Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
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92 die Synagoge, vierundzwanzig jüdische Häuser und sechs Magazine. Die Banden hatten überdies die Synagogen entweiht und beschmutzt und die Thorarollen zerrissen. Das Schicksal der Armen aus Jchtip, die, 710 an der Zahl, in der Talmudthora in SaloniLi und in der Hirschschule dort untergebracht sind, ist außerordentlich bejammernswert. Der Hilfsverein hatte für diese Unglücklichen schon vor Wochen 20 000 Francs zur Verfügung gestellte Mit dieser Summe und den Mitteln, die m Saloniki für die Unterhaltung dort vor: uns gegeben worden sind, hoffen wir die Repatriierung durchführen zu können. Delegierte aus Sofia sind in unserem Auftrag in Jchtip tätig, um die Häuser wieder herzurichten. Wir haben die notwendigen Schritte bei den bulgarischen Behörden unternommen, damit sie bei der Rückkehr der' Juden für ausreichende Sicherheit sorgen. Wir wollen auch Delegierte aus Sofia in den ersten Wochen nach der Rückkehr dort lassen, damit die nötigen Nachrichten nach Sofia sogleich übermittelt werden können. Aus das Wohlwollen und die Humanität der höchsten bulgarischen Beamten glauben wir rechnen zu können. Eine baldige Rückkehr ist notwendig, weil die Armen in Saloniki demoralisiert werden, und weil in etwa vier bis fünf Wochen.die Arbeit für den Opiumbau beginnt, wovon fast alle Juden in Jchtip leben. Eine Anzahl von Juden wird voraussichtlich in Saloniki Zurückbleiben. Etwa fünfzehn haben sich bereits als Krämer und Straßenhändler dort installiert. Von Köprülü aus ging die Fahrt weiter nach Gumendje (griechisches Gebiet). Unterwegs berührten wir noch einige Stationen, wo Juden gelitten haben, so etwas abseits von der Bahn in Strumitza. Strumitza. Unter 15 000 Einwohnern 650 Juden (125 Familien). Stadt von Bulgaren besetzt. Am Tage nach der Besetzung singen die bulgarischen Banden an, zu morden, zu plündern und die Häuser zü zerstören. Zwei Juden sind ermordet worden, fast alle Läden und Häuser ausgeplündert, für etwa 500 000 Francs Wären sind, den Juden geraubt und vernichtet worden. Von einem Manne (Barvuch. A. Saltiel) wurden unter Todesdrohungen 5000 Francs erpreßt. Die Juden von Strumitza, denen es bisher verhältnismäßig gut ging, sind völlig ruiniert. Obendrein hat man noch den Markt, der bisher am Montag war, auf Sonnabend verlegt. Wir. bewilligten vorerst eine Summe von 1000 Francs. Strumitza liegt, wie gesagt, nicht an der Bahn. Die Bahnstation, die wir passierten, ist Oudowo. Auch dort wohnen "zivei jüdische Familien, Kausleute, deren Läden vollständig ausgeplündert worden sind. Vor dieser Station ist noch die Station N e g o t n i zu erwähnen, mit etwa 8000 Einwohnern und fünf jüdischen Familien. Auch hier wurde ein Laden vollständig ausgeplündert. Bei der Station G u m e n d j e endet das serbische Okkupationsgebiet, durch das die Bahn bisher uns führte, und es beginnt das griechische. Bevor wir diese Station erreichten, hielt unser Zug noch an der kleinen Station Gjewgeli, wo ebenfalls bei den wenigen Juden, die dort sind, Plünderungen stattgefunden haben. Montag um Mitternacht kamen wir endlich in Saloniki an, und wurden von einer Deputation der Vertreter des Großrabbiners der Gemeinde und des „Jnterklub" empfangen. Da man wegen des Kriegszustandes um diese Zeit die Straßen nicht passieren kann, so war für uns besondere Erlaubnis und Eskorte beschafft worden. Wir waren in Saloniki die Gäste des Herrn Jakob Mvdiano, für dessen außerordentlich liebenswürdige Gastfreundschaft wir den innigsten Dank schulden. Am Dienstag, den 21. Januar, morgens um VslO Uhr hatten wir eine Sitzung mit den Vertretern der Gemeinde und allen in Saloniki arbeitenden Organisationen (darunter auch den Vertretern der Alliance). Es wurde aus diesen Vertretern ein kleines Komitee gewählt, in dem ebenfalls alle Institutionen vertreten sind und das als Komitee der Union des Asiociations Jsraolites fungiert. In Saloniki suchten und fanden wir Gelegenheit, uns mit allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung in Verbindung zu setzen, und wir prüften eingehend alle einschlägigen Verhältnisse, wo immer es anging, durch persönliche genaue Beobachtungen. Saloniki. Saloniki hat .140 000 Einwohner, darunter 70 000 Juden. Eine ungefähre Uehersicht über die Berufe der Juden, die nach einer Enquete an Ort und Stelle gewonnen worden, ist, ergibt folgendes Bild. - In freien Berufen beschäftigt 430 Personen (darunter 300 Lehrer, 40 Apotheker, 30 Anwälte, 20 Aerzte, 25 Zahnärzte und Dentisten, 10 Journalisten, 5 Ingenieure). Ferner 1105 selbständige größere und kleinere Kaufleute inklusive Bankiers, 1200 Krämer und Budenbesitzer, 2000 Handwerker der verschiedensten Art, 8000 kaufmännische Angestellte, Kommis usw., 8000 Arbeiter und Arbeiterinnen in verschiedenen Fabriken und in der Tabakindustrie. 