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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 klerikalen Jnterpellätionsantrag zur Enteignungssrage in der Ostmark gingen zwar Bruhn und Werner einig vor,, indem Mbeide mit nein stimmten, -aber der dritte Mann aus ihrer Gruppe, Gräfe-Sachsen, ging seine eigenen Wege und enthielt sich der Stimme. - Dem! Eindruck.dieser ergebenden Einmütigkeit können sich natürlich znletztnuch die Antisemiten selbst nicht entziehen. Es ist deshalb'begreiflich, daß — wie schon erwähnt — am Sonntag in Dresden auf der sächsischen Landesversammlung der Deutschen Reformpartei die Klage laut wurde, die Glanzzeit der Partei sei vorüber. Die Schuld aber wurde nicht der hilflosen Haltung der parlamentarischen Vertreter, sondern bekanntlich, was schwerer wiegt, dem Parteiprogramm beigemessen und,' was' am bedeutungsvollsten ist, auf das Hervorkehren der jüdischen Rassenfrage geschoben. Die Judensrage habe der Parteikeine Anhänger zugeführt. So klagte der Vorsitzende in einer Dresdener, Versammlung, - .In diesem Einverständnis kommt die Einsicht in die jammervolle Lage des Antisemitismus in geradezu.mitleiderregender Form zum Ausdruck. Der Antisemitismus kann nur Sinn und Verstand haben, wenn er, wie schon sein Name besagt, die Judensrage in den Vordergrund, stellt. Ein Antisemitismus, der nicht von der Judensrage „lebt", gibt sich als Partei selbst aus. Er ist damit noch nicht tot. Innerhalb der konservativen Partei lebt er fort. Die Konservativen. haben gerade in dem Augenblick ihren Antisemitismus im Parteiprogramm schärfer betont, in dem die Antisemiten der Deutschen Resormpartei ihn schämig in dem Parteiprogramm zu verdecken suchen. # Bekanntlich ist die Neuorganisation der deutschen Mitglieder der A l l i a n c e I s r a 6 l i t e Universelle nunmehr in der Weise durchgeführt, daß die Gesamtmitgliedschaft in acht meist provinzialen Bezirkskomitees organisiert worden, ist. Zum Vorsitz enden des Bezirkskomitees Berlin und Provinz Brandenburg ist, wie wir erfahren, Herr Fabrikbesitzer Dr. Isidor Gin sb er g gewählt worden. * Auch die englischen Juden sind, trotz der Freiheit, die ihnen im allgemeinen gewährt ist, mit ihren Zuständen nicht völlig /zufrieden. " Die „Kreuz-Zeitung" nämlich berichtet folgendes: Ein jüdischer K. C. (Kings-Counsel, die höchste Stufe der englischen Anwälte) hat vor einigen Tagen in einer Delegiertenversammlung, im/der die jüdischen Gemeinden Englands vertreten' waren,. ausgefüh.rtdaß das Verhalten der Regierungsorgane in gewissen Punkten durchaus unbefriedigend (uusatiskaetor^) sei. Es handelt..sich um die.ablehnende Haltung, die die Regierung in England gegenüber ..den Gesuchen .ausländischer Juden um Naturalisierung zeigt. Der K. C. führte aus, daß die Regierung sich aus eine Erörterung nicht eingelassen habe, und daß .man daher einen Weg finden müsse,. um eine Disküsfi'o.n im Parlament herbeizuführen. . O- . Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir folgende in-' teressante Mitteilung: E in u nb.e.k an nt er h e brät sch e r S t a mm? Ein verschöllener hebräischer Stamm, der in den inneren Wüsten Arabiens ein.No-: madenleben führt, soll nach dem Bericht einer in Jerusalem erscheinen- / den hebräischen Zeitung aufgefunden worden sein. Das Blat.t sandte „ einen Korrespondenten ab, um die Angelegenheit, von der. vorher, nur dunkle Gerüchte gingen, zu erforschen, und dieser stellte fest, daß dieser Stämm seinen Ursprung von den Rechabiten herleitet, die im 36. Kapitel des Buches Jeremias erwähnt werden. Der Häuptling des Stammes soll .ihm folgende Auskunft gegeben haben: „Der Ort, wo ' wir unsere Zelte aufschlagen, stellt nicht in seiner Gesamtheit eine Wildnis dar, sondern es gibt hier fruchtbare Weiden für die Schafherden, die die Grundlage für. unseren Unterhalt bilden. . Wir sind etwa 2500 Familien, und es besteht bei uns die Tradition, der Prophet J-eremias habe uns persönlich in die Gegend geführt, in. der wir wohnen. Fast jeder Mann hat' fünf oder sechs Weiber." Von