Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 8 Berlin, 21. Februar 1913 Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Korrespondenzen und Kschrichtrn. Deutschland. y Berlin, 18. Februar. Der Generalsekretär des Oesterreichischen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Herr Dr. Fleisch e r-Wien, sprach hier dieser Tage im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" über den Antisemitismus in Oest erreich und den österreichischeil Alpenländern. Er führte die Wurzel des Antisemitismus in Oesterreich unter zahlreichen historischen Belegen darauf zurück, daß nach den Katastrophen von Solserino und Königgrätz die deutsch-liberale Partei, die damals ans Ruder kam, die -freiheitliche Ausgestaltung des Staates zwar ausgezeichnet auf dem Papiere vorgenommen, jedoch in der Praxis nichts Dauerndes geschaffen. So war es möglich, daß die reaktionäre Bewegung des Hofes, des Adels und des Klerus sehr bald erfolgreich werden konnte. Schon das nur noch demokratisch schimmernde Ministerium Taafe habe mit deil Klerikalen geliebüugelt und die Erbitterung der Deutschen hervorgerufen. Taafe schmiedete den eisernen Ring, der die' Tschechen, Deutsch-Klerikalen und Polen verband und der vierzehn Fahre lang mit großer Wucht auf den Deutschen lastete. Damals ging das Sehnen der Deutschen nach Deutschland, die „Wacht am Rhein" wurde ein Trutzlied gegen die österreichische Negierung. Der Referent schilderte sehr anschanlich die weitere Entwicklung über Ritter von Schönerer, Alois Lichtenstein, Dr. Geßmann und Lueger, und gab dann ein sehr ergötzliches Bild über Werden und Wachsen der Christlich-Sozialen, die er als wenig schlimm bezeichnete, ja, mit denen man allenfalls leben könne, denn sie „fräßen aus der Hand, wenn in der Hand nur etwas drin ist." Die Zertrümmerung der Christlich-Sozialen bei den letzten Reichsratswahlen habe leider ihre Fortsetzung bei den Wiener Kommunalwahlen nicht gefunden. Eine Besserung sei trotzdem infolge der verkehrten Wirtschaftspolitik demnächst zu hoffen. Biel schlimmer seien die Deutsch-Nationalen. In Böhmen hätten sie direkt bewirkt, daß die Juden, die bisherigen Bannerträger des Deutschtums, aufs ärgste verfolgt werden, und da unsere Glaubensgenossen nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, nennen sie sich „jüdisch - national". Die Deutschen Böhmens hätten eine Dummheit sondergleichen gemacht. Die slawische Flut drängt vor und unrd sie überschwemmen, nachdem sie ihre bisherigen Volksgenossen, die Juden, abgestoßen haben. Sehr interessant war dann, was der Redner über den Antisemitismus in den österr e i ch i s ch e n We l t b ä d e r n erzählte. Das dürfte auch viele Leser dieses Blattes interessieren. So sagte er von Karlsbad: Dort ist der Antisemitismus Saisonartikel. Im Winter kommt er in die Schaufensterauslagen, im Sommer wird er ins innere Lagermagaziu zurückgestellt. Im S o m m e r gibt es in Karlsbad keine Antisemiten. Im Winter aber bekommen die Karlsbader Juden den gesellschaftlichen Antisemitismus sehr stark zu spüren. Dann ist die Gesellschaft abgeschlossen in eine arische und in eine jüdische. Dieser Wechselantisemitismus sei auch in der Presse zu beobachten. Das „Karlsbader Fremdenblatt" tue sich darin besonders hervor, man möge es nicht lesen und lieber auf das „Prager Tagblatt" warten. In F r a n z e n s b a d ist die Gemeindeverwaltung durchaus freiheitlich. Dort kann man nicht klagen. Habe doch' die Gemeindeverwaltung das Gemeindehaus zu einer Wohltätigkeitsvorstellung für die Kischinewer Opfer hergegeben. Teplitz-Schön au, das 4000 einheimische Juden zählt, dürfe unbesorgt besucht werden, ebenso herrsche in M a r i e n b a d kein Antisemitismus., Dagegen sei in Innsbruck scharfer Antisemitismus, wenigstens in der Gemeindeverwaltung. Im übrigen könne er sagen, daß in Tirol, obwohl die Bevölkerung hauptsächlich klerikal sei, die Juden, die sich dorthin begeben, nichts zu befürchten haben, wenn sie nur nicht durch ihr protziges Auftreten selbst den Anlaß zum Antisemitismus geben. Der Vortrag fand sehr beifällige Ausnahme. A. F. Berlin, 18. Februar. Am 10. d. M. sprach in der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" Herr Dr. Alphon s S u s s n i tz k i über „Die Dömnes" (die Nachkommen Sabbatai-Zewis). Der Redner schilderte zunächst