Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Lokalanzeigers" stammt, das; Flamellus Schriften für die Juden geschrieben und wohl auch ediert habe, wird in Abrede gestellt. Vielleicht kann einer unserer gelehrten Mitarbeiter über diese angeblich oder wirklich geschriebenen Philosemitischen Schriften etwas Näheres eruieren. Gedruckt scheinen sie jedenfalls nicht zu sein; weder Hain in seinem R ep er t or iu in ty pographi cum noch Moritz Steinschneider in» seinem großen Katalog der Vodlejanischen Bibliothek wissen etwas darüber zu melden. Es wäre aber immerhin denkbar, daß, wenn die Schriften überhaupt geschrieben worden sind, sich in einer französischen Bibliothek eine Handschrift fände. Freilich würde es ja eine Ironie des.Schicksals sein, daß ein Mann, der sich nach einigen, freilich nicht unverwerslichen Zeugnissen mit Judengütern bereicherte, zugleich literarisch zu ihren Gunsten aufgetreten ist, aber schließlich, wie Antisemiten, so sind auch manche Philosemiten recht komplexe Geschöpfe. ' L. G. ■& — Ein Jude z u r Stiftung eines Kreuzes verurteilt. In Treviso ging cs den Juden vielleicht noch schlechter als in anderen Städten Italiens. Im Jahre 1400 nuirden sie alle vertrieben, im Laufe der Jahrhunderte aber nüederum, freilich unter drückenden Bedingungen, geduldet, ja einmal förmlich zurückgerufen, weil sich die Bürger in gar zu arger Geldnot befanden. 1475 wurde zwar den Priestern streng verboten, gegen die Juden in ihren Predigten auszutreten, trotzdem kam es zu heftigen Anklagen und zu strenger