500 Droschkenkutscher, Lastwagenführer und dergleichen, 600 Hamals (Lastträger), 400 Bootsarbeiter, Auslader, Bootsdienstleute und dergleichen, 150 Zollagenten, 2000 Bedienstete, Cas4häusangestellte, Restaurationsangestellte und Straßenhändler. Saloniki hat schon lange vor Ausbruch des Bälkankrieges schwer gelitten. Der türkisch-italienische Krieg wirkte sehr lähmend aus den Handel und schädigte besonders die jüdische Gemeinde dadurch, daß gerade die Reichsten, die italienische Untertanen sind, ausgewiesen wurden, deren Geschäfte infolgedessen stark -zurückgingen. Ferner hatte die Gemeinde eine schwere Choleraepidemie zu bekämpfen (September bis Oktober 1911). - Durch den Bälkankrieg und die Eroberung Salonikis durch die Griechen wurde Saloniki auf das allerschwerste betroffen. Die Ereignisse, die sich in den ersten Tagen nach der Okkupation abspielten, sind öffentlich bekannt geworden. Wir wollen in diesem vorläufigen kurzen Bericht aus sie nicht eingehen. Wir wollen nur feststellen, daß wir Ausschreitungen gegen die Juden, die Diebstähle und Erpressungen und Plünderungen, die gemeldet worden sind, und auch einige Mordtaten, daß wir das alles bestätigt fanden. Als wir eintrasen,. fanden wir in Saloniki erfreulicherweise Ruhe vor, und die öfsentliche-Sicherheit wieder hergestellt. Aber der Handel liegt brach und es fehlt an Arbeitsmöglichkeiten. Was das bedeutet, insbesondere bei einer Zusammensetzung der Bevölkerung wie oben angeben, ist leicht zu ermessen. Mehr als 2000 Familien mit etwa 5200 Personen sind infolge des Krieges völlig mittellos. Die Zahl wird täglich größer, da viele von ihren letzten Sparpfennigen leben, die bei der völligen Stockung des Handels und bei dem Mangel an jeglicher Arbeitsgelegenheit bald aufgezehrt sind. Flüchtlinge. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge, die aus dein Innern nach Saloniki gekommen sind und hier unterstützt werden müssen, ist verhältnismäßig, nanlentlich gemessen an der Zahl der anderen Flüchtlinge, die 40 000 beträgt, nicht sehr groß. Es sind mit den jüdischen Soldaten, die von der geschlagenen türkischen Armee oder als freigelassene Gefangene nach Saloniki kamen, etwas über 1000 Seelen, darunter 164 Familien mit 710 Seelen aus Jchtip, von denen oben die Rede war. Hilfsleistung. An Hilssgeldern kamen bisher aus dem Auslande 41650 Francs, von denen noch etwa 11000 vorhanden waren. Von dem städtischen Hilfskomitee, das unter dein Vorsitz der Königin arbeitet, wurden bis' jetzt den Juden 30 685 Francs gegeben. Da die Mittel dieses Komitees erschöpft sind, sind weitere Gaben von dieser Seite leider nicht mehr zu erwarten. Nach genauen Berechnungen ist für die durch den Krieg Geschädigten in Saloniki für die nächsten vier Wochen eine Summe von 29 000 Francs notwendig. Wir mußten daher zu den noch vorhandenen 11000 Francs 18 000 Francs hinzubewilligen. Damit scheint uns die Aktion für die Beseitigung der momentanen Not abgeschlossen. Für später ist es notwendig, eine kleine Leihkasfe zü gründen, für die wir 10 000 Francs in Aussicht stellten, falls die gleiche Summe in Saloniki ausgebracht würde, und uns hinlängliche Garantie gegeben wird für die Rückzahlung der geliehenen Summen. ' Von Saloniki aus unternahmen die Herren Dr. Nathan und Adler am Donnerstag, dem 23. Januar, eine Reife nach Serres, und Dr. Kahn nach Kalaseria und Monästir. Der Bericht über diese Reisen folgt später. Einige Stünden vor unserer Abreise von Saloniki nach Konstantinopel am Montag, dem 27., hatten wir in Gegenwart des Groß- - rabbiners Jacob Meir eine Audienz bei dein König von Griechenlandder uns freundlich empfing. (Schluß folgt.)