Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Lrirk aus Ängsrn. Von G. Schwarz, Agtam. ie Generalversammlung des Gemeinderats der Haupt- und Residenzstadt Budapest wählte, wie schon gemeldet, Franz Heltai am 15. Februar mit 218 Stimmen (von 251) zum Oberbürgermeister. Die Ehrenstelle ist die höchste, die die Bürgerschaft einem Manne verleihen kann und ist zugleich ein Vertrauensposten der Regierung, denn sie unterbreitet der Krone die drei Männer, die dann von der Krone der Generalversammlung zur Wahl vorgeschlagen werden. Das Vertrauen der Regierung und des Gemeinderates erhob den Juden Franz Heltai zum höchsten Würdenträger der ungarischen Hauptstadt. Dieses Vertrauen hat sich Heltai, der jetzt in der Vollkraft seiner Mannesjahre steht, im 52. Lebensjahre, durch seine unermüdliche Regsamkeit und rastlose. Arbeit auf dem volkswirtschaftlichen Gebiete erworben. Als Student schon erhielt er einen Preis der ungarischen Akademie mit seiner Arbeit: „Die Revision des Gewerbegesetzes", worin er mit gründlicher Sachkenntnis die gewerbliche Gesetzgebung in den europäischen Ländern behandelte. Dann wandte er sich der Journalistik zu und erregte Aufmerksamkeit mit seinen volkswirtschaftlichen Artikeln, die ihm den Weg in die Gemeindestube und den Reichstag bahnten. Hier konnte er zwanzig Jahre hindurch seine tiefen Fachkenntnisse praktisch verwerten, und bald wurde er eine anerkannte- Autorität in volkswirtschaftlichen Fragen, dessen Ausführungen jeder aufmerksam folgte, ob er lobte oder tadelte, denn jedermann imponierte die Fülle des Materials, die Genauigkeit der Daten, die Wahrheitsliebe und die kritische Schärfe, die seine Reden charakterisierten. Seine Kollegen von der Presse sahen in ihm den Beschützer ihres Alters, den Versorger ihrer Familien, denn er war Gründer des Pensionsinstituts der ungarländischen Journalisten, dann sein rühriger Präsident, unter dessen Leitung es aufblühte und materiell erstarkte. Daß in Heltai auch eine gewaltige praktische Arbeitskraft schlummerte, bewies er als Direktor der Budapester Gasanstalt. In vier Jahren ist „aus nichts eine Stadt entstanden (gemeint ist die Anlage der neuen Gaswerke)-, das modernste Mustergaswerk Europas, die Zierde und der Stolz Budapests und der Ruhm der Gastechnik für die weite Welt". So sprach der sonstbescheidene Mann, und mit Recht, denn dieses — sein — Gaswerk, das er geschaffen und geleitet, brachte der Hauptstadt einen Nutzen von über fünf Millionen Kronen. Die gesamte hauptstädtische Presse ist voll des Lobes über den neuen Oberbürgermeister, der aus ihren Reihen zur Würde gelangt ist, und bei der Presse seine -Laufbahn begonnen hat. Trotzdem er als Vertrauensmann der Regierung gewählt wurde, begrüßt ihn auch die oppostionelle Presse mit der größten Hochachtung und setzt die schönsten Hoffnungen auf seine Wirksamkeit. Selten erfreute sich , ein Mann solch allgemeiner Sympathie, solch allseitiger Wertschätzung wie Heltai, und diese verdankt er ausschließlich seiner wahrhaft riesigen Arbeitskraft, die er immer in Hen Dienst des allgemeinen öffentlichen Wohles gestellt hat. Dies ist umso erfreulicher, da Heltai Jude ist, immer ein eifriger Anhänger seiner Religion war, was das angesehenste Budapester Blatt, der „Pester Lloyd", sehr schön glossiert: „Soll auch noch darüber ein Wort gesprochen werden, daß der neue Oberbürgermeister von Budapest zufällig Jude ist? Das ist ein Moment, das bei der Einschätzung seines Wertes keine Rolle spielen kann. Ist er sonst geeignet, den glanzvollen und wichtigen Posten, den er heute angetreten hat, auszufüllen, so wird' seine Zugehörigkeit zu dieser Konfession der Sache keinen Eintrag tun. Wäre er an Eigenschaften, die ihn zu seinem Amte befähigen, ärmer, so würde der