in sehr lebhafter Sprache das Auftreten „Sabbatai-Zewis" und die durch ihn hervorgerusene messianische Bewegung in der gesamten Judenheit gegen Mitte des 17. Jahrhunderts. Den dramatischen Abschluß dieser höchst wunderbaren Erscheinung bildete bekanntlich die Gefangennahme Sabbatai- Zewis bei seinem Eintreffen in Konstantinopel im Jahre 1666. Aus Betreiben der Regierung trat er selbst zum Islam über. Nach seinem Tode trat in Saloniki, das von jeher ein Herd der kabbalistischen Mystik gewesen ist, ein angeblicher Sohn Sabbatai-Zewis auf und wurde der Gegenstand göttlicher Verehrung. Seine Anhänger, etwa 400 an Zahl, wurden aber bald von den Gegnern bei der Regierung denunziert. Diese wußte bereits aus jüngster Erfahrung, welch große Dimensionen eine derartige Bewegung annehmen kann, und bewirkte durch strenge politische Maßnahmen den Uebertritt dieser Sekte zum Islam. Sie nannten sich aber bloß D ö m n e, das heißt abgefallcn (nicht Konvertit), ohne ein neues Bekenntnis anzuuehmen. Sie waren in gewisser Beziehung zur Rolle der Maraunen verurteilt. Das Wesentliche im Bekenntnis dieser neuen Sekte war der Glaube an den richtigen Messias. Ihre Gebete, teils in hebräischer, teils in spanischer Sprache, sind den jüdischen Gebeten sehr ähnlich. Ihr Hauptseiertag ist der 9. Aw, der Geburtstag Sabbatai- Zewis. Später schlichen sich bei ihnen auch christliche und mohammedanische Bräuche ein. Heute soll ihre Zahl gegen 5000 sein. Der Redner schilderte sodann ihre soziale, wirtschaftliche und politische Stellung in der gegenwärtigen Türkei. Sie nehmen hohe Würden und Aemter ein. Die Sekte spaltete sich in drei Klassen, deren Differenzierung nicht mehr aus religiösein Boden liegt. Durch strenge, jahrhundertelange Inzucht, da sie sich sowohl von den Juden als Mich von den Türken abschlossen, zeigen sich bei ihnen heute Symptome der Degeneration. Sie sind daher bestrebt, frisches Blut aufzunehmen und gehen mit Vorliebe, da ihnen kein religiöses Verbot im Wege steht, Ehen mit jüdischen und mohammedanischen Frauen ein. Viele ihrer Eigenschaften, besonders ihre scharfe Intelligenz, lassen noch heute ihre jüdische Abstammung deutlich erkennen. Durch die neuesten Umwälzungen in der Türkei, besonders durch den Fall. Salonikis, sei die Existenz der ganzen Sekte mit dem Untergange bedroht. Der interessante Vortrag wurde mit großem Beifall ausgenommen. y. Berlin, 18. Februar. Die jü dische Arb.eiterkolonie Weißensee, die jetzt in das dreizehnte Jahr ihres Bestehens eintritt, hat in dem eben verflossenen Jahr 1912 die bisher größte Aufnahmeziffer erreicht. Es waren im Verlaus des Jahres 700 Kolonisten, genau 696 in die Anstalt gekommen. Da sich noch 88 Mann am 1. Januar des Jahres in der Anstalt befanden, beträgt die G esamtfrequeuz der Kolonisten im Jahre 1912 fast 800, genau 784. Die Anstalt verlassen haben im Lause des Jahres 706, so daß am 31. Dezember 1912 noch 78 Mann in der Anstalt verweilten. Zwei Feststellungen, über Herkunft und Stand derjenigen, die in der Arbeiterkolonie Aufnahme suchten und fanden, haben wohl allgemeines Interesse. Die Mehrzahl der Kolonisten waren nicht etwa, wie man vielleicht annehmen möchte, Russen,, sondern Galizier, und zwar nicht weniger als 227, ihnen folgen der Zahl nach die Reichsdeutschen mit 170 Kolonisten. Es folgen dann: Ungarn 87, Russen nur 63, Oesterreicher 48, Böhmen 25, Mähren 23, Rumänen 17, Bukowiner 25, Türken 9, Holländer 3, Franzosen und Bosnier je 2 und schließlich Amerikaner, Italiener, Schweizer, Slawonier und Kroaten je einer. Der Berufsart nach stellte das größte Kontingent der K a u f m a n n s st a n d, nämlich 227, Arbeiter waren 176, ferner sind fast alle Handwerke vertreten, am stärksten Maler und Bäcker, sonst noch Zahntechniker (7), Lehrer (5), Musiker (3). Die Löhne der Kolonisten in den verschiedenen Fabrikbetrieben betrugen im letzten Jahre insgesamt 24 501.44 Mark, wovon 16 088.04 Mark ans Menagegelder entfielen, die den Kolonisten in Anrechnung gebracht wurden, und 8433.40 Mark auf Akkordüberschüsse, die den Kolonisten gutgebracht wurden. Der Durchschnitt der Akkordüberschüsse betrug pro Mann und Tag 38 Pfennig. Die Ausgaben für die Verpflegung der Kolonisten beliefen sich pro Mann und Tag ans 67,6 Pfennig.. . Eine Anzahl der Arbeiterkolonisten erhielt auch im ver-