Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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Nun eine persönliche Erinnerung. Mein Vater war Umtarier; ich wurde in demselben Glauben erzogen. Gerade gegenüber der Unitarierkirche in-Cincinnati lag die jüdische Synagoge, in der Rev. Isaac M. Wise als Rabbiner wirkte. Unsere Geistlichen vertraten einander häufig ans der Kanzel, und so saß ich in meiner Kindheit zu Füßen Dr. Wises in der Unitarierkirche und lauschte seinen Predigten. Darum ist wohl kaum anzunehmen, daß ein Vorurteil irgendwelcher Art sich in meinem Herzen hätte einnisten können. Leute mit so engem Horizont, daß sie dem Vorurteil Raum geben, habe ich immer nur bedauert. . Lieber Herr Kraus! Geehrte Herren! Es unterliegt - keinem Zweifel, daß eine Gemeinschaft wie die Ihrige immer an der Spitze der fortschreitenden Zivilisation marschieren und alle Zurücksetzungen .und Verfolgungen überdauern wird, die leider in einigen Ländern Europas noch immer an der Tagesordnung sind. Das ist klar wie der Tag. Uns aber gereicht es zu lebhafter Befriedigung, daß dies Streben der Juden nach der ihnen gebührenden allgemeinen Anerkennung und nach sozialer Gerechtigkeit gegenüber allen Unterdrückten einen lebhaften Impuls von unserem Vaterlande erhalten hat. Und nun, meine Herren, schließe ich mit der Versicherung, daß ich mir diesen Beweis Ihrer Anerkennung zur höchsten Ehre rechne und daß es eine der größten Freuden meiner Amtszeit gewesen ist, wahrzunehmen, daß Sie mich, den Staatschef, für einen weitherzigen, vorurteilslosen Mann halten. * In England herrschte große Aufregung über die Wahl des Ober r ab bin er s. Als solcher ist soeben Dr. Joseph Hertz aus Amerika gewählt worden. Gegen diese Wahl protestierten, wie in großen Artikeln des „Standard" zu lesen ist, die Vereinigung jüdischer Geistlicher und ein Laienkomitee, dem Advokaten, Bankiers und hervorragende Schriftsteller angehören. * Vom Judenviertel in Wilna erzählt ein Mitarbeiter der „Köln. Ztg." folgende trostlose Einzelheiten: Wenige Stunden Bahnfahrt hinter der preußischen Grenze taucht aus den finstern, eintönigen Nadelwäldern, die kaum einmal der Anblick eines ärmlichen Bauernhauses und dürftig gekleideter, spielender Kinder unterbricht, eine Menge braun und grau gestrichener Holzhäuser auf:' Es ist die einstige Hauptstadt Litauens bis zu dessen Vereinigung mit Polen, das oft belagerte, eroberte, niedergebrannte und geplünderte Wilna. Der geräumige, modern angelegte Bahnhof mit. seinem für russische Verhältnisse gewaltigen Verkehr als Durchgangspunkt der Züge aus Petersburg nach Deutschland, Warschau, Kiew, Odessa und Wien deutet aus das Leben einer betriebsreichen Provinzstadt Westeuropas. Doch kaum ist man aus der elektrischen Lichtfülle der großen Glashalle in den trüben Nebeltag hinausgetreten, so blickt uns die Armut mit tausend Augen an, die hier im Ansiedlungsgebiet, das heißt dem Bezirk Rußlands, wo den Juden das Wohnrecht zugestanden ist, mit der schmutzigen, ausgehungerten Gestalt des Juden fast unzertrennlich verknüpft ist. In Scharen stehen und liegen sie, mit großen Bündeln verschlissener Habseligkeiten, die man aus Furcht vor Ungeziefer zu streifen vermeidet, in der großen Halle und auf den Stufen der Freitreppe umher. Zu jeder Tageszeit trifft man hier diese Völkerwanderung, deren Ziel und Veranlassung man kaum erraten kann, und die mit ihrem jammervollen, an die mittelalterlichen Zeiten der Judengesetzgebung erinnernden Anblick einen so schreienden Gegensatz zum Leben der Gegenwart bildet. Ein Mitarbeiter der „Rjetsch" hat vor kurzem einen Streiszug durch die Judenviertel Wilnas unternommen. Wenn seine Schilderung auch nur zum zehnten Teile zutrifft, versteht man allerdings die Losung „Fort von hier", die man aus den müden Augen der von schwarzen Schmachtlocken umrahmten Judengesichter liest. Die Wohnungsverhältnisfe sind grauenvoll. Die Decke der zum Teil unterirdischen Wohnungen, von denen er 200 besucht hat, liegt oft VA, Meter tiefer als der Straßendamm, so daß die Fenster wie schmale Lnftschächte