Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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biblischen Zeitalter! Wie wenig davon Nls' Volk gedruugM war, ersieht man daran, daß Nehemia (um 444) mit Wässerigem alt Handel und Wandel am Sabbat unterdrücken muß. .Wyhb^erwähnt der Prophet Amos 8,5 Pas Stockendes Handels am Sabbat als eines Volksbrauchs, dem sich die Kornwucherer -'simgern fügten; leider erwähnt er das gleiche aber vom Neu--' nr'ondsfest, an dem heute der Orthodoxeste Händeln darf. Eine Doktorfrage für orthodoxe Gelehrte: beruht die geminderte Weihe des Neumonds auf dem Wandel der Zeiten, oder hat der Mond daran schuld? Genug, erst die spätesten Propheten- ' stellen erhöhen den Sabbat ' zum ausschließlichen Zeichen .zwischen Gott und Israel (in der Tora führen auch der Regenbogen- und die Beschneidung diese Bezeichnung). Dieselben Wopheten sind aber einig darin, daß Liebe und Gerechtigkeit -mit ihm wetteifern sollen, und empfehlen die Enthaltung des * mit „Streit und Hader" verknüpften Geschäftsverkehrs wegen der Ehre, Schönheit und Segensfülle des Sabbats (vergl. Ies. .59). . . Statt an diese Segensfülle anzuknüpfen und sie neu zu ^beleben, werfen die Orthodoxen alle Kraft darauf, die Erschwerungen, die aus der fortdauernden Ausdehnung des Ruhegebotes hervorgegangen find, hochzuhalten. 39 Hauptarbeiten leitete der Talmud aus der Tora her; ihrer Abarten, Verzweigungen, Umzäunungen ist eine Legion. Ziel und Zweck schwinden völlig aus den Augen,- die Mittel nehmen alles Interesse in Anspruch. Die Fortschritte der Technik, der brausende Weltverkehr, die neuen Formen der Arbeit, alles ruft: die Zeit ist eine andere geworden. Die Orthodoxie bleibt dabei: die Zeit hat sich der Religion anzupassen, sie hat sich also zum erleuchteten Rabbinismus des Schulchan-Aruch emporzuentwickeln. Das Denken ist nicht völlig auszuschalten; es ist als spielerische Beschäftigung anzuempfehlen, um hinter der elektrischen Türschelle das verkappte Feueranzünden zu entdecken, und in den neuen Beförderungsmitteln, als da sind Eisenbahn, elektrische Bahn, Automobil, Zeppelin, Eindecker .usw. die verschiedenen Arbeitsverbote nachzuweisen, die sich darin wie Fallstricke der Sünde verstecken. Beförderungsmittel selbst dürfen sie am Sabbat nur' für christlich-germanische Deutsche fein. Es ist unschwer zu entdecken, welche Vorstellung dieses ganze Bestreben beherrscht; es ist die unselige Vorstellung vom Opfer. Unsere Gegner haben es verlernt, den Sabbat als Himmelsgeschenk anzusehen, das uns .glücklich und stolz machen sollte, und dem man huldigt, a b e r n i ch t v-p f e r t. Wir leugnen keineswegs den Wert des Opfers in der Religion; Jude sein, heißt auch heute noch für Hunderttausende aus Liebe und Begeisterung für den Väterglauben . ein Martyrium tragen können. Der Liberalismus glaubt aber, der ideale Gewinn des Sabbats kann auch ohne erzwungene, über die Kraft gehende Opfer erzielt werden. Daher setzen sie nicht das negative Moment — das Arbeitsverbot — in den Mittelpunkt, sondern alle Positiven, die häusliche und synagogale Feier, die Symbole des Schmückens und Auszeichnens, kurze, aber tiefinnige Andacht, Belehrung, Kunst der Töne und der Rede. Die Richtlinien fordern den Freitagabend insbesondere auch ' für die Jugend, und etwa zwei weitere Tagesstunden des Sabbats; sie unterstellen, daß die Kraft, die von diesen wenigen Stunden ausströmt, dem ganzen Tage ein sabbatliches Gepräge geben wird. Zwingen die wirtschaftlichen Verhältnisse bedauerlicherweise dazu, daneben beruflich tätig zu sein, dann in Gottes Namen! D i e A r b e i t, die in erhöhtem Geiste g elei stet wird, ist k e ine W e r k t a g s a r b e