Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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weist viel harmonische Erfindung auf, doch die Frage ist naheliegend, weshalb wird dieser lichte, strahlende Text mit dem schwermütigen Moll umkleidet? Unsere gottesdienstliche Liturgie beherrscht schon ohnehin so viel klagende Ghettostimmung, daß wir die wenigen Jubel- Psalmen nicht auch noch durch eine musikalische Mollillustration verdüstern wollen. Viel eindrucksvoller stellte sich uns der darauf folgende „Adaunoj moloch" dar, der den Ton der scheuen Ehrfurcht zutreffend wiedergab, mit dem von der Erhabenheit und Größe Gottes gesungen wird. Die Ausdrucksform wird hier ganz vortrefflich' durch die einleitenden Unisonosätze angedeutet, die sich dann zur vierstimmigen Harmonie verdichten. „Adaunoj s'choronu", von Kellermann nach einer kurzen Weise komponiert, deutet auf den unverfälschten jüdischen Stil hin. Hier zeigte der Komponist, daß ihm die Weise der alten „Chasanim" und „Meschorrerim" nicht fremd ist. Das Amt des Vorsängers hatte hier — eine Dame übernommen: Fräulein Brün n. Sie besitzt eine schöne Altstimme, von jenem warmen Wohllaut, der diese Art von Stimmen so sehr sympathisch gestaltet, ihre Auffassung der ihr zugewiesenen Solis zeugte auch von durchaus vornehmer Künstlerschaft. Doch die kritische Sachlichkeit bedingt auszusprechen, daß für die der Dame zugewiesenen Solis der Vorsänger mit seiner männlichen Stimme und der nun einmal typisch eigenen Ausdrucksform hätte verwandt werden müssen. Dies zeigte sich sowohl bei dem „Adaunoj sichoronu" wie auch bei dem gemütvollen „Schir hamaalaus", dessen Wiedergabe uns eine rechte Herzensfreude bereitete. Die Kenntnis der' sephardischen Tempetmüsik, die durch die hervorragenden Vertreter derselben, Bauer und L ö w i t in Wien, eine musikalische Basis erhielten, wurde uns durch' ein „L'cho daudi" vermittelt. Dieser Musik, die auch eine gewisse jüdische Tradition für sich in Anspruch nimmt, könnte man ebensogut einen Korantext unterlegen und sie in irgendeiner Moschee zur Aufführung bringen. Starke Beifallskundgebungen löste eine französische Komposition von M. D o m e r g u c ans, der der „Waheji binsoa"-Text unterlegt war. Dieses auf den Effekt berechnete Werk, dessen Wirkung durch die originelle Zusammenstellung von Orgel, Harfe und Trompete sich noch erhöht, wurde von Herrn Kantor Klei n und dem Chor mit so viel dramatischer Verve gesungen, daß eine Wiederholung erfolgen mußte. „Schir hamaalaus" und „Joh ribbaun aulom", zwei Kompositionen von sattem Melovienreichtum, beschlossen das Programm. Fleißig ward an dessen Ausarbeitung gearbeitet, und dem unermüdlichen Leiter Herrn Kellermann gebührt alle Anerkennung für seine ideale Wirksamkeit. C,. Berlin, 11. Februar. Die Mitglieder des „Vereins der Bechorim" (Erstgeborenen) versammelten sich am 1. d. M. abends 8 Uhr im Restaurant „Mcraner Hof", Königstraße 34/36, um vielfachen Wünschen zu genügen, zu einem gemütlichen, zwanglosen Beisammensein. Der Hauptkantvr der jüdischen Gemeinde Herr Königlicher Musikdirektor A. Friedman n hat die Anwesenden durch einige schöne Gesangsvorträge erfreut. Unter anderem trug er ein von ihm, nach einem von dem Vorstandsmitgliede Nathan Cohn verfaßten Text komponiertes Lied „Der Erstgeborene" vor, das mit vielem Beifall aufgenommen wurde: Der feit etwa fünfzig Jahren hier bestehende Verein bezweckt in erster Reihe am Rüsttage des Pessachfestes für seine Mitglieder in althergebrachter Weise eine würdige Sijumseier zu veranstalten; aus den Ueberschüssen der Einnahmen aber werden Bedürftigen Spenden zum Feste gewährt. Um den Nute r st ü tzungszweck, den der Verein neben seinem Hauptziel verfolgt, weiter ausgestalten zu können, wäre es erwünscht, wenn dem Verein viele neue Mitglieder zugeführt würden. Meldungen nehmen die Vorstandsmitglieder: Samuel Cohn, Lützow-llfer 13, Gustav Ehrlich', Claudiusstraße 6, Nathan Cohn, Charlottenburg, Mvmmsenstraße 17, gern entgegen. Mindestbeitrag 3 Mark jährlich. y. Berlin, 11. Februar. Wie wir erfahren, hatten der Vorsitzende des „Verbandes der jüdischen Jugendvereine", Herr Dr. AP f e l, und die Geschäftsführerin des Verbandes vor kurzem eine U n t e r r e d u n g im P r e u ß i s ch e n Kultus m i n i st e r i u m, in der über die Teilnahme der dem Verband angeschlosscnen jüdischen Jugendvereine an den st a a t l i ch e n Jugendpflegeausschüssen gesprochen wurde. Als Ergebnis der Unterredung darf die nunmehr vom Verbandsvorstand erfolgte Aufforderung betrachtet werden, daß sich sämtliche Vereine des Verbandes unverzüglich den an ihrem Orte bestehenden staatlichen Jugendpflegeansschüssen angliedern möchten. Unter besonderer Anerkennung ihrer Verdienste aus dem Gebiete der Jugendpflege haben übrigens ans den st a a t l i ch e n Mitteln der Jüdische Jngendverein „Gabriel Rießer" in Köln 200 Mark und der Jugendverein Montesiore in Frankfurt a. M. 60 Mark erhalten. 