde, die z. B. eine Orgel wünscht im Tempel, ist ' einerlei für die Beurteilung der Frage. Wenn das allgemeine Wahlrecht erteilt wird, ist es ganz irrelevant,, ob es von oben geschenkt, oder von unten erkämpft wird, immerhin zerbricht es den Bestand der historischen Stände. So ist es mit dem „Schulchan- Aruch". Setzt sich der eine oder , andere über manche seiner Paragraphen hinweg, werden manche durch Zeitereignisse überholt, so konserviert ihn die. Orthodoxie vergebens in ihren Gemeindestatuten. Es kommt ja nicht darauf an, daß der „Schulchan-Aruch " in den Gemeindestatuten sein ehrenvolles Dasein fristet, sondern daß er in der Gesinnung und Betätigung der Gemeindemitglieder lebe. Ich möchte, um nicht mißverstanden zu werden, wiederholen, daß ich in allem , früher Gesagten immer den „Schulchan-Aruch" als Ganzes meinte, wie die Orthodoxie ihn in seinem Ganzen sakrosankt erklärt. Denn daß ein großer Teil des „Schulchan-Aruch", d. h. in ihm angeführter aber auch viel früher bestandener. Sitten und Gebräuche, auch in den fortschrittlichen Gemeinden anerkannt wird, das muß auch die radikalste Orthodoxie zugeben, so wie sie zugeben muß, daß sämtliche Paragraphen dieses Gesetzbuches Heute keine Geltung haben. Dann ist aber der Ausdruck: „aus Basis des Schulchan-Aruch", dieses Feldgeschrei der ungarischen Orthodoxie ein .falscher, denn entweder stehen alle Parteien der ungarischen Judenschaft auf dieser Basis oder gar keine. Trennt der „Schulchan-Aruch" die beiden Parteien nicht, so müßte also eine Einigung, eine einheitliche Organisation auf keine Hindernisse stoßen. Da aber die Orthodoxie die Einigung nicht will, muß sie den „Schulchan-Aruch" als Vetoruf zu Hilfe rufen. Wie lange dies Mittel noch Helsen wird? Bis die Orthodoxie nicht durch eigene Schwäche, durch Verfall und Rückgang, durch eigenen Schaden zur Einigung sich bekehrt, ist jedes Zusammengehenwollen vergebens. Einige Jahre noch, und die ungarische Orthodoxie wird das 50 jährige Jubiläum ihres Bestandes feiern. Da denkt man noch an eine Wiedervereinigung! Wie sagt Dante? Lasciate ogni speranza! m? : y ■ Vorlallkger vertraulicher Gericht her Delegierten des tzilksoereins vom 30. Januar dis 12. Jtüruar 1913. m Donnerstag den 30. Januar vormittags trafen wir in Konstantinopel ein. Wir nahmen sofort unsere Tätigkeit auf und hatten bereits rm Laufe des Mittags eine. Reihe von Besprechungen mit den verschiedensten Persönlichkeiten, die sich bisher mit dem Hilfswerk in Konstantinopel besaßt hatten. Am Abend fand eine offizielle Sitzung der Hilfskommission beim Großrabbiner statt, in der die Lage in Konstantinopel eingehend erörtert wurde. Zur Zeit der Anwesenheit der Delegierten in Konstantinopel befanden sich 3087 Flüchtlinge in Konstantinopel, darunter etwa 426 Personen aus Adrianopel, 387 aus Bourgas, 200 aus Rodosto, 614 aus Silivria, 446 aus Kirk-Kilisse, 317 aus Tschorlu. Eine große Anzahl anderer Flüchtlinge, die sich außer diesen in Konstantinopel aushalten, kann sich noch selbst unterhalten, während den angegebenen Flüchtlingen alles — Wohnung, Kleidung, Nahrung, Heizung usw. — geliefert werden muß. Die Zahl der Bedürftigen' vermehrt, sich täglich, da viele ihre letzten Sparpfennige im Laufe der Zeit auszehren und infolgedessen - hilfsbedürftig werden. Nach Wiederaufnahme der Feindseligkeiten' dürften wohl auch neue Flüchtlinge aus Gallipoli, Rodosto ugd^Urngegend eintrefsen. ,^y y y In Anbetracht der schweren Ausgabe, die die Versorgung dieser großen Zahl von Flüchtlingen bedeutet, mußte jede Tätigkeit für die Armen Konstantinopels selbst, die zum großen Teile auch bittere Not leiden, einstweilen zurückgestellt.werden. Wir konnten mit Genugtuung feststellen, daß die Kommission in der besten Weise für die Flüchtlinge Sorge