Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229078--69222-3281512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*93 Das Lind. K30 T^Nte folgende Geschichte habe ich nicht selbst erlebt, ich weiß sie von einem güten Bekannten, aber sie erschien mir doch wert festgehalten zu werden. Mein Freund verbrachte einmal, einige Monate an der Riviera. Nicht an einem der Orte, wo das Fremdenleben sich am. elegantesten zeigt, sondern dort,, wo man die Natur trotz Hotels und mondänen Kleidern sieht. Er lebte in einer Pension, die eine Verbindung von Hotel und Sanatorium darstellte. Die Krankheiten hatten sich bei den Leuten, soweit sie krank waren, etwas zurückgezogen, teils aus Rücksicht auf die anwesenden Gesunden, teils weil sie in einer Art Autosuggestion sich einbildeten, so lebensfroh zu sein, wie die Natur oder die Gesellschaft, die drüben Nizza und Monte-Carlo belebte. Man aß an kleinen Tischen in diesem Hotel, so daß, wer allein war, als einzige Tischunterhaltung die Gesellschaft musterte und sich über die Vergangenheit und Zusammengehörigkeit der einzelnen Tischgemeinschaften den Kopf zerbrechen konnte. Eines Abends erschien am Nebentisch, berichtet mein Freund, ein einzelner älterer Herr. Das Hotel war so voll, daß, wie in den kleinen französischen Restaurants, die Tische unmittelbar nebeneinander standen, beide saßen wir mit dem Rücken gegen die Wand. Der neue Gast war eine von den großen gepflegten Erscheinungen, wie man sie in der Gegend so oft sieht, anscheinend ein höherer russischer Beamter. Nur verriet ein Zucken um die Mundwinkel und ein öfteres unstetes Aufflammen der Augen, daß er ein Recht auf den Erholungsurlaub hatte. Bei Tisch las er immer seine Zeitung, allerdings keine russischen, sondern die großen Pariser Blätter, von denen ihm anscheinend keines zusagte, denn jeden Tag brachte er ein anderes mit. Ich beobachtete ihn ein bißchen mehr, als es sich schickte. Er sah nie um sich, so daß ich nicht zu fürchten brauchte, ihn zu stören. Inzwischen hatte ich mich erkundigt, wer er. war: ein russischer Generalarzt aus Kiew, schwer nervenleidend, sagte die Schwester, die ich fragte. — Am dritten Abend hatte er das „Journal" vor sich. Nach dem ersten Gang war er am Schluß der ersten Seite angelangt und blätterte um. Wie er die erste Ueberschrist der zweiten Seite gelesen hatte, da zuckt es auf einmal um seinen Mund, seine Augen flammten auf, so wie ich es noch nie gesehen hatte, ein Zittern packte den Mann, mit beiden Händen zerknüllte er die Zeitung und ächzte dabei wie aus tiefwundem Herzen. Die so zerknüllte Zeitung warf er aber durch das offene Fenster hinter seinem Tisch hinaus in den Garten. Mich interessierte der Mann immer mehr. Wenn wir einen höheren russischen Beamten sehen, «denken wir an Bestechung und Jntrigue. In dem Vorurteil leben wir, ich hatte noch nie einen persönlich kennen gelernt. Zunächst schlich ich nach dem Essen mich in den Garten und fand auch noch unter dem entsprechenden Fenster des Speisesaals die Zeitung. Heimlich, wie ein Kind entwendete Näscherei, trug ich sie auf mein Zimmer, glättete sie sorgfältig, was merkwürdigerweise gelang, und schlug die zweite Seite auf. Da stand über der ersten Spalte fett gedruckt: „Nouveau massacre pärmi les juifs k Kiew.“ Ja, sagte ich mir, das kann ihn doch nicht so aufgeregt haben, einen russischen Beamten. Aber da.hatte ich schon den Grund der Erregung. . ' ‘ M. 