22 Berlin, 11. Februar. Der Verein für Arbeitsnachweis' (begründet von den Berliner Logen, Mvnbijonplatz 10) schreibt uns: Im Berichtsmonat I a n u a r konnten von 358 Bewerbern, die neu in die Register unseres Vereins eingetragen wurden, 278 (darunter 20 mit Sabbatheiligung) in Stellung gebracht werden. Der Verein unterhält bekanntlich neben seiner Abteilung für Stellenvermittlung auch eine S ch r e i b st u b e, in der vorübergehend stellungslose Bewerber mit Ausschreiben von Adressen mit Hand und Maschine, Abschriften, Vervielfältigungen, Frankieren und Verpacken von Reklamen beschäftigt werden. Da die Preise für geleistete Arbeit sehr mäßig gestellt sind und überdies den stellungslosen Arbeitskräften in voller Höhe zugute kommen, wäre es wünschenswert, wenn diese Abteilung von den interessierten Kreisen noch lebhafter in Anspruch genommen würde. CV/) Berlin, 11. Februar. Der Jüdische Frauenbund, der die organisierte jüdische Frauenbewegung Deutschlands repräsentiert, hielt am 26. und 27. Januar 1913 in Berlin seine Vorstaudssitzung ab, die sich vornehmlich mit der Festsetzung des Programms für die am 18. bis 20. März in Leipzig stattsiudende Delegierten- und Mitgliederversammlung beschäftigte. Folgende Referate wurden in Aussicht genommen: Fräulein Bertha Pappenheim- Franksurt a. M. „Aus unserem Programm", Frau Anna Neu-, m (iiin Leipzig „Die jüdischen Wohlsahrtseinrichtungen Leipzigs", Fräulein Sidonie Werner-Hamburg „Zur Schächtsrage", Frau Jsabella Heim-Nürnberg „Zur Bahnhofshilse", Frau Heuny L e v y - Frankfurt a. M. „Zur Wohnungspflege". Ferner Berichte über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, über das yeranszngebende Frauenbuch usw. An den beiden Abenden der Tagung findet am ersten ein großer öffentlicher Vortrag von Frau Paula O l l e n d o r f f - Breslau statt über „Jüdische soziale Hilfsarbeit" und am Zweiten ein Jugendabend, an dem Fräulein Pappenheim, Fräulein Werner, Fräulein Neumüller, Frau Krämer sprechen werden. Die Herausgabe eines Flugblattes wurde beschlossen, um die ungerechtfertigten und unwissenschaftlichen Angriffe eines Münchener Stimmrechtsvereins gegen das Schächten Zurückzuweisen, da auch von dort das Erscheinen einer Broschüre angekündigt wird, die das Schächten als tierquälerisch schildern und allen jüdischen Frauen zugestellt werden soll. Bei dieser Gelegenheit wurde konstatiert, daß der deutsche Verband für Frauenstimmrecht diesen Angriffen, die einzig und allein von München ausgehen, vollkommen fernsteht. Bei den Berichten der verschiedenen Kommissionen wurde von der Jugendkommission ' betont, daß auf den Anschluß der jüdischen Jugendvereine an den Bund deutscher Fraucnvereine der größte Wert gelegt wird. y. Berlin, 11. Februar. Nicht weniger als sechs orthodoxe Vereine hatten am vergangenen Donnerstag das ganze sogenannte konservative Judentum der Neichshauptstadt nach dem Tiergartenhof berufen, um gegeu die liberalen Richtlinien Stellung zu nehmen, und cs mochten gegeu 600 Personen dem Ruse gefolgt sein, denn der Saal war dicht besetzt. Als Hauptredner war Herr Rabbiner Dr. V a m - berger-Hanau erschienen, der die Richtlinien sehr eingehend kritisierte und die Hauptgesahr darin erblickte, daß ihre Lehren auch in jenen Kreisen propagiert würden, die dem konservativen Judentume zugehörten, insbesondere bei der Jugend. Nach ihm sprach Herr Dr. C a r l eb a ch, der in eingehendem Vortrage die objektiven und subjektiven Gründe, die für die Richtlinienpolitik (?) angeführt loürden, eingehend widerlegte. Herr Zahnarzt E h r m a n u - Werden glaubte, daß die NichtIiitien-Rabbiner Offiziere ohne Soldaten seien (?) Herr M. A. L o eb wandte sich gegen die Erklärung der Gemeinden, er erblickte darin eine Parteinahme. Es war interessant, zu sehen, daß man den Redner häufig unterbrach und ihn kauin zu Ende reden lassen wollte. Für die Liberalen trat Herr Margonitzki ein und für- Toleranz Herr Dr. Ehrlich. Beantragt waren zwei Resolutionen, die dann auch mit allen gegen etwa zwölf Stimmen angenommen wurden. 2XD Berlin, 11. Februar. Vom Jüdischen Frauenbund erhalten wir folgende Zuschrift: Nach dem Erscheinen des Buches der ehemaligen Polizeiassistentin Schwester Henriette Arendt „Kleine weiße Sklaven" sind wir von verschiedensten, anch von christlicher Seite, aus die darin erwähnten Fülle jüdischer Kinder hingewiesen worden, für die angeblich von keiner jüdischen Institution Hilfe zu erlangen gewesen wäre. Ebenfalls wurden wir daraus aufmerksam gemacht.