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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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und Freiheit verkennt und sie nicht des höchsten Preises und Lobes - wert hält. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren, wenn wir heute hier beraten, wenn wir einen deutschen Reichstag haben, wenn wir ein preußisches-Abgeordnetenhaus haben (Zurufe: Was für eins!), wenn wir danach streben, dieses . Abgeordnetenhaus auf Wurzeln zu setzen, die der modernen Zeit entsprechen, so ist uns die Möglichkeit hierzu nur-gegeben durch den gewaltigen Aufschwung - des Jahres 1813. Denn wäre es damals nicht gelungen, das Napoleonische Joch abzuschütteln, so wäre es vorbei gewesen mit Preußen und die Hoffnung auf die Verwirklichung eines einheitlichen deutschen Vaterlandes auf Jahrhunderte zurückgedrängt, verdrängt. (Bravo! Zischen bei den Sozialdemokraten.)- Das Jahr 1813 ist die Grundlage der Einigung Deutschlands, die Grundlage für den Reichstag, die Grundlage für alles, was an Freiheit und Kultur in unserem Vaterlande geschaffen ist. (Bravo!) Wenn dieser oder jener vermeint, daß die Zustände zu bessern seien, so mag er an ihrer Besserung arbeiten; aber die Verkennung-des großen, was damals , geleistet ist, wird, glaube ich, in den weitesten Kreisen des deutschen Volkes gänzlich unverständlich bleiben. (Bravo!) Meine Herren, nun hat -auch der Herr Kollege Bruns gesagt, daß ihm die Form der Feier nicht passe. Wer in die . Geschichte zurückblickt, der wird sehen, daß die ganze Bewegung getragen war von dem Aufschwung der Geister und der Herzen, daß -der Aufschwung einen innigen, weihevollen Charakter trug, daß man mit tiefem Gottvertrauen in den Kampf zog in der Ueberzeugung, daß Freiheit und Recht errungen -werden -müsse in heißem Kampfe, und daß man sich in diesem Vertrauen -dem Druck und der Tyrannei entziehen werde. Wenn nun dre Feier derartig erfolgt, daß man -an einem Gottesdienste teilnimmt, dann erirmere ich daran, daß die Kirche, in die wir uns begeben wollen, dieselbe Kirche ist, in der, wie wir in unserem kleinen Sitzungssaal im Bilde sehen können, bei' Einführung der Städteordnung sämtliche Magistratsmitglieder und Stadtverordnete zur Feier versammelt waren; es ist die Kirche des Magistrats, der ihr Patron ist. Und wenn wir einem solchen Gottesdienste beiwohnen. so tun wir -das daher ganz mit Recht in. dem Gotteshause derjenigen Konfession, zu der die überwiegende Mehrheit der Berliner Bevölkerung gehört, und so, wie wir oft bei feierlichen Gelegenheiten als Vertreter der städtischen Behörden auch in katholischen Gotteshäusern und in Synagogen erschienen sind, so werde auch ich, der ich' nicht Christ bin, voll Weihe, in Erhebung und voll Dankbarkeit im Gedenken an die großen Tage mich den anderen Kollegen . änschließen, um den Gedächtnistag zu begehen. Hier handelt es sich nicht um konfessionelle Bestrebungen, sondern darum, daß wir eines Geistes, eines Herzens mit Dankbarkeit die weihevolle und feierliche Stunde verleben wollen, die uns an jene große Zeit erinnert. (Anhaltender stürmischer Beifall mit Händeklatschen. Zischen bei den Sozialdemokraten und wiederholter stürmischer. Beifall.) Diese Ausführungen -entsprechen auch durchaus unseren -Anschauungen. Wir feiern die Erinnerung an die Befreiungskriege mit als Preußen, als Deutsche. Unsere Vorfahren haben damals ihrer Pflicht genügt, haben sich freiwillig