'de Heeringen, le mimsire prussien de k guerre a propöse au Reichstag dkugm enter ]es forces statiounees ä la frontiere russe par deux divisions ddnl'anterie. Also ein pathologischer Panslave, die Sache war geklärt. Am nächsten Morgen, im Wartezimmer des Sanatoriumarztes, kamen wir dann doch ins Gesprächgeteiltes Leid, halbes Leid. Trotz des offenbaren Deutschenhasses war er äußerst liebenswürdig, hielt aber auch in den folgenden Tagen unsere Gespräche immer aus neutralem Boden. e Ich lernte noch manche Eigentümlichkeiten von ihm kennen, soz. B. daß er kleine Kinder nicht leiden mochte und eiligst aus ihrer Nähe verschwand. Bon sich sprach er nie, und mir gefiel das gut an ihm. Man hat an flüchtigen Reisebekanntschaften ohne überflüssige Intimität mehr Vergnügen. Eines Tages sing er von deutsch-russischen Beziehungen an, ich wollte ablenken und meinte, wir würden uns doch nicht verstehen, die Panslawen hassen doch alles Deutsche. — Ich, Panslawe, siel er halbentrüstet ein, warum halten Sie mich für einen? — Ich wurde doch rot, in Erinnerung an meine Kinderei mit der Zeitung und beichtete ihm. Er wurde wieder so blaß wie damals und erwiderte nur: „Ihre zwei Divisionen regen mich nicht auf," — und nach einer ganzen Weile fügte er hinzu: „Ein andermal vielleicht erzähle' ich Ihnen, warum die Zeitung -aus dem Fenster flog." Die Gelegenheit ergab sich bei einem Abendspaziergang, zwei Tage später. Am Nebentisch hatte sich ein Berliner Ehepaar recht laut unterhalten, so daß wir beide über die letzte Gesellschaft, die die Leute noch in Berlin mitgemacht hatten, orientiert waren. Ich machte darüber eine Bemerkung, die. er mit: „Diese Juden!" beantwortete. Ich fand es für nötig, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ich auch Jude bin. „Ich bin nicht das, was sie Antisemit nennen," sagte er. „Mir sind, die russischen Juden nicht sympathisch, ich habe fast nie mit ihnen etwas zu tun gehabt — bis auf einmal, und das genügte." „Es ist gerade unser Unglück, daß unsere Allgemeinheit für die Fehler jedes einzelnen büßen muß," wagte ich einz uw enden. „Sie mißverstehen mich vollkommen. Ich bin Ihnen überhaupt noch Rechenschaft schuldig für meine Unmanier neulich mit der Zeitung," Auf einmal überstürzten sich die Worte in ihm, als wollte er möglichst schnell mit seiner Geschichte fertig werden. „Ich bin Arzt gewesen, russischer Militärarzt, und erfreute mich eines ziemlichen Ansehens. Zuletzt war ich in Kiew tätig. Ich machte, jetzt ist es bald, ein Jahr her, eine Inspektionsreise in eine kleine Garnison meines Armeekorps, wo ein Infanterieregiment stand. Ich kam nachmittags an und fand zu meinem Erstaunen alle Läden geschlossen. Im Hotel bekam ich die Auskunft, es würde wohl mal wieder gegen die Juden losgehen. Es war Mißernte gewesen, irgendwoher mußte doch die christliche Bevölkerung sich entschädigen. Am Abend war ich beim Oberst eingeladen und fragte ihn, was er zu tun beabsichtige. Er zückte mit den Achseln: er werde schon patrouillieren lassen, natürlich ohne scharfe Patronen, gemäß seinen Instruktionen. Am nächsten Morgen ging es auch los. Ich brauche Ihnen keinen Pogrom zu beschreiben. Als ich aus dem Garnisonlazarett kam, war er in vollstem Gange. Das Militär patrouillierte durch die Straßen und schaute mit Vergnügen zu, wie die Läden und Wohnungen erbrochen und die Menschen getötet wurden. Wir sind in Rußland viel gewohnt, ich jagte aber doch in die Wohnung des Kommandeurs, um zu retten, wenn noch etwas zu retten war. Ich kam mit meinem Wagen nicht bis zu seinem Hause. Kurz davor war ein Menschenauflauf. Vor dem Hause eines jüdischen Großkausmanns. Die Tür öffnet sich. Ein paar jener Mord-