Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · p. Seite 113

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 113 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229080--69256-3281548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

würdiger Mann, der, obgleich in der äußersten Orthodoxie groß geworden, starke Neigung für die freiheitliche Entwicklung im Judentum besaß, und der, obgleich er nur Hebräisch schrieb, sich mit deutscher Literatur und speziell mit deutscher Philosophie, Kant und Fichte beschäftigte. - Durch diesen Vater wurde der Knabe schon in sehr junger: Jahren in das Hebräische eingesührt, aber nicht nur in Bibel und Talmud eingeweiht, sondern auch früh zu Maimonides geleitet und den profanen Wissenschaften näher gebracht. Michael seinerseits wurde frühzeitig Lehrer seiner Geschwister. Er verheiratete sich schon mit 20 Jahren, übersiedelte mit den Seinen nach Ungarn, erlernte leicht die ungarische Sprache, versuchte sich in dieser Sprache als Schriftsteller, beteiligte sich an der Revolution von 1848 'und floh nach Paris. Von dort kehrte er einige Jahre später nach Ungarn zurück, lernte Englisch und führte 1856 den Plan aus, mit den Seinen nach Amerika zu übersieideln. . Zunächst versuchte er als Lehrer seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 1858 begann seine Verbindung mit der schon genannten Encyclopädie, die 1876 endete, 1863 seine' dauernde Beziehung zu den beiden oben genannten Zeitschriften. Er beteiligte' sich lebhaft an der Antisklavereibewegung. Bis 1863 lebte er in Brooklyn, in naher Verbindung mit der Kossuthschen Familie, bis 1865 in Washington. Neben dieser ausgebreiteten journalistischen und encyclopädischen Tätigkeit widmete er viel Zeit und Kraft den jüdischen öffentlichen und literarischen Angelegenheiten. Sein Hauptwerk ist die in zwei Bänden erschienene „Historical poetry of the aneient hebrews“ (1879 und 1880), ein dritter Band ist unvollendet geblieben. Das Werk bietet Uebersetzungen und kritische Betrachtungen jüdischer Gesänge, anschließend an die Untersuchung holländischer Forscher des 19. Jahrhunderts, aber auch mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiten A. Bernsteins. Recht ausführlich werden der Segen Jakobs, das Lied der Deborah, die Simsonsage, die Psalmen, die prophetischen Bücher, Micha, Amos und Hosea behandelt. Das Buch, das für amerikanische Leser gewiß viel Neues enthielt, wurde auch von deutschen Forschern, wie Kremer, Baadissin, Nestle, als bedeutende Leistung begrüßt. Von nicht geringem Interesse sind, auch seine journalistischen Leistungen. Er gehörte zu jenen wackeren Tagesschriftstellern, die, wenn auch ihre Arbeit allgemeinen Angelegenheiten gewidmet war, gern die Gelegenheit ergriffen, auch über jüdische Dinge zu reden, und für die Juden einzutreten. In dieser Beziehung ist namenllich sein Artikel „Hebrews" in ber mehrfach genannten Encyclopädie hervorzuheben. Dieser Artikel gibt eine kurze Uebersicht über Geschichte und Literatur der Juden von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Wenn er auch bei seiner Kürze den Gegenstand in keiner Weise erschöpfen konnte, so war er für Amerika äußerst wichtig, weil er die Leser einer allgenreinen Encyclopädie in ein ganz unbekanntes Gebiet verständig und vorurteilslos einsührte und ihnen die wichtige Anschauung eines ihnen bisher verschlossenen Gegenstandes beizubringen suchte. Neben dieser ausgebreiteten schriftstellerischen Wirksamkeit war Heilprin auch praktisch für seine Glaubensgenossen tätig. Seit 1881 widmete er sich dem Hilsswerk für die russischen Juden. Er wurde Sekretär der Montefiore-Ackerbau-Unterstützungsgenossenschaft. Er brachte in Amerika hauptsächlich die Gelder für diese Gesellschaft zusammen, war die Seele der Organisation,'der Tröster der Einwanderer. Das Wort, das er gern im Munde führte: „ich bin ein Polnischer Jude, ich gehöre einer verachteten Rasse an", leitete ihn bei seinen Unternehmungen. Von ihm rührt der Aufruf (1883) her, mit Hilfe dessen neue Geldmittel beschafft wurden; die ersten russischjüdischen Kolonien sind sein Werk; später hat er hauptsächlich dazu beigetragen, daß die Millionen des Baron Hirsch diesem Ackerbauwerkzugute kamen. Vier von diesen Kolonien, Carmelim Staate New Jersey und drei andere in demselben Staate: Woodbine, Alliance und Rosenhayn, sind gleichfalls unter den noch blühenden Kolonien zu nennen. Es schien mir wichtig, den Lebenslauf eines solchen Mannes hervorzuheben, der aus kleinen Verhältnissen sich und ' die Seinen zu Wohlstand und Ansehen erhebt: ein polnischer Jude, der zum Amerikaner wird und in seinem bedeutenden Wirken seinem Glauben treu bleibt, und seine armen Glaubensgenossen in großzügiger Tat zu unterstützen weiß. Seine Söhne: Angelo und Louis Heilprin wurden tüchtige und hervorragende Männer, Geographen und Politiker, doch gehört ihr Wirken einem Gebiete an, das den Interessen unserer Zeitung zu fern liegt. Die VerWtmlle der kurhrHUchen Juden. as Abgeordnetenhaus hat durch die Gemeindekommission in der letzten Woche eine Petition kuvhessischer Juden der Staatsregierung als Material überwiesen. Bei der Beratung dieser Petition hatten der Regierungsvertreter sowohl als auch einige Mitglieder der Kommission erklärt, die alte Organisation der kurhessischen Gemeinden sei bisher als gut bewährt gefunden worden, und sie habe noch nicht zu Schwierigkeiten Veranlassung gegeben. Es sei mir deshalb als einem Kenner hessischer Gemeinden und ihrer Organisation gestattet, über diese Meinung der Herren einige klärende Ausführungen zu machen.— phineas Mendel Heilxrin. E

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.