Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229077--69207-3281496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

77. Jahrgang Nr. 7 ^WZWWNWNWWMNWU Der Gemeindebote. Berlin, 14. Februar 1913 Beilage zur „Allgemeinen Leitung de^S Judentums". Oorrrlpondrnrrn und Mackrichtrn Deutschland. L/D Berlin, 11. Februar. Die An l a g ec t n e § j üd i sch en Zentr alsriedHofes in der Nähe der Döberitzer Heerstraße bei Spandau ist wiederholt in der Oesfentlichkeit erörtert worden. Von Spandau wurde bisher der stärkste Einspruch gegen die Anlage erhoben. Das in Frage kommende Gelände ist dreißig Hektar groß und liegt zu drei Vierteln auf Gatower, zu einem Viertel auf Spandauer Gebiet. Die Interessenten haben jetzt, wie das „Berliner Tageblatt" erfährt, neue Verhandlungen mit dem Spandauer Magistrat angeknüpft, insbesondere handelt es sich um die Fortführung der Straßenbahn bom Spandauer Güterbahnhof, wo die Leichen eintresfen würden, bis nach Gatow, also durch die Spandauer Wilhelmstadt. Es fanden bereits durch Vertreter der Stadt, des Kreises Osthavelland und der interessierten Personen Besichtigungen statt, denen sich Verhandlungen im Spandauer Rathaus anschlossen. Die jüdische Gemeinde soll die Zinsgarantie für die Straßenbahn, was ungefähr eine halbe Million nusmachen würde, übernehmen. Die Bahn soll tagsüber dem Personen-, nachts dem Leichenverkehr dienen. A. F. Berlin, 11. Februar. In der Lehranstalt f ü r d i e Wissenschaft des Judentums sprach am Mo ntag den. 3. Februar Herr Rabbiner Dr. Jacob- Dortmund über „Das Gesetz Moses". Der Redner erwähnte einleitend, daß er weder eine systematische Darstellung noch einen Vergleich mit anderen Gesetzen geben wolle, sondern einiges über Form und Geist der Thora, die das Grundbuch der gesamten jüdischen Wissenschaft bildet, sagen möchte. „Der Form nach ist der Pentateuch ein Geschichts- und Gesetzbuch. Die Bezeichnung „Gesetz" ist, seiner Meinung nach, zutreffend, denn der Pentateuch ist weder ein weltliches Rechtsbuch, noch enthält er bloße kirchliche Satzungen, sondern er ist eine das ganze Leben umfassende Lehre. Entgegen der bibelkritischen Anschauung, wonach verschiedene Teile des Pentateuch sich durch Tendenz, Zeit durchaus unterscheiden und daher aus mehrere Verfasser schließen lassen, hält der Redner die Einheitlichkeit als einen wesentlichen Zug der Thora. Wohl habe diese auch eine Entwicklung durchgemacht, jedoch seien alle Teile aus einein Geiste hervorgegangen. Dies ergebe sich auch aus der Vorstellung der Offenbarung. Als göttliches Gebot seinem Wesen und Geiste nach besitze es unbedingte Autorität und verbindliche Kraft. Dennoch kann von einer absoluten Starrheit nicht die Rede sein. Plato habe den Ausspruch getan, daß gewisse Laster nur dann beseitigt werden könnten, wenn es gelingen würde, die betreffenden Verbote als göttlich hinzustellen. Durch die Offenbarung treten die sittlichen Forderungen als göttliche Gesetze dem Menschen entgegen. Der Ofsenbarungscharakter der Schrift gehe auch aus der Energie der konkreten Forderungen hervor. Wäre das Gesetz bloß eine Kodifikation der Volkssitte, so wäre auch der sich so oft wiederholende Abfall vom Gesetz kaum zu begreifen. Ein ferneres Merkmal der Thora ist die heilige Sprache, in der besonders die Wucht der gebieterischen Form scharf zum Ausdruck komme. Die kasuistische Fassung der Gesetze entsprach dem antiken Bedürfnis nach Anschaulichkeit. Das jüdische Gesetz ist die Vereinigung von Moral, Recht und Sitte, dasjenige Hammurabis war ein rein weltliches Gesetz. Diese Vereinigung sei eine Konsequenz des jüdischen Gottesglaubens. Zweck und Grund der Gesetze dürfen nicht in ihnen selbst, sondern in der Erziehung zur Gottesfurcht gesucht werden." Der Vortrag, der eine Fülle von Gedanken und Anregungen enthielt, wurde mit reichem Beifall belohnt. A. F. Berlin, 11. Februar. Im Verein für j ü d i sch e Geschichte und L i t e r a t u r. sprach am 6. d. M. Herr Syndikus Dr. Wittenberg-Hamburg über „Die Juden in Argentinien". Der Redner gab zunächst einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung der Kolonisation in Argentinien. Die eigentliche Besiedlung durch Juden hat erst vor etwa zwanzig Jahren begonnen. Ueber die Zahl der jüdischen Bevölkerung lassen sich auch heute nur Mutmaßungen, anstellen; denn infolge der ungeheuren Flächenausdehnung des Landes ist kein verläßliches statistisches Material vorhanden. Man nimmt an, daß in ganz