Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229079--69247-3281538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

sestzustellen./ Erstens, befand, sich der Wucherhandel, 'ww schon richtig von fe, Soinbart in. seinem vielbesprochenen Büche'zugegeben wird, durchaus nicht hloß in. den Händen der Juden. Daß bo§ Odium des mittelalterlichen Wucher.handels bloß den Juden anhaftet, Hai seinen Grund darin, daßsie, die JudendenWuchexhandel offen betreiben dursten, während.die. nichtjüdischen Wucherer / wegen des kirchlichen Zinsverbotes .ihre Geschäfte heimlich aussührteN. Zweitens entsprach der Wucherhandel in jener 'Zeit einem sehr, hoheü wirtschaftlichen Interesse.. ..Der/'hohe., Zinsfuß. verliert seinen ' Achtecken, wenn man das gewaltige Risiko/des Verleihers infolge.Mangelnder Rechtssicherheit, in Betracht zieht. Der Jude war außerdem ein Beuteobjekb seines Schutzherrn, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, um von den Juden Geld , zu nehmen. Fast der größte Teil, des staatlichen Geldbedarfs wurde von den Juden durch allerhand Steuern gedeckt. Der Jude, hatte -sich diesen ungesunden wirtschaftlichen Verhältnissen . anpassen müssen, und der einzige Ausweg sei für ihn der'Geldhandel gewesen. Die zahlreiche Zuhörerschaft spendete dem Redner lebhaften, wohlverdienten Beifall. .. . A. F. Berlin, 25. Februar. In der L e h r a n st alt für die W. iss enschaft d es Iudent u m s sprach am 17. d. M. Herr Direktor Frau b er g e r - Düsseldorf über >,Jüdisches Kunstgewerbe". Der Redner, der Mitglied des Ausschusses zur Erforschung jüdischer Kunst ist, legte zunächst dar, daß man gegenwärtig nicht von einer jüdischen Kunst im nationalen. Sinne, wie etwa von der deutschen oder italienischen Kunst sprechen könne. Eine ausgesprochen jüdische Kunst habe es auch, nie gegeben. Von einem jüdischen Stil in der Kaukunst könne auch nur in beschränktem Sinne die Rede sein. Im Mittelalter gab es eine.Periode, in der Synagogen und Moscheen in einer Spielart eines jüdischen Stiles gebaut wurden. . Zn Toledo ist. heute noch eine Moschee in diesem jüdisch-arabischen Stile zu sehen. Hingegen herrschen in bezug aus die Ausschmückung der Synagogen bestimmte Formen und hier, aus dem Gebiete der Kultusgegenstände,-trete, deutlich der jüdische Stil hervor. Die Miniaturmalereien auf den alten „Megillah-Nollen", die Stickereien, an den Thoramäntelchen kennzeichnen sich stets durch einen Gedankenausdruck, der aus einen jüdisch-religiösen Inhalt hinweist. In neuerer Zeit wird versucht, der jüdischen Kunst . besondere.PflegeZU widmen. Es sei auf die Kunstgewerbeschule „Bezalel" und auf den in Berlin weilenden Radierer und Kupferstecher Lilien hingewiesen, welch letzterer in tief philosophischer Weise Zeichnungenzu der Bibel ausführt. Es sei die Hoffnung begründet, daß Fortschritte auf dem Gebiete der jüdischen Kunst sich zeigen werden. Der Vortragende sprach den Wunsch aus, man möge viele, antike Kultusgegenstände, die dem Goldschmiede aus Mangel an Nachfrage zum Umgusse dienen, durch Anschaffung vor dem Untergänge bewähren. Lichtbildervorführung' von alten Synagogen und Kultusgegenständen mit ausführlichen Erörterungen vom. Redner beschloß die sehr interessante, mit großem Beifall ausgenommene Vorlesung. B. 1. Berlin, 25. Februar. Der Geheimrat Dr. F. Straßmann empfing gestern aus Anlaß seines 75. Geburtstages zahlreiche Glückwünsche. Schon am Vormittag lief eine Fülle von Blumenspenden und Telegrammen ein. Geheimrat Straßmannder von seiner Krankheit wiedervöllig genesen ist, wirddemnächst einige .Wochen zur Erholung nach dem Süden gehen.L.Als Gratulanten erschienen Oberbürgermeister W e r m u t h, Bürgermeister. Dr. R «icke, Stadtverordnetenvorsteher M i ch e l e t und fast sämtliche Magistratsmitglieder sowie zahlreiche Stadtverordnete und bekannte Mitglieder der Berliner Aerzteschaft, - die Direktoren der städtischen Irrenanstalten und mehrere Bürgerdeputierte. . . 25. Februar. Offenbar nach dem Muster der österreichischen Union hat sichhier als „Erbteil" 'des verflossenen Deutschen Landeskyinitees -der A. I. U. eine - neue Vereinigung unter dem Namen „Ist aeli.ti sch e Unio n " gebildet. Man weiß zwar nicht recht, was diese neue Vereinigung bezweckt, ob eine Konkurrenz gegen Alliance--oder Hilssverein-. aber die Tatsache, besteht doch, daß. es sich hier um ein neues jüdisches Wohltätigkeitsinstitutauf „spezifisch deutscher. Basis" handelt. Es ist kaum anzunehmen, daß dl.ese neue Vereinigung neben unseren großen Wohltätigkeitsinstituten .der Alliance , und des Hilfsvereins gerade einem- „sehr dringenden Bedürfnis" entspricht. ./, W. der Provinz' Posen, im Februar. P ose n. Der neue israelitische V er e i. n st ü r-K r a-n.k enpfl