i t mehr. Die Seele braucht ihr . festliches Gewand den ganzen Tag nicht abzutun. Wir halten das Legalitätsprinzip dem Sabbat in heutiger Zeit für abträglich? ja-gefährlich. Der Maßstab ist 'zu geringfügig gegenüber der Größe und Fülle der Sabbatgedanken. Wrr erleben es, daß diese erst in der Gegenwart, den modernen Staat und die Gesellschaft siegreich durchdringen. Ein Grund mehr, eine. Ehre därein'zu .setzen,äls Judedem Sabbat neue Huldigungen zu "erweisen. Man meinte oberflächlich, die obligatorische Sonntagsruhe habe den Sabbat -für die.Ungezählten, die mit fünf Erwerbstagen nicht auskommen, den Todesstoß versetzt. Man sollte zu der Einsicht kommen, daß man dem Nebel mit Aufbietung neuer Kräfte begegnen müsse. Sagen wir doch, unser weak-end erstrecke sich über drei Tage: Freitag abend —Vorfeier,.-Sabbat —religiöse Feier, Sonntag—wirtschaftliche Ruhe und körperliche Erholung. Körperliche; denn der Geist, sagt schon Deskartes, denkt immer. So gäben wir Gott, was Gottes ist, und dem Staate, was des Staates. Dieses letztere Moment dürfen wir nämlich nicht übersehen; wollen wir Bürger im modernen Staate sein, seine Pflichten erfüllen (Militärpflicht!), seine Rechte währnehmen (Staats- » ämter!), dann tritt das jüdische Legalitätsprinzip in unlösbaren Widerstreit mit den staatlichen Gesetzen und Ordnungen. Es war eine begreifliche Trauer bei den echten Orthodoxen, als die Emanzipation immer größere Fortschritte machte; ihre Theorien Paßten streng genommen nur für die Verhältnisse des Ghetto. Es ist auch nur folgerichtig, wenn Zionisten aus der Unmöglichkeit, einen orthodoxen Sabbat im nichtjüdischen Staate zu feiern, den Schluß zogen, die Orthodoxie müsse für das zionistische Ideal eintreten. Allerdings ist eines dabei nicht in Rechnung gezogen; mit der Erweiterung der Kolonien zu einem Staatswesen würde der jüdische Sabbat eine Umwälzung erfahren, gegen die alle bisherigen Erschütterungen ein Kinderspiel waren, und die geringste Freude würde die Orthodoxie erleben. Denn ein nationales Israel würde das Recht in Anspruch nehmen, an die besseren Traditionen des Talmuds anzuknüpfen. Da heißt es zum Beispiel: „Nicht vor dem Sabbat empfinde Scheu, sondern vor dem, der. über den Sabbat verfügt" (Sifra zu 19,30); oder: „Du könntest meinen, zu deinem Leidwesen habe ich den Sabbat gegeben; o nein, zu deinem B e st e n! " (Midrasch zu Ekeb); oder: „Euch ist Der Sabbat übergeben worben, nicht ihr seid ihm ausgeliefert" (Mechilta zu 31). Der alte Pharisäismus schützte Leben und Besitz gegen Ansprüche des Sabbats, erkannte auch sonst konkurrierende Interessen an; machte Ausnahmen zugunsten von Frauen, Kindern und ganzen Erwerbsklassen; wußte Kunstgewerbe von grober Arbeit zu unterscheiden, und schaltete mit erquickender Souveränität über den Sabbat — weil oder obgleich er ein Volk im Auge hatte. Heute machen wir von Religionswegen die gleichen Ansprüche, und lassen uns nicht dadurch schrecken, daß man uns nach unserer Beglaubigung fragt. Die Geschichte des Sabbats und die Forderung des Tages erteilen sie .uns; die Entscheidung aber, wohin man sich wenden solle, liegt bei den Gemeinden Israels. Dir Woche. Berlin, den 4. Mürz 1913. Man schreibt uns: In der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses wurde bei der Beratung des Knltusetats von dem fortschrittlichen . Kommissionsmitgliede eine Resolution beantragt, die die Staatsregierung um Einstellung eines Betrages in den. nächstjährigen Etat ersuchte, woraus Beträge für nicht genügend leistungsfähige S h n a g o ge n g e m ei nd e n zu den Besoldungen und Hinterbliebenenrenten der. Rabbiner und Kultusbeamten gewährt werden sollen. „Die Parteien", so heißt es in