zu den Fahnen gedrängt, weil sie sich als Preußen fühlten, weil. sie mithelfen wollten an dem hehren Werk der Befreiung. Wir lassen uns von Niemandem, weder von Antisemiten noch von Zionisten unsere Zugehörigkeit zum Deutschtum rauben und begehen die Feier der. deutschen Befreiungskriege mit als freie deutsche Männer. Aus Ruß l a n d kommen wieder höchst betrübende Machrichten: Aus Petersburg schreibt die „Rufs. Korr." vom 22. Februar. Wiederum kommen Klagen über Massenausweisungen von Juden. Diesmal aus Kursk, wo der Erzreaktionär Muratow als Gouverneur schaltet und waltet. Zu Hunderten weist er die Juden aus seiner Provinz aus, unterschiedslos — Greise ebensowohl wie Schüler. Unter den Ausgewiesenen befinden sich solche, die bereits seit Jahrzehnten im Gouvernement Kursk ihr Domizil haben und allen gesetzlichen Ansprüchen genügen. Vergebens werden einzelne Verordnungen Muratows von oben rektifiziert; er läßt sich durch die.Bestimmung der Zentralregierung nicht „einschüchtern". Besonders hart werden von seinen Ukasen die Handwerker getroffen,- obwohl ihr allgemeines Wohnrecht schon seit einem halben Jahrhundert kodifiziert ist. Neuerdings ereignete sich infolge dieser willkürlichen Ausweisungen ein tragisches Ereignis. Der Handwerker G., der seit 20 Jahren im Gouvernement Kursk wohnt und jetzt dem Exil verfallen ist, hat sich unter Hinterlassung einer Frau und acht Kindern das Leben genommen. In der Geschichte der Judenausweisungen ist dieser Selbstmord. allerdings keine Einzelerscheinung. Manche Zeitungen wissen zu berichten, daß gewisse russische Parteien die Jubiläumsfeier des Hauses Romanow durch Veranstaltung neuerPogrome verherrlichen (nach der Ansicht aller Men schlichd enkend en: sch än-d en) wollen. Hoffentlich ist diese Nachricht nur die Ausgeburt verbrecherischer Fanatiker. Xfx:: C-- ■'{'<■^ . , >, r;;r-: , -4 > . Michael Heilxrin. Michael tzrilprin". Von LudZvig Geiger. m ichael Heilprin, geboren zu Protrkdw inRussisch-Polen 1823, gestorben am 10. Mai 1888 in Summit im Staate New Pork, ist ein Mann, der verdient, auf Grund eines neuen Buches unseren Lesern vorgeführt zu werden. Er war ein außerordentlich fleißiger, gewandter und einflußreicher amerikanischer Journalist, der mehrere Jahrzehnte für zwei große amerikanische Zeitschriften „The Nation" und „The Tribüne" tätig und der einer der. eifrigsten Mitarbeiter an Appletons großer Enchclopädie war. Es ist lehrreich, die Entwicklung dieses russischen Juden zu verfolgen und besonders auf seine, den Juden gewidmete Arbeit aufmerksam, zu machen. Der Vater Michaels Phineas Mendel Heilprin, geboren im November 1801 in Lublin, gestorben in Washington am 30. Januar 1863, war ein gelehrter Kaufmann, der zuerst in Tomaszow lebte, dann nach Ungarn auswanderte, und der vielfach als hebräischer Schriftsteller tätig war. Er war ein höchst merk- *) Michael Heilprin and His Sons. A Biography by Gustav Pollak. New York, Dodd, Mead and Co. 1912. Das prächtig ausgestattete Buch ist mit einer ganzen Anzahl von Bildern geziert, vyn denen wir zwei, das'des hier ausführlich Geschilderten, und das eine seines Vaters wiedergeben. .Die sonstigen Bilder, die für unsere Zwecke weniger wichtig sind, sind den Söhnen, die in unserer Skizze gleichfalls genannt werden, Ange'lo und Louis Heilprin gewidmet; auch enthält das Buch verschiedene Zeichnungen, die von den eben Genannten herrühren.

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