Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
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88 mW. sozialen Interessen ihrer A!itglieder eiutreteu. Ebenso müsse sich die Partei mehr als bisher mit der Kommunalpolitik befassen. Bezüglich der Stellung zur konservativen Partei müsse der Grundsatz gelten: Getrennt marschieren und vereint schlagen! Die Versammlung wählte zum Schlüsse eine Kommission, die Die Abänderung des Parteiprogramms beraten soll. Die Vorschläge dieser Kommission sollen Zunächst den Resormvereinen Sachsens unterbreitet und dann dem nächsten Parteitage zur endgültigen Beratung und Beschlußfassung vorgelegt werden. Das heutige Programm der Deutschen Resornrpartei ist noch nicht allzu alt; es stammt aus dem Jahre 1906 und setzt an die Spitze „den Kampf gegen den jüdischen Geist, gegen die wachsende Berjudung aus allen Gebieten des Lebens". Wenn die Partei heute auf die Rafsesrageu nicht mehr dieses Gelvicht legt, so ist das ein Beweis dafür, daß der antisemitische Gedanke seine Zugkraft verloren hat. Die Deutsche Neformpartei dürfte dann aber ihren Konkurs erklären. Leider tritt aber der Antisemitismus anderwärts hervor. Unser Genfer Korrespondent berichtet uns: Daß in der Schweiz Kandidaten, welche sich lim die Mitgliedschaft bei einer wissenschaftlichen, gemeinnützigen, geselligen oder sportlichen Vereinigung bewerben, um ihres Glaubens willen zurückgewiesen werden, kommt wohl höchst selten vor, und antisemitische Strömungen kennt man auf diesem Gebiete kaum. Es versteht sich vielmehr von selbst, daß man der Aufnahme von Juden keine Schwierigkeit bereitet, sondern daß dieselben in derartigen Vereinen ihre Tätigkeit als Mitglieder zum Wohle der Allgemeinheit entfalten können. Bekannt ist ja auch, daß die der Schweizer Großloge Alpina unterstehenden Freimaurerlogen bei der Aufnahme keinen Unterschied zwischen Christen und Juden machen und in dieser Beziehung mit gutem Beispiel vorangehen. Um so bedauerlicher ist ein Vorfall, der sich, wie der „National Suisse" meldet, in Chaux-de-Fonds ereignet hat, und verdient deshalb bekannt zu werden. Daselbst hat sich ein auch bei christlichen Mitbürgern hochangesehener und beliebter Israelit bei der dortigen Sektion des Schweizer Alpenklubs um die Mitgliedschaft beworben, die bei der Ballotage von einer großen Majorität verweigert wurde. Zuschriften aus beteiligten Kreisen an den „National Suisse", der den Vorfall übrigens aufs schärfste verdammt, lassen erkennen, daß die Kandidatur des Abgewiesenen laut Erklärung eines Proponenten eine der seriösesten war und demnach behandelt werden mußte. Anstatt dessen hat man Beweise enger religiöser Intoleranz an den Tag gelegt. Denn, wie ebenfalls aus den Zuschriften hervorgeht, war einzig und allein die israelitische Abstammung ausschlaggebend, um dem ehrenwerten jüdischen Mitbürger den Eintritt in den Alpenklub zu verweigern. Mit Recht wirft daher ein Leser der genannten Zeitung die Frage auf, ob das der wohltuende Einfluß der ewigen Gipfel, der friedlichen Atmosphäre sei, die aus den Alpen herrsche. Uebrigens hat der Vorfall verschiedene Deinissionen aus dem Klub zur Folge gehabt, der sich offiziell zu der Angelegenheit noch nicht geäußert hat. * Von einer geradezu ungeheuerlichen Erklärung der Gesetzestreuen sei hier in Ergänzung des vorwöchentlichen Berichtes im „Gemeindeboten" folgendes mitgeteilt: Sechs Vereine, und zwar die „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" (Ortsgruppe Berlin), die „Agudas Jisroel" (Ortsgruppe Berlin), der „Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums", der „Verband der Sabbathfreunde", die „Vereinigung jüdischer Studenten" und der Israelitische Fortbildungsverein „Montefiore" hatten am Donnerstag das ganze konservative Judentum der Reichshauptstadt nach dem Tiergartenhof berufen, um Stellung zu nehmen gegen die liberalen Richtlinien. Ein Redner verstieg sich zu der Behauptung: „Die Liberalen stehlen uns das Wort Gottes, herunter mit der Maske des Aufaeklärtseins, ihre Schmach muß aufgedeckt werden." Beantragt waren zwei Resolutionen, die dann auch mit allen gegen etwa 12 Stimmen angenommen wurden. Die-Resolutionen lauteten: „Die von der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland angenommenen „Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum" verneinen die Grundlagen der jüdischen Religion. Sie beruhen auf grundsätzlicher Leugnung des göttlichen Ursprunges und der ewigen Verbindlichkeit des Religionsgesetzes. Sie setzen an Stelle der geofsenbarten Wahrheit das Ergebnis des schwankenden' Zeitgeistes. Sie untergraben den Bestand der jüdischen Gemeinden und befördern die Loslösung von der Glaubensgemeinschaft. Die heutige Versammlung erklärt aber, daß die Anerkennung der Richtlinien aus dem Judentum hinausführt." Die zweite Resolution lautet: „In Sachen der Richtlinien des liberalen Judentums ist von den Vorständen der jüdischen Gemeinden Berlins und Frankfurt a. M: unter dem 1. Dezember vorigen Jahres eine gemeinsame^ Erklärung abgegeben worden, die sich gegen eine von mehr als 200 Rabbinern Deutschlands übereinstimmend ausgesprochene Verurteilung dieser Richtlinien wendet. Die heutige Versammlung erklärt ihrerseits hierzu folgendes: Die Vorstände der genannten Gemeinden haben weder nach dem jüdischen Religivnsgesetze noch nach den geltenden Staatsgesetzen, noch endlich nach der persönlichen Befähigung ihrer Mitglieder die Berechtigung, an jener von mehr als 200 Rabbinern gefällten religiösen Entscheidung Kritik zu üben, oder gar den Versuch zu wagen, diese Entscheidung als unverbindlich hinzustellen. Die Versammlung spricht gegen dieses Vorgehen ihre schärfste Mißbilligung aus und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die jüdischen Gemeinden Deutschlands die Autorität der getroffenen rabbinischen Entscheidung achten und anerkennen werden." » * Die Großloge für Deutschland schreibt uns: „Die B'nai B'rith News", das Organ des Unabhängigen' Ordens „Bnei Briß" in Amerika, bringen in ihrer letzten Nummer folgende Notiz: Das Exekutivkomitee des Ordens Bnei Briß hat im Frühjahr 1912 einstimmig beschlossen, die neu gestiftete, alljährlich zu verleihende Toleranzmedaille, die demjenigen zufallen sollte, der — ob Christ oder Jude — int äbgelaufenen Jahre am werktätigsten für die Sache des Judentums eingetreten sei, dem Präsidenten W i l l d a m H. Taft zu überreichen. Die Ausführung dieses Beschlusses sollte erst nach den amerikanischen Prästdentschastswahlkämpsen erfolgen, um die genannte Auszeichnung nicht einer politischen Mißdeutung auszusetzen. Demgemäß fand die feierliche Ueberreichung der Medaille erst am 5. Januar 1913 in Washington statt. Auf die Ansprache des Ordenspräsidenten Kraus aus Chicago hielt Präsident Taft folgende Rede: Geehrter Herr Kraus! Meine Herren vom Exekutivkomitee Bnei Briß! Ich fühle mich außerordentlich geehrt und bin tief gerührt über diesen schönen Beweis der Anerkennung, die Sie meinem Wirken gezollt haben. Während meiner Amtszeit als Präsident habe ich dem amerikanischen Volke und der weiten Welt den Beweis liefern wollen,- daß wenigstens in unserem Vaterlande jeder Mann, jede Frau und jedes Kind vor dem Gesetze gleich sind und Anspruch darauf haben, jene Rechte zu genießen, die wir als unveräußerlich bezeichnen; daß in unserem Vaterlande jene Rechte nicht nur gesetzlichfortnuliert und festgelegt sind, sondern auch daß in unserem Volke ein Geist lebt, der die Grundsätze unserer Staatsverfassung widerspiegelt und zur Ausführung bringt. Was nun die jüdische Glaubensgemeinschaft betrifft, so brauche ich dieser wahrlich keine Lobrede zu halten. Hinsichtlich des berechtigten Stolzes auf eine glorreiche Vergangenheit müssen wir, die wir der jüdischen Gemeinde nicht angehören, bescheiden sein. Der Geist, die Kraft Ihres Stammes, die Geduld und Beharrlichkeit, mit der Sie Ihre Ziele verfolgt haben, um Ihre Rechte zu schützen und die Aufwärtsbewegung des jüdischen Stammes zu fördern — alles dies macht Ihre Geschichte zu einer in der ganzen Welt einzig dastehenden. Die Verfolgungen, die Sie um Ihres Glaubens willen erleiden mußten, haben in gewissem Sinne zweifellos den Charakter und die Zähigkeit Ihres Stammes höher entwickelt. Aber nur ein freies Land, wie es die Vereinigten Staaten sind, kann die Saat zur Reise bringen und sie befähigen, der weiten Welt zu beweisen, daß Ihre Glaubensgenossen eine wunderbare Fähigkeit besitzen, Gesetz und Ordnung in einem freien Gemeinwesen zu stützen, allerdings im Schutze einer Negierung, die auf der Gleichheit vor dem Gesetz beruht.