Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
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Tradition ist an die Stelle der Tora getretendas ift: der wahre Sachverhalt, der von den Gegnern mit aller Kraft dertuscht wird. Jedes Fragen nach der Wahrheit der Tora selbst muß diesen als., pervers erscheinen, als sadduzäische oder karaitjsche'Ketzerei. Gibtes doch kein einziges Tatgebot religiöszeremonieller Natur, das wahrhaft biblisch und -nicht traditionell gehalten würde; wir lviederhblen es, k ein ein z i g e s>. Die Richtlinien stellen sich gewissermaßen auf einen er-' höhten Standpunkt, von dem aus sie Tora und Tradition überschauen. Ihre Unterzeichner hatten den Blick auf den ganzen Entwicklungsgang des Judentums gerichtet, und Verweilten besonders gern bei der klassischen Epoche der Heiligen Schrift, und bei dem Jahrhundert, dem sie selber sich zugehörig. fühlem .Von beiden Epochen grundverschieden waren gerade die Zeiten des Mittelalters, der Vorherrschaft des Rabbinismus. Ein neuer Ruck nach links ist verspürt worden; wir begreifen, wenn es schmerzt. Aber das Tasten und Suchen mußte einmal zu einem vorläufigen Ergebnis führen. Dabei stützten sich die liberalen Rabbiner gewissenhaft auf die außerordentlichen Leistungen seit Mendelssohn: auf Zunz und' Steinschneider, Abr. Geiger und Philippson, Steinheim und Sam. Hirsch, Dav. Cassel und Man. Joel, Dav. Kaufmann, Lazarus und Steinthal. Und warum sollten wir nicht auch von Lebenden Männer nennen, wie Güdemann und Steckelmacher, I. Guttmann, Ziegler und Köhler. Alles, was die wissenschaftliche Erkenntnis des religiösen Lehrgehalts des Judentums in der Neuzeit wahrhaft gefördert hat, ist von liberalen Theologen geleistet worden, die für den Geist der Richtlinien mit haftbar gemacht werden müssen, sie mögen nun unterschrieben haben oder nicht. Da ist es denn kein Wunder, wenn orthodoxe Rabbiner ihre Thrönchen wackeln fühlen, und im Vollbewußtsein ihrer einstigen Alleinherrschaft die Angriffe auf ihre Autokratie mit dem Aufgebot des ganzen Heerbannes entrüstet zurückweisen. Das rabbinische Zarentum erklärt Ruhe im Innern als das höchste, religiöse Gebot, und verlangt geduldiges Zuwarten, bis es ihm gefällig sein wird, den Rebellen eine Verfassung zu geben. Diese unglückselige Politik (denn mit Religion hat das alles wenig zu tun, höchstens mit krassen Superstitionen) muß zur Einsicht gebracht werden, oder abdanken. Es handelt sich um einen Geisterkamps; wir bekämpfen hier Anschauungen, nicht ihre Vertreter, am wenigsten, wenn diese bereits im Staube ruhen. Es ist bitter empfunden worden, daß Herr Dr. Wohlgemut sich diese Reserve gegen einen verklärten Großen in Israel, Abraham Geiger, n i ch t auferlegt hat (a. a. £>., S. 36). Wir glauben, Anschauungen wie die unserer Gegner sind Nachtgespenster, die man anschreien müsse, damit sie zerflattern. Wie können' die Plagegeister der orthodoxen Theologie zur Ruhe kommen, die vielleicht die von ihnen besessenen Menschen am meisten drücken? Dadurch, daß sie ein klein bißchen Philosophie zu Hilfe.nehmen, und sich ernstlich mit den Begriffen: Zeitbewußtsein und Autorität auseinandersetzen. Zeitbewußtsein! S. R. Hirsch hat seiner Schule ein Danaergeschenk gemacht, als er die Parole ausgab: „Die Religion darf sich nicht der Zeit ynpassen, die Zeit hat sich der Religion anzupassen!" Das war nicht etwa eine Erkenntnis; es war die Forderung eines Tatmenschen, der sich so gut wie irgendein Papst (im Namen der Religion) zum Herrschen geboren fühlte. Denn was hieß das?. Sämtliche Kulturmomente irgendeiner Epoche, ihre Philosophie, Naturerkenntnis, Ethik, Sprachforschung, Astronomie usw. haben sich unterzuordnen der Religion; sowohl was den Lehrbegriff, als auch was Betätigung in Wort, Symbol und Uebung anging. Am Felsblock der Religion müssen sich die Wogen aller geistigen Bewegungen brechen; über diese mögen die Zeiten Gewalt