aussehen. Viele Zimmer sind nur 1,80 Meter hoch, die Wände feucht und klebrig, der Fußboden festgestampfte Erde. 1500 Menschen Hausen hier wie lebendig Begrabene. Der Hof Leib-Leisers auf. der Jüdenstraße. Ein Keller von zwei Stockwerken. Im oberen Stockwerk wohnen drei Familien, fast nur Greise und Halbwüchsige, die Erwachsenen sind ausgewandert — nach Amerika. Die Alte handelt mit der Wärme des Ofens. Es ist den ganzen Tag geheizt, die Frauen der benachbarten Höfe bringen ihre Töpfe mit Bohnen und Kartoffeln zum Kochen hierher und zahlen für den Topf eine Kopeke. In der linken Ecke des Fußbodens ist ein quadratisches, schwarzes Loch, durch das man 17 (stufen in. Me Finsternis hinabsteigt. Denn in den Judenstraßen wird noch heute eine Kerzensteuer erhoben für das Recht, am Abend vor dem Sabbat Lichter anzuzünden. Der Fußboden des unteren Stockwerkes liegt 4 Meter unter der Erde. Auch in dieser Finsternis leben Menschen — ein blinder Alter mit seiner Frau, welche die graue Winternacht auf mit zerlumpten Sachen bedeckten Holzbänken hinbrüten. Ihren Unterhalt bestreiten sie vom Straßenbettel. Früher hatten sie auch an andere Bettler vermietet, den Schlafplatz für sechs und acht Kopeken. Denn für die Katakombe haben sie im Jahre noch 100 Rubel Miete zu zahlen. In einem anderen Hause, das aus 42 Zimmern besteht, wohnen in jedem Zimmer vier Familien, eine übrigens ganz bekannte Erscheinung auch in den Arbeitervierteln der russischen Industriestädte. Die Krankheit des Judenviertels ist die Krätze, zumal Baden, reine Wäsche'und Bewegung in frischer Luft unbekannte Dinge sind. Als die jüdische Handwerkerschule im letzten Sommer einen Spaziergang in die Umgegend von Wilna machte, stellte es sich heraus, daß vier Fünftel der Schüler noch keinen Wald betreten hatten, trotzdem dieser vor den Toren der Stadt beginnt. Die meisten Kinder besuchen überhaupt keine Schule, sie lernen als einziges Handwerk den Bettel! Jüdische Tischler, Weber und andere Handwerker werden immer seltener, wer sich einige hundert Rubel zusammengearbeitet hat, sucht das Weite. Wie in Wilna mag es auch in anderen Städten des Ansiedlungsbezirks sein. > Molk Lhrlich^f en Frommen und Gelehrten braucht man keine Denkmäler zu errichten; durch ihre unterweisenden Worte, - durch-ihr geistiges Schaffen und Wirken leben sie segensvoll in der Erinnerung' der Nachwelt fort. Dieser bekannte' talmudische Ausspruch darf auch auf den am 5. dieses Monats verschiedenen Rabbiner Dr. Adolf Ehrlich angewendet werden: er hat durch unermüdliches Lernen und Lehren, durch seine umfangreiche, bleibende literarische - Tätigkeit für die. Erhaltung feines Andenkens selbst gewirkt. Ein lauterer Charakter in Gesinnung und Handlung, war der Entschlafene nichtnur ein treuer und gewissenhafter Lehrer und Führer feiner Gemeinde, leine Zierde des Rabbinerstandes, sondern er war auch ein eifriger Verfechter der jüdischen Wissenschaft, deren Förderung und Verbreitung er fein -ganzes Leben geweiht und -in deren Vertiefung und Fortentwicklung er die einzig sichere Gewähr für den Fortbestand des Judentums erblickt hat. Adolf Ehrlich wurde am 20. September 1837 zu Mitau in Kurland geboren. Er besuchte die von der russischen Negierung um jene Zeit dort ins Leben, gerufene jüdische Volksschule und wurde zugleich von seinem Großvater mütterlicherseits, Jehuda Löb Löwenberg, in Bibel und Talmud gründlich unterrichtet. Mit 17 Jahren bekleidete er eine Hauslehrerstelle in Kreuzburg, 1858 unterzog er sich am Gymnasium seiner.Vaterstadt mit gutem Erfolge einer pädagogischen Prüfung und erhielt dann von der Regierung die Stelle eines Lehrers für Hebräisch und Religion an der neueröffneten jüdischen Volksschule in Friodrichsftadt. Mit guten Empfehlungen aus der Heimat ausgerüstet, ging er 1861 nach Berlin, gewann hier neben Leopold Z u n z in Michael Sachs einen treuen Lehrer und Freund und widmete sich unter dessen Leitung mit seltenem Fleiß, hebräischen und talmudischen Studien. Zugleich bereitete er sich, für das. Gymnasium vor, trat nach zwei Jahren in die Prima ein imd