trägt. Insbesondere ist hier anerkennend die unermüdliche Tätigkeit des Herrn Apothekers Aron Barsilai hervorzuheben, der mit großer Aufopferung persönlich sich um das Wohl und Wehe der Flüchtlinge kümmert. Es sind bisher an Hilfsgeldern in Konstantinopel etwa 120 000 Frank eingegangen, davon 100 000 Frank aus dem Auslände und 20 000 Frank aus Konstantinopel und der Türkei. Die gesamte . Summe ist auch bereits verausgabt worden.. Trotzdem uns gesagt wurde, daß in den letzten Monaten in Konstantinopel, erhebliche Sammlungen stattgesunden haben, so zum Beispiel 16.000 Frank für die durch Erdbeben Geschädigten, 16 000 Frank für den Noten Halbmond und 15 000 Frank für die Opfer des Krieges, bestanden wir doch darauf, daß in Konstantinopel selbst, besonders in den wohlhabenderen Teilen Peru und Galata neue Sammlungen vorgenommen werden. Das ist auch geschehen. Nach eingehenden Beratungen wurde festgestellt, daß man für die Flüchtlinge wenigstens 40 Centimes pro Kops täglich verwenden müsse, und diese Summe wurde einstweilen für vier Wochen von der Delegation festgesetzt. Das.ergibt rund 40 000 Frank für den Monat. Die Lage der Flüchtlinge in Konstantinopel selbst ist natürlich eine recht traurige, aber es ist ein Trost, daß das Komitee in Konstantinopel, um das traurige Los zu mildern und die Flüchtlinge men- , schenwürdig unterzubringen, sie in ordentlicher Weise verpflegt und bekleidet. Die Unterbringung geschah nicht, wie bei den mohammedanischen Flüchtlingen, in großen Massenquärtieren, sondern die Flüchtlinge sind über ganz Konstantinopel und namentlich über die Vbrorte verteilt. . . Infolge der ausgezeichneten Fürsorge sind die jüdischen Flüchtlinge auch erfreulicherweise von den schweren Epidemien verschont geblieben, die unter den mohammedanischen Flüchtlingen so furchtbare Opfer gefordert haben. Es waren im ganzen unter 3087 Flüchtlingen 74 Kranke mit 11 Todesfällen. Davon wurden 36 Kranke im Spital Or-Hachajirn behandelt, von denen 25 jetzt gesund sind, 1 gestorben ist und 10 noch weiter behandelt werden. Unter den 36 Spitalkranken befanden sich 13 Thphuskranke, 38 Kranke wurden in ihren Quartieren verpflegt^ darunter gab es etwa 15 Choleraerkrankungen mit 5 Todesfällen. Wenn man die erschreckende Zahl der Erkrankungen und Todesfälle unter den mohammedanischen Flüchtlingen damit vergleicht, so muß man diesen sanitären Zustand der jüdischen Flüchtlinge für ganz außerordentlich günstig halten. Das-ist der aufopfernden Fürsorge, die man den jüdischen Flüchtlingen angedeihen läßt und wiederum insbesondere der unermüdlichen Tätigkeit des Apothekers Herrn Aron Barsilai zu verdanken. > Nachdem wir am-Donnerstag abend über all diese Verhältnisse uns die nötigen Informationen verschafft hatten, beschlossen wir, an den folgenden Tagen die Emigranten selbst auszusuchen, mit ihnen über das Schicksal ihrer Familien, ihrer Angehörigen, über ihre spätere Zukunft usw. usw. selber Rücksprache zu nehmen. Leider verschlechterte sich der an und. für sich nicht feste Gesundheitszustand des Herrn Dr. Nathan am Freitag so sehr, daß er auf ärztlichen Rat, nachdem alles wesentliche der Hilsstätigkeit für die Opfer des Balkankrieges erledigt war, nach Berlin zurückreisen mußte. Die Herren Adler und Dr. Kahn blieben dort, um noch die weiteren Details der, Hilfstätigkeit in Konstantinopel zu regeln. Am Montag den 3. Februar fand eine nochmalige Sitzung im Hause des Großrabbiners statt, nachdem die Delegierten Persönlich durch Augenschein sich über die Verhältnisse in Konstantinopel informiert hatten, und es wurde gemäß den Festsetzungen dieser ersten Sitzung endgültig die bereits angegebene Unterstützung zugesagt. Ferner wurde dem bestehenden Komitee Herr Judelsohn von der amerikanischen Botschaft hinzugefügt.