haben, über die Religion nicht, einmal in ihren äußersten Vorwerken. Das Blut des Lebens'soll alle Vorgänge des Leibes und der Seele umspülen; nicht das Petrefakt der Religion. — Hütetes' nur sorgfältig vor der Berührung mit jedem. Luftzug; es könnte leicht in sich zusammenbrechen. Bedenkt maü deün nicht, daß auch religiöse Bewegungen irgendwelcher Art nur in . der reinen Form der Anschauung; die wir -Zeit, nenüen, sinnlich;. und wiederum begrifflich in der Grundkategorie von. Ursache und Wirkung, erkannt werden können? Oder schlichter äusgedrückt: wird nicht der Ewigkeitsgehalt der Religion erst überhaupt zu einer Wirklichkeit, wenn er in die Zeitlichkeit eintritt? Von welchem anderen Wesen, als dem zeitbedingten Menschen soll denn .Religion ergriffen werben? Und wenn unser Bewußtsein'durch neue Erkenntnisse, Gefühle und Bestrebungen zeitlich umgewandelt ist, und sich von dem früherer Zeiten merklich unterscheidet, sollen wir dann Religion mit einem erborgten, fremden Ich jener Zeiten uns aneignen, oder mit unserer ureigenen Persönlichkeit? Selbstvervollkommnung ist nach Herbart und Steinthal, und sagen wir es gleich, nach der Heiligen Schrift, das vornehmste Gebot der Sittlichkeit. Wer also heute, vier Jahrhunderte nach Kopernikus, die Erde als ruhend, und die Sonne als wandelnd ansieht, kann einer Sünde geziehen werden. Wer aber die religiösen Faktoren des Judentums mit den Augen mittelalterlicher Traditionen ansieht, verdiente das höchste Lob? Wir halten es sogar für eine-religiöse Pflicht und ein hohes Verdienst, Religion mit dem Zeitbewußtsein zu verschmelzen. Einen schlechten Begriff von der Macht der Religion müssen diejenigen besitzen, die ihre Niederlage voraussetzen, sobald sie den Ringkampf mit anderen Mächten aufzunehmen habe. Darüber denkt der Liberalismus ganz anders. Das Gerede vom Anpassen ist ein leeres und oberflächliches. Es handelt sich darum, Religion als überragende, überall mitschwingende, zielesetzende Macht ins Zeitbewußtsein einzuführen; wem das gelingt, der hat mehr getan, als wer ein ganzes Museum von Petrefakten hütet, denen eine unwissende Menge eine wähl- und gedankenlose Reverenz erweist. Religion soll nimmermehr zur Magd erniedrigt, oder durch modefarbenen und salonfähigen Aufputz zur Lächerlichkeit gemacht werden. Aber auch die Wissenschaften sollen nicht zu Mägden werden, die ihre Instruktionen von religiösen Traditionen zu empfangen hätten. Das ist der Kern der Sache. Bei solchem Sachverhalt wird sich die Religion gerade in Zeiten lebhafter geistiger Bewegungen einem Umschmelzungsprozeß gern unterwerfen, aus dem sie aber wie ein glänzender Goldpokal hervorgehen wird. Man sollte den liberalen Theologen danken, wenn sie nach ihrer Kraft zu dieser Arbeit beisteuern, und.alle Juden zur Mitarbeit aufrusen. Sie setzten voraus, daß alle ihre Ansichten längst Gemeingut der meisten deutschen Juden geworden seien, und hielten es für an der Zeit, das ins klare, denkende Bewußtsein zu heben, was unklarverschwommen, gefühlsmäßig-instinktiv in Vieltausend Seelen ruhte. Das ist der Sinn der Richtlinien. Manch einer würde uns nun leichter folgen, erhübe sich nicht als letzter schwerer Anstoß riesengroß vor ihm der Begriff: Autorität! Ja, was wollt ihr an die Stelle der bisherigen setzen; ihr^ hebt.ja den gefährlichsten Feind der Religion, den Subjektivismus/ auf den Schild. Nach allem Vorangegangenen (hoffentlich war es dem geduldigen Leser nicht gar zu viel) denken wir uns jetzt schneller verständigen zu können. Autorität ist ein Korrelatbegriffüer Legalität; es war aber gerade der Begriff der Legalität, den wir aus dem Mittelpunkt des Judentums zu entfernen unternahmen. Es gibt eine äußerliche Autorität, die an uns herantritt und uys zur Anerkennung zwingt; und eine innerliche, die zugleich über uns und doch auch in uns waltet, und die wir freudigen Gehorsams anerkennen; zur letzteren bekennen