Argentinien etwa 80 000 Inden wohnen, und zwar 40 000 in Buenos Aires, 20 000 in den Baron- Hirsch-Kolonien und 20 000' Freikolonisten. Der Boden des Landes sei überaus fruchtbar, und die sehr reichen Ernten entschädigen den Landmann für gewisse Nachteile des Klimas, wie die Heuschreckenplagen. Die Lage der Kolonisten in den Kolonien der Jca sei nicht sehr vorteilhaft. (?) Zwar haben es diese Einwanderer verstanden, sich bald dem neuen Berufe anzupassen, und geben sich mit Liebe, Fleiß und Erfolg der Agrikultur hin. Allein sie müssen einen Teil des Ertrages amortisieren und können daher im günstigsten Falle erst nach 25 Jahren Eigentümer des Bodens werden. Es trete der Umstand hinzu, daß die von der „Jca" eingesetzten Administratoren ihre Macht dazu mißbrauchen (?), um die Arbeiter wie Sklaven zu behandeln. (Gegen diese ungeheuerliche Behauptung müssen wrr nach den uns von unbedingt zuverlässiger Seite zuteil geword-eueu Informationen uns das allerentschiedenste protestieren. -D. Ried.) Es sei daher nicht selten der Fall, daß jüdische Kolonisten die„Jca"- Kolonien verlassen, um von einem Großgrundbesitzer Land zu pachten. Auf dem Gebiete des Kultus und der Organisation wäre da noch viel zu leisten. Leider sei die Zuwanderung, die von der Regierung selbst Unterstützung finde, nicht so groß, wie es die Verhältnisse zulassen. Dies beruhe darauf, daß man in Europa über Argentinien schlecht orientiert sei. Die politische Stellung der Juden ist durchaus günstig; sie genießen die volle Gleichberechtigung, da die Regierung keine Staatskirche anerkenne. . Der Redner führte am Schlüsse interessante Lichtbilder vor, die das Leben und Treiben der jüdischen Kolonisten illustrierten und die Aufmerksamkeit der Anwesenden fesselten. Aus den auswärtigen Vereinen: In Hohensalza sprachen Rabbiner Dr. H a l p e r s o h n - Briefen über „Arbeit und Arbeiter im Judentum", Dr. Cohn-Wiener-Berlin über „Das Judentum in der Kunst"; in Marburg sprach Rabbiner Dr. L. A. R o s e n t h a l - Berlin über '„Die Ausgrabungen von Elesantine", derselbe in Lippstadt über „Eine altjüdische Militärkolonie in Aegypten"; in Frankfurt a. M. Dr. Immanuel Löw-Szegedin über „Aramäische Pslanzennamen"; tri Harburg Albert Katz - Berlin über „Die Ethik des Talmud", in Preuzlau über Lord Byrons hebräische Melodien; .irr Haigerloch Herr Aron Schwab über „Die Gegenwart der deutschen Juden"'. Da-n. Berlin, 11. Februar. Innerhalb des stark pulsierenden Musiklebens der Reichshauptstadt haben die Konzerte des V e r e i n s z u r Pf l e g e h e b r ä I s ch >e r M u s i k sich eine gewisse Beben tun,g zu verschaffen gewußt. Am 3. Februar trat der Verein wiederum mit einem reichhaltigen Programm in dem Blüthnersaal vor die Oesfentlichkeit. Mit dem großzügig angelegten Jiqdal-Chor Lewandowikis leitete das Konzert feierlich ein. Wie ein Johann Sebastian Bach zu seiner Zeit und für seinen gottesdienstlichen Kult Unsterbliches schuf, also kann das Judentum mit Stolz auf den Berliner Chormeister Hinweisen, der mit seiner Liturgie ein Fundamentalwerk.geschaffen, das den jüdischmusikalischen Gottesdienst zu künstlerisch-ästhetischer Einheit geformt hat. Sein Nachfolger Albert K e l l e r m a n n , der sich verdienstvoll um die Leitung des Vereins bemüht, hat mit einigen Bearbeitungen für Violine und Orgel Zeugnis des feinsinnigen Musikers abgelegte Die Melodie des „W'ho gen baadenu" von dem einst so berühmten Chasan W a s s e r z u g, noch mehr unter dem Namen Chajim Wilnaer bekannt, lebte wieder in moderner Gewandung ans und wurde von Louis van Laar mit ausgezeichneter Technik wiedergegeben, ebenso wie die übrigen Piecen, die der Charakteristik nicht entbehrten. „W'schomru und Waj'chullu" Bachmanns atmen den Geist jener Sphäre, der der Komponist entstannnt. Diese. Werke sind vermutlich noch in Odessa entstanden, wo Bachmann als Kantor fungiert und . das Elend der dortigen Juden mit eigenen Augen gesehen hat. Das ist die charakteristisch klagende Weise aus dem Ghetto, die durchweht ist vom Sabbatfrieden. Fleißig hat der Chor seinen Studien obgelegen, um den schwierigen Stil in der Wiedergabe zu beherrschen. „W'seeraw", vom Oberkantor Klein mit innigem Empfinden und schönem Ton zum Vortrag gebracht, zeigte uns den Geistestitaneu Sulzer in jener traditionellen Art, die in seinen Werken nur spärlich vertreten ist. Der nun folgende „Tauw l'haudaus". von Kellermann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.