e-geund. Leichenbest a t't u n g- HM ..im Tempel der ' Brüdergemeinde-eine" Seelen-'! gedenkfeier ab, die zahlreich , besucht .war. Das Gotteshaus . war mit (Trauerflor, reichlich ausgestattet. Eingeleitet wurde die Feier durch ein Präludium, mit daran anschließendem Mincha-Gebet. Hierauf/ .fang.ber^ ^^nclgogell^^or‘ Psalm 103, Vers 15—18: „Des Menschen Leben ist wie«. Gras; es blüht des Feldes Blume gleich." Herr Rabbiner Professor Dr. Bloch bestieg dann die Kanzel und hielt; die Predigt, in welcher er den Text aus dem Buche Ruth: „Der Herr, sei Euch gnädig für alle Güte und Liebe, die Ihr den Toten erwiesen habt" anwendete. Unter anderem erwähnte Redner auch den großen Verlust, den der Verein durch den Tod des Herrn Max Rosenberg erlitten hat. Bei Nennung dieses Namens erhoben sich die Versammelten zur Ehrerweisung von ihren Sitzplätzen. Herr Oberkantor Lilienthal sang: „Herr, was ist der Mensch, daß sein du. gedenkest, und der Erdensohn,, daß du auf ihn achtest!" Dieses Solo brachte eine tiefe Stimmung hervor. Daran -schlossen sich bas Gebet mit namentlicher Verlesung der dahingeschiedenen Mitglieder und der Sologesang der Frau Berggruen: „Heil , dem, der auf den Kranken, Armen mit liebevollem-Blicke schaut." Der tiefempfundene Gesangs wurde mit andächtiger Ruhe angehört. Noch ein Schlußgesang, vom Shnagogenchor Psalm. 16, Vers 8—11: „Den Ewigen Hab' ich immer vor Augen. Er steht bei mir; -ichkann nicht wanken", und ein Postludium schlossen die erhebende Fei.er. — In der ordentlichen Generalversammlung der Historischen Gesellschaft Hierselbst wurde der Geheimrat Professor Warschauer, jetzt in Danzig, einstimmig, zum Ehrenmitglied der Gesellschaft ernannt. — Der Jüdische Jügen.dbund Posen veranstaltete zum erstenmal eine Freitagabend-Unterhaltung. Der von diesem Verein unternommene Versuch, der jüdischen Jugend eine Stätte zu bereiten, wo sie in allgemeiner Familienfeier die altehrwürdige Poesie des jüdischen Freitagabends (Oneg Schabbes) und seine behagliche Geselligkeit mitemvsinden und mitgenießen kann, ist in unerwartet schöner Weise gelungen. Eine überaus große Zahl (etwa 200 Personen) fand sich an den langen, weißgedeckten Tischenein, aus denen die Sabbatlichter in traulichem Schimmer erstrahlten: Nach dem Vortrage des Kiddusch saßen alt und jung beim Tee in gemütlicher Geselligkeit beisammen und nahmen mit großem Inter-' esse und reichem Beifall die gediegenen Darbietungen aus Wissenschaft und Kunst entgegen.^ Der schone Erfolg des Abends wird den Verein veranlassen, die Freitagabend-Veranstaltung alle Monate einmal zu wiederholen. — Bromberg. Anläßlich ihrer 66. Plenarsitzung stattete Herr Oberpräsident Dr. Schwartzkopff. Posen, der Handelskammer Hierselbst einen Besuch ab.' Der Präsident der Kammer, Herr Geheimer Kommerzienrat Aronsohnstellte die Mitglieder vor und begrüßte den hohen Gast in einer längeren Ansprache. Nach Beendigung der Sitzung fand in der Wohnung des Geheimrats Aronsohn ein Diner statt, an dem auch der Herr Oberpräsident teilnahm. AV. Wronke, 21. Februar. Ein Schauermärchen über ein versuchtes Rituätverbrechen erregte in diesen.Tatzen aufs höchste die Gemüter der hiesigen Einwohner. Der Bäten: des dreizehnjährigen Walter Droldner machte auf dem hiesigen Polizeibureau die- Anzeige, daß sein Sohn Walter von der jüdischen Händlerfamilie Jacob Kaiser der Freiheit beraubt worden sei. Bon Herrn/und Frau Kaiser soll der Sohn verschleppt Und drei Stunden, .bis^äbends 246 Uhr, gefangen geholten worden sein. Was dort mit ihm./tzemacht worden sei, wisse er nicht, da er besinnungslos wurde. Die nach dem Verhör des Jungen sofort angestellte Untersuchung der mysteriösen Angelegenheit brachte nicht eine Spur von Wahrheit ans Licht. Abermals wurde der Junge dieserhalb vor die Polizei geladeUuM eM unterzogen. Er blieb dabei noch immer bei stÄ-ner Aussage ustd'beteuertedie Wahrheit derselben, bis .' ihm Zeugen entgegengestellt worden. waren. Weinend gestand er dann, daß er die Mär erfunden habe,- um einen Entschuldigungsgrunid für seine Eltern zu haben, weil er zu spät nach Hause kam.! Ihm brachsö. erzählte' er, aus dem Wege nach Hause das Rad/sto^ daß er zwecks Reparatur 'nochmals umkehren mußte. Da es inzwischen sehr dunkel wurde, hätte er diese Mär erfundenitm' sich vor Strafe zst schützen. Gefragt, wie er aus diese Aussage gekommen fei, erklärte er, daß seine Mutter eines Abends seinem Vater eine ähnliche Begebenheit, die sich in Zirke zugetragen hat, erzählt' habe. Diese Aufklärung ließ die Polizei durch Ausrufen verkünden. — So entstehen /Ritualmordmärchen, und wenn .die Verleumdungen nicht gleich verscheucht werden, können leicht üble Folgen verursacht werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.