Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
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Mitglied desDisziPlina.rhofes und des Gerichtshofes für Konfeffionskonflikte.' Am obersten Landesgerichte war Cohen dem Zivilsenate zugetan. Neujahr 1911 erhielt Cohen den Orden vom Heiligen Michael IV. Klasse mit Krone. Was Cohen in juristischen Kreisen, besonders aber bei der bayerischen Richterwelt zu so besonderem Ansehen verhalf, war sein außergewöhnlicher Scharfsinn, mit dem er oft die schwierigsten juristischen Fragen nach kurzer Ueberlegung löste. Es hieß deshalb auch, bei seinem Tode allgemein, daß mit ihm einer der tüchtigsten -und hervorragendsten Richter dahingegangen sei, der sich auch wegen seiner Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit und seines edlen Charakters bei allen, die ihn kannten, einer überaus, großen Beliebtheit erfreute. Seit Dezember 1882 war Cohen glücklich verheiratet; mehrere Kinder sind dieser Ehe entsprossen. An seiner Beerdigung, bei der Rabbiner Dr. Werner die Gedächtnisrede hielt und der Präsident Reichsrat Dr. v. Heiß dem Verstorbenen im Namen des Oberlandesgerichts einen Nachruf widmete, beteiligten sich die höchsten richterlichen Beamten Bayerns, auch der Justizminister und die ersten Männer der Stadt. Bericht drr Delegierten des hilfsverrins der deutschen Juden über die Leit vom 13. Januar bis 29. tjanuar 1913: Abreise von Sofia nach' den geschädigten Orten des Kriegsschauplatzes. 3 n der Nacht vom 19. auf den 20. Januar fuhren wir von Sofia über Nisch nach Saloniki. Von Nisch aus konnten wir nur auf Grund unserer besonderen Erlaubnis mit einem serbischen Militärzug, der außer Soldaten und Offizieren, Gefangenem und Flüchtlingen nur wenige Passagiere ausgenommen hatte (unter ihnenden bekannten russischen Dumaabgeordneten Professor Miljukow), durch das von den Serben besetzte Gebiet weiterfahren. Am Montag, dem 20. Januar, gegen .11 Uhr morgens, langten wir in Ueskü-b an. Aus der Strecke Kiunanowa—Uesküb, besonders, in -der Nähe von Kumanowa, sahen wir durch den Krieg zerstörte menschenleere Dörfer. Uesküb. In Uesküb erwarteten uns an der.Bahn die Vertreter der Gemeinde und der Direktor der Alliance, der erst einige Wochen in Uesküb amtiert. Während, eines -mehr als zweistündigen Aufenthalts hatten ' wir reichlich Gelegenheit, die Verhältnisse in Uesküb eingehend zu besprechen und zu prüfen. Während wir einzeln mit den Erschienenen verhandelten, nahm sich bald der eine oder andere von uns die Zeit, einen Blick in. die Stadt selbst zu werfen, die einen belebten, ruhigen, wenn auch noch, etwas verängstigten Eindruck machte. Drei Herren aus Uesküb begleiteten uns noch bis zur nächsten Station etwa 1A Stunden weit, um uns noch weitere Aufschlüsse zu geben. Nach unseren Untersuchungen -ist die Lage in Uesküb folgende: Uesküb zählt unter 60 000 bis 65 000 Einwohnern 2000 Juden. Bereits vor dem Kriege haben -die Juden unter der Revolution der Albanier wirtschaftlich -sehr stark gelitten, zumal sich unter den Juden, mit Ausnahme einer geringen Anzahl reicherer Kausleute, nur Kleinhändler, Hausierer und Straßenhändler usw. (fast keine Handwerker) befinden. Der Krieg hat diese Schädigungen außerordentlich verstärkt. Etwa .60.bis 65 jüdische Soldaten, von denen, die meisten mittel- - lose Familien zurückgelassen haben, wurden -ins türkische Heer eingereiht. Seit der Albanierrevolution und noch mehr seit dem Kriege, sind die vereinzelt in den umliegenden Dörfern wohnenden Juden mit ihren Familien nach Uesküb geflüchtet und fallen etwa 50 an der Oberlanöesgerichtsrat Dr. Alfred Lohen, gest. am 16'. Januar 1913. Zahl der Gemeinde zur Last. Von Flüchtlingen befinden sich wieder alle jüdischen Einwohner