Umstand, daß er Jude ist, nicht mildernd in die Wagschale fällen. Wenn Rom, der Sitz des Papstes, in der Person Ernesto Nathans, sich einen Juden zum freigewählten Stadthaupt geben könnte, so ist der jüdische Oberbürgermeister: von Budapest höchstens ein erfreuliches Zeichen, daß man -bereits auch in Ungarn die Männer des öffentlichen Lebens nach ihren geistigen und moralischen Eigenschaften, nicht nach-konfessionellen Vorurteilen bewertet." Die Wahl Helt.ais zum Oberbürgermeister ist nicht nur „die größte Genugtuung seines Lebens", sondern eine Genugtuung für das ungarische Judentum, das an dem Aufbau des modernen Ungarns und seiner Hauptstadt gewaltigen Anteil hat, und der Tag seiner Wahl ist nicht nur für ihn ein Tag, „wegen dessen es wert war zu leben", sondern auch für die ungarischen Juden, die wieder einen Beweis erhielten, daß ein aufrechter Charakter und hingebungsvolle Arbeit auch in Ungarn stärker sind als die alten religiösen Vorurteile. * Leider gilt dies letzte im internen Leben der ungarischen Judenheit nicht. Das alte Vorurteil der Orthodoxen gegen die Neologen lebt noch, oder lebt wieder auf. Es wurde in diesen Blättern schon öfters über die verschiedenen Einigungsversuche zwischen den Parteien in Ungarn berichtet, auch über die allerletzten. Es scheint jedoch, auch dieser Versuch wird scheitern, trotz aller Nachgiebigkeit der Neologen. Das Hunderter-Komitee hält Sitzungen, faßt Resolutionen, garantiert in der einheitlichen Organisation die Erhaltung aller Traditionen, trotzdem kommt die Sache nicht vom Fleck. ' Da in Deutschland jetzt auch der Kampf zwischen Orthodoxen und Liberalen tobt, will ich ein Pendant dazu aus den Verhältnissen in Ungarn anführen. Hier streitet man um den „Schulchan-Aruch". Die Orthodoxie behauptet, sie basiert auf diesem Gesetzbuche und verlangt, daß jede orthodoxe Gemeinde dieses Bekenntnis in ihre Statuten aufnehme. Die Kämpfer für die Einigkeit, für die einheitliche Organisation u m je «d e n P r e i s, möchten auch für die Neologen dieses Bekenntnis annehmen, versprechen den Orthodoxen bald diese, bald jene kulturellen Fonds der Liberalen und noch andere Vorrechte. Dieses Vereinigen um jeden Preis hat Prof. Dr. Blau in seiner bekannten nüchternen Art gekanzelt, und das verdient auch außerhalb Ungarns gehört zu werden. Prof. Blau sagt, die Orthodoxie steht auch nicht auf der Grundlage des „Schulchan-Aruch". Am Tage, da dieses Gesetzbuch in seinem Ganzen ins Leben treten würde, würde die Orthodoxie in Scherben zerbrechen. Man müßte z. B. die Uebertreter der Sabbatruhe als infam deklarieren, was doch nirgendsgeschieht. Der „Schulchan-Aruch" ist nur ein Losungswort. Eine einheitliche Organisation, in der die Neologen alle modernen Errungenschaften zur.Kräftigung des. Judentums hingeben, um - das alte Ghetto auszugraben - und zu neuen: Leben zu erwecken, wäre ein Unsinn, ja ein Harakiri, das hieße, das Judentum zurückschrauben in die Verhältnisse des- XVIII Jahrhundert." Darüber große Entrüstung im Lager. Man fiel über Prof. Blau her, weil er die Wahrheit gesagt hat, und natürlich auch über das Rabbinerseminar, dem er angehört. Es war aber schon Zeit einmal dieses Schlagwort „wir stehen auf der Basis des Schulchan-Aruch" niedriger zu hängen. Bekanntlich gibt es in Ungarn solche orthodoxen oder halborthodoxen Gemeinden, die bezüglich zeremonieller Observanz Zurückbleiben hinter fortschrittlichen Gemeinden, sie führen aber das Schild der Orthodoxie, anerkennen als Basis der Gemeinde den „Schulchan-Aruch". Dieses Schild könnten auch die Neologen führen. - Rein und blank ist es bei keinem geblieben. Der Wechsel der Zeiten und Verhältnisse hat bei den einen mehr, bei den anderen weniger Spüren und Eindrücke hinterlassen.' - Das ist