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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-03-07 · Heft 10 (7.3.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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■tfi 77. Jahrgang fA +f, -kj, * . 1 l Nr. 10 WIl AAm/ytil^ Berlin, 7. März 1913 1 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere'vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich S M. — Postscheckkonto 32*. begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung der Geheimen Regiernngr-Ratr Professor vr. Ludwig Seiger Vortag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fkir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums^, Berlin 8^., Jerusalemer Straße zu richten, verlag von Rudolf Moffe, Berlin.;Zur Würdigung der »Richtlinien". Von Th eologus. — Die Woche. — Michael Heilprin. Von Ludwig Geiger. — Die Verhältnisse der kurhessischen Inden. Von A. F. K. — Brief aus Ungarn. Von G. Schwarz, Agram. — Vorläufiger vertraulicher Bericht der Delegierten des Hilssvereins vom 30. Januar bis 12. Februar 1913. — Die Lage der jüdischen Juden in Rußland. Von Elias Nacht, Cöthen (Anhalt). — Feuilleton: Der Sohn des EliäS. Von Julius Weil.— Literatur. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. — Berichtigung. — Letzte Nachrichten. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Frankfurt a. £)., AuS der Provinz Posen, Schwerin i. M., Chemnitz, München, Essen (Ruhr), Frankfurt a. M., Gebweiler i. E., Prag, Budapest- Warschau. — Von Nah und Fern. Kur Würdigung der „Richtlinien" Von Theologus. VI. 2^Sa§ Judentum muß gegen die Betätigung der Orthodoxie geschützt werden, das w.ar das Ergebnis des vorigen Artikels. Eine solche Forderung will klargestellt werden. Dazu kann das Sab'batproblem vorzügliches Material liefern. Der .Sabbat gilt dem Liberalismus als ein Heiligtum der jüdischen Gesamtheit. Wir erblicken in ihm die vollkommenste Ausdruckssorm und bedeutendste Lebensordnung, die Judentum und Judenheit sich, geschaffen haben. Er ist die Sonne, von dem auch die Feste ihr Licht empfangen. Er hat eine glorreiche Geschichte, er wird auch eine Zukunft haben. Selbst in der frühesten Sturm- und Drangperiope des Liberalismus,: im überstürzten Uebereifer.des Reformierens, verlor sich niemals das Bewußtsein von seiner überragenden Bedeutung; gerade die gefährlichsten Experimente wurden in konservativem Sinne. angestellt. Die Verlegung der. Sabbatseier auf den bürgerlichen Ruhetag hat' nur im amerikanischen Judentum nennenswerte Verbreitung gefunden; Amerika' ist das Land ohne Tradition, ohne deren Vorteile und Nachteile. Das westeuropäische, liberale Judentum hält hier den Fall für gegeben, wo dre historische Kontinuität den Ausschlag gibt, wo die Imst o nd er abili en sch w er er wiegen Müss eü, als alle noch so berechtigten Ansprüche des praktischen Lebens. Alle Sonderwünsche zurückstellend, erhoben sich die Unterzeichner der Richtlinien für den Sabbat; nach.so viel Abbröckelungen und Erschütterungen, die die Um- : Wälzung der wirtschaftlichen Verhältnisse ihm zugefügt, eine imposante Kundgebung. Vielleicht hätte diese Tatsache genügen sollen, die liberalen Rabbiner vor dem Anwurs der - destruktiven Teüdenzen, der Lust am.. Zerstören zu schüfen? Da kennt man die Gegner schlecht; ihnen. wäre es willkommener gewesen' Hätte sich aus;den Richtlinien eine Entwertung des' Sabbats 'herauskonstruieren, lassen., .Aber es 'geht beim! besten W'illen. nich t. .; *' .< Da wird wiederholt aus Säbbatheiligung gedrungen; ihm sind die meisten ins Detail gehenden Ausführungen gewidmet, seine Bedeutung für den einzelnen, für die Familie, für die Gemeinde tritt Unzweifelhaft hervor, er ist die unerläßliche Forderung religiöser Betätigung auch für den liberalen Juden. Das ist der Standpunkt der Theologen; für die Gemeinden liegt hier eine umfö s s e n de, d r i n gl ich e Aufgabe, der Forderung Geltung zu vers ch affen. Die Schwierigkeiten, die sich dieser Aufgabe entgegentürmen, sind für Liberale und Orthodoxe die gleichen, sofern wir sie in der sozialen Berufsgliederung im modernen Staat, und in den erschwerten Erwerbsverhältnissen zu suchen haben. Das wissen die Orthodoxen ganz genau und arbeiten dcknentsprechend im stillen; zum Beispiel durch die Schomre-Schabbos- Bereine (Stellenvermittlung für Geschäfte,' die am Sabbat geschlossen haben), durch Einflußnahme auf die Ausgestaltung. der Gewerbeordnung (Bestimmungen über die äußere Sonntagsheiligung) usw. Sie haben es nötig genüg; denn die Zahl derer, die den Sabbat nach orthodoxer Weise halten, wird immer kleiner. Sie. müssen sich schon mit den Mitläufern; begnügen, die am lautesten schreien, daß andere die Geschäfte schließen sollten. Sie selbst die Mitläufer — entschuldigen sich wehleidig mit der Ungunst der Zeiten, den Nöten des Lebens; füllen sich aber allsabbatlichgenau wie die bösen Liberalen; die Tüschen. Es ist also kein Unterschied, wenn die Orthodoxen sich Kopfzerbrechen machen, wie dem „lau taa88 6 ko 1 melocho " zu helfen sei, und die Liberalen, wie die Forderung zu verwirklichen wäre: „Jede Werktagsarbeit aber soll unterbleiben" (Richtl. IX, Abs. 1). . Ein unschuldiges Gemüt könnte sogar auf den Gedanken kommen, die Arbeit für Erhaltung des Sabbats müßte doch - eigentlich die feindlichen Brüder zusammenführen! Sie wollen doch im Grunde das gleiche! Leider sind es die Nuancen, die die Menschen scheiden.. Wohin steüert die Orthodoxie? Sie will alles, oder gar nichts. Ein Sabbat, der nicht aus dem starren Legalitätsprinzip der völligen Arbeitsenthaltung immer weiter ausgebaut ist, ist ihr keinen Pfifferling wert. „Irgendeine Arbeit am Sabbat," so glaubt sie aus dem Buch st ab e n des Gesetzes lesen zu müssen, „ist ein „todeswürdiges" Verbrechen; es gehört" also an die Seite von •' Mord, Notzucht usw," Allerdings ist im Gegensatz zu 2. B. M. 31, 14—15 im 4. B. 15, 34 zu lesen, daß selbst Mose im Einzelfalle sich nicht klür darüber war,was unter Arbeit zu verstehensei; es müssen also besondere Umstände die Steinigung des Holzauflesers verlangt haben.:> Die Forderung mag generell'gestellt.worden sein;- aber wie tastend und zagend, wie zerstreut -und widerspruchsvoll 'ist die über ein' Jahrtausend. - sich erstreckende Gesetzgebung über' den Sabbat im

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