Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-21 · Heft 8 (21.2.1913) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229078--69214-3281504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

77. Jahrgang Nr. 8 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Berlin, 21. Februar 1913 ve-riin-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Räts Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Nuäolk Mosse, verlin» Jerusalemer Strasse 4S/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pfeis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 324. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Verlin. Zur Würdigung der »Richtlinien". Von Theologus. — yUlJUU« Die Woche. - Adolf Ehrlich f. Von Albert Kap. - Qberlandesgerichtsrat Dr. Alfred Cohen-f. — Bericht der Delegierten des Hilssvereins der deutschen Juden über die Zeit vom 19. Januar bis 29. Januar 1913. — Feuilleton: Das Kind. Von dl. V. S. — Fürdeutsche Juden. Don dl. V. 8. — Büchereinlauf. — Literarische Mitteilungen — Sprechsaal. Ter Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"j. Berlin, Tilsit, Bromberg, Hohensalza, Posen, Cosel, Stralsund, Elberfeld, Heidelberg, Mannheim, Wien, Petersburg, New Pork. — Von Rah und Fern. Lur Würdigung der „Mchtlmirn" Von Theologus. IV. ier stehen wir nun an dem Wendepunkte, >der für Zustimmung oder Ablehnung der Richtlinien maßgebend ist. Lehnen wir die Voraussetzungen ab, von denen die Sätze V und VI ausgehen, dann sind sowohl die schwerwiegenden, theoretischen Ergebnisse (Sätze VII und VIII) als auch die praktischen Nutzanwendungen ohne rechtes Fundament. Hier muß es sich entscheiden. Bei der Fassung «der programmatischen Sätze treten die Prämissen von V und VI als Behauptungen auf, die eines Beweises gar nicht mehr bedürfen. Wie verhält sich's damit in Wirklichkeit? Ist es richtig, daß „viele überlieferte Vorstellungen, Einrichtungen und Bräuche aus dem Bewußtsein und aus dem Leben g e - schtvunden sind, und daß sie somit ihren Inhalt und ihre Bedeutung verloren haben?" Die Gegner werden bei einzelnen eklatanten Beispielen die Tatsache widerwillig zugeben; aber sie werden sagen: diese Tatsache gibt es, wie es das Böse gibt, die Sünde, das Widergöttliche. Sie hat nur den Schein des Daseins, sie ist nur die Abwesenheit des Rechtmäßigen, Gesetzlichen, Göttlichen. Alle Kraft müsse ausgeboten werden, damit diesem Zustande ein Ende bereitet werde; sämtliche Faktoren einer positiven Osfenbarungsreligion treten so vollkommen aus dem gesetzmäßigen Zusammenhänge geistiger Phänomene heraus, wie die biblischen Wunder aus dem gesetzmäßigen Naturzusammenhange. Und wenn manche jener Faktoren als Fremdkörper im Denken, Fühlen und Wollen heutiger Menschen gedacht lmd empfunden werden, sie sind doch göttlich, also w i e G o t t selbst unabänderlich. Sie müssen als absolut konstant nach Gehalt und Ausprägung wenigstens — angenommen werden! Die Orthodoxie weiß ganz genau, daß sie mit solchen Behauptungen bald bankerott wäre, wenn sie sich nicht aus einen mystischen Hilfsbegriff stützen würde; Die Tradition. Wir zeigten im vorigen Abschnitte, in welchem Sinne Mosaismus und Prophetie für den Liberalismus ihre hohe Bedeutung behielten, jetzt bekennen wir gern, daß wir die unermeßliche Fülle der traditionellen Bibelauslegungen, Erklärungen, Systematisierungen, Erinnerungen, Vorstellungen und Hoffnungen aus das höchste schätzen. Ja, wir halten sie für die Erkenntnis urjüdischer Ideen und Erscheinungsformen für unentbehrlich, und schätzen als ganz besonders lehrreich die Geschichte der Tradition. Wie aber, wenn Tradition zum dogmatischen Begriffe gemacht werden soll, wie es auf der Gegenseite geschieht? Den entschiedensten Einspruch erheben wir gegen eine göttlich inspirierte Tradition, die nicht mehr die religiösen Intelligenzen unserer Meister, sondern Gott selbst zum Tradenten seiner gesetzgeberischen Absichten und Ausführungsbestimmungen machen möchte! Bedächten die Hüter der Tradition, daß sie mit der Behauptung göttlicher Ueberlieferung, die unter tausend Möglichkeiten eben nur zu e i n e m, statutarisch-unabänderlichen Resultate kommen durfte, zugleich die Göttlichkeit der Tora gefährdeten, sie würden vorsichtiger sein. Das Menschlich-Allzumenschliche der Rabbinen könnte Zeugnis ablegen gegen so manche biblischen Instanzen. Aber die Orthodoxie ist gebunden; sie braucht die göttliche Tradition, weil sie den gefährlichen Begriff der geschichtlichen Entwicklung ausschalten oder dogmatisch umbiegen muß. So wird Tradition allmählich zum Gegensatz, ja zur Feindin ver Geschichte. Tradition beruht auf äußerlicher Autorität, führt Beglaubigtes neben völlig Ungewissem, Wahres und Falsches, Historisches und Legendäres mit sich; bewegt sich manchmal lange in Irrwegen und Abwegen; sie wird mit dem Glauben erfaßt. Geschichte sucht wahre, wirkliche Zusammenhänge zu begreifen, scheidet, richtet und wählt, und zeigt dadurch die Anknüpfungspunkte für die Zukunft auf. Tradition gräbt ein ausgedehntes Netz von Kanälen, die sich alle von den Quellen entfernen, und zuletzt kaum einen ungetrübten Tropfen mit sich führen; Geschichte führt zu den Ursprüngen zurück, räumt die Verschüttungen fort, läßt reines Wasser aus den Tiefen emporschnellen. Tradition muß im Sande enden; Geschichte eröffnet überall neue Bahnen. Blicken wir doch einmal auf die Stellung, die uns die Tradition zur Heiligen Schrift anweist, und aus die, welche wir vermöge der Geschichte zu dieser einnehmen! Wer mit der Rüstung der Tradition angetan, uns die biblische Wahrheit nahebringen will, muß elend an dieser Aufgabe scheitern. Er erblickt unzählige Stellen der Bibel in einem ähnlichen Zerrbilde, wie sein geliebtes Konterfei in den bekannten. Hohlspiegeln in Eastans Panoptikum. Er versuche doch einmal, ohne die Krücke der Tradition, zum Verständnis z. B. des Satzes lo tewaschel gdi bachaleb immau zu gelangen; er wird sich dessen weigern, und er /weiß auch, warum. . :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.