aus Kumanowa, wo der schwerste Kamps" zwischen Serben und Türken stattfand (15 Familien), und ebenso alle aus Boj an o w t s ch e, -etwa 20 Familien, in Uesküb in meist,.völlig mittellosem Zustande. Diese Flüchtlinge, die vorerst, da die Umgegend noch keineswegs pacisiziert ist, in -ihre Heimatorte nicht zurückkehren können, zu denen sich noch einige aus M i t r o w i tz a, ,-P r i s ch t -i n a und N v w i - basar gesellen, vergrößern naturgemäß die schwierige Lage der Gemeinde. Alle Kaufleute Haben durch die Zerstörungen in den umliegenden Ortschaften, durch die Massakers, die stattgefunden haben, und, bei denen viele Schuldner den Tod fanden, ferner durch die Emigration der türkischen Bevölkerung, einen großen Teil -ihrer -äusstehenden Forderungen verloren, und viele zugleich -auch die Möglichkeit, selbst nach dem Frieden ihre Geschäfte in der bisherigen Weise, da ihre Abnehmer teils tot, teils ausgewandert sind, fortzusühren. Etwa 50 Familien leiden große Not, weil 'sie ihren Lebensunterhalt dadurch gewannen, daß sie in den Dörfern an den Markttagen.ihre Waren feilboten. Das ist jetzt unmöglich. Ebenso unmöglich ist es, in der Stadt selbst mit Waren zu hausieren, da die Militärbehörden das während des Kriegszustandes nicht gestatten. Zu alledem kommt noch, daß. die Gemeinde eine. Anzahl türkischer jüdischer Soldaten,, die, wie wir im vorigen Bericht mitteilten, von dem Serben freigelassen wurden und . nach Uesküb nach der Heimat gesandt worden sin-d, mit Reise- und Zehrgeld unterstützen mußte. So betrübend wie geschildert die Lage der jüdischen Bevölkerung in Uesküb auch ist, so glaubten wir doch vorerst mit einer Beihilfe von 1000 Francs auskommen zu können, zumal auch von anderer Seite etwa- 2000 Francs gegeben worden sind. Sobald die' Umgegend paeisiziert ist, müssen weitere Summen zur Repatriierung der Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden. Wir haben darüber die Verhandlungen mit Belgrad bereits ausgenommen. Von dort aus wird man mit Unterstützung der serbischen Behörden und des Belgrader Großrabbiners Und mit.Hilfe des Komitees, das wir in Uesküb eingesetzt haben, für die Repatriierung, sobald sie ■ möglich ist, Sorge tragen. Von Uesküb gelangten wir weiter in langer und langsamer Fahrt teilweiseüber zerstörte un-d Provisorisch notdürftig wiederhergestellte Eisenbahnbrücken in bas von den Serben besetzte Gebiet bis Köprülü. Dort gesellten sich zu uns Vertreter der Gemeinde Jchtip, die etwa 50 Kilometer abseits von der Bahnlinie liegt, lieber Jchtip erfuhren wir später in Saloniki weitere grauenhafte Einzelheiten, -da -sämtliche jüdischen Einwohner aus Jchtip, 710 an der Zahl, nach Saloniki ge- . flüchtet sind. Jchtip. Jchtip -hat etwa 25 000 Einwohner, darunter 800 Juden. Die Stadt ist militärisch von den Serben -besetzt, doch ist die serbische Besatzung außerhalb der Stadt in -der Kaserne. Die Stadt selbst ist in. den Händen der Bulgaren und ursprünglich der bulgarischen Banden. Die jüdische Bevölkerung hat hier am allerschwersten gelitten. Die Bulgaren rückten am 11. Oktober (a. St.) ein. Die Haltung der bulgarischen Einwohner hatte die Juden veranlaßt, zwei Tage vorher sämtlich die Stadt zu verlassen, nur sechs Greise, darunter der kranke Rabbiner, der zwei Tage, nach dein Einzug der Bulgaren starb, und zwei junge Leute blieben zurück. . ’ In Jchtip hausten die bulgarischen Bänden in entsetzlicher Weise. Unter den Mohammedanern, namentlich in der Umgegend, fand ein Massaker statt, 700 bis 800 wurden getötet. Auch von den zurückgebliebenen jüdischen Greisen.wurden zwei ermordet.. Die jüdischen Häuser würden, sämtlich geplündert und demoliert. Zwei Brände, die sicherlich böswillig angelegt worden sind, zerstörten