der Scheide seines Schwertes erklärte er, sie stamme aus der babylonischen Gefangenschaft. Der Häuptling hatte sich von seinem Stamm getrennt und eine weite Reise „von 83 Nächten" zurückgelegt, als der 1 Berichterstatter ihn sprach. Er wollte fremde Länder auskundschaften, um gu sehen, ob es dort bester zum Leben sei. Auf die Frage, warum die Existenz des' Stammes bisher völlig: verborgen gewesen und - weshalb kein Forscher, bis zu ihren Zetten gekommen sei,, antwortete er: „Kein Mensch, der'an ein anderes Klima gewohnt ist-kann in unsere Gegend - eindringen, da er: die brennende Hitze der Sonne nicht, vertragen würde. Es gibt sehr wenig Wasser bei.uns, und oftmals ge-- schieht es, daß wir und unsere Herden einige Tage nichts, zutrinken haben." Die Angaben des Berichterstatters werden näher nachgeprüft werden müssen, bevor man irgendwelche Schlüsse auf ihnen aufbauen, kann. ' 'iMMi ■ ■ s&g&ga Me Duden in den neuen itsttemlchen Lelltznngen. Von Prof. Dr. E rm a n n o L o e v i n f o n. Rom. m Juli 1911, also nur einige Monate vor Beginn des - Krieges mit Italien, wurde von der türkischen Regierung, ejne Volkszählung in ihren nordafrikanischen Besitzungen veranstaltet, die nach einer im Jahre darauf von den neuen Herren des Landes aufgefundenen Statistik für das eigentliche Tripolitanien, mit Ausschluß der Landschaft Fezzan und ohne die Kyrenäika, die Anzahl und Verteilung des jüdischen Elements folgendermaßen berechnet: Tripolis Stadt 8609, Zanzur 97, Tagiura 190, Navahi Arba 1040, Zavia 918, Garian 454- Homs 525, Msellata 546, Zliten 644, Misrata 698, Sert 122, Gebel 818, Fessato 10, Nalut 11; also in runder.Summe etwa 14 300 Seelen. Auf Fezzan und die Kyrenaika sind etwa 5000 zu rechnen, so daß die. Zahl der Juden in den neu erworbenen Provinzen mindestens 19 000 beträgt. Ja, manche berechnen sie sogar auf mehr als 20 000. Schon die Tatsache, daß in d em Teil der Apenninenhalbinsel, welcher politisch zum Königreich Italien gehört, nur etwa 45 000 Israeliten wohnen, von denen kaum 30 000. als wirklich noch dem Judentum angehörig zu betrachten .find, beweist zur Genüge die hohe Bedeutung des neuen Erwerbes für das Judentum des Heimatlandes. -- Ihrer Herkunft nach lasten sich, die Jrrden Libyens in zwei Klassen teilen. Die in Tripolitanien wohnenden stammen zum großen Teil von solchen, die ihres Glaubens wegen in früheren Zeiten Spanien Und Italien verlassen mußten, während die der Kyrenaika, der.an Aegypten grenzenden Provinz, bereits seit Jahrtausenden dort wohnen:. Bekanntlich machten sie schon im Jahr 115 dem Kaiser Trajan durch eine nicht unbedenk- ' liche Erhebung gegen die römische'Herrschaft zu schaffen.. Bon der Urbevölkerung Nordafrikas^ den Berbern, sowie den Arabern dauernd gehaßt und bedrängt, und von der schwachen türkischen Regierung nicht genügend geschützt, fühlten sich die Juden/der genannten Provinzen nach dem bekannten Gesetze von /dkw nächst höheren Kultürmacht, in diesem. Falle Italien, angezogen- Unterhielten in prophetischer Vorahnung Dessen/ was da kommen sollte, schon feit Jahrzehnten freundliche Beziehungen zu den Italienern, und erleichterten ihnen, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die'Eroberung des Landes. Was Bengasi betrifftso hat dies, der italienische Leutnant Achille Levi-BianchiniJ, welcher sich sowohl in den dortigest Kämpfen als auch im Informationsdienst besonders ausgezeichnet hat, nachgewiesen. Wurde doch auch zur ersten Feier des italienischen Bersasfungsfestes in Bengasi, am.2. Juni 1912, von den jüdischen. Frauen der Stadt eine Trikolore gearbeitet, um auf dem RegieruNgsgebäude gehißt zu werden!' Zu den vereinzelten Ausnahmen gehörte der Ort Misrata. Hier, waren die Juden aus Konikürrenzfurcht den Italienern anfangs abgeneigt. Doch ist der letzte Rest des Mißtrauens der libyschen Juden gegen die Külturmacht, der sie nunmehr untertan sind, I Siche seinen/ Artikel im „Vestillo Jsraelitico" vom.30.. Juni 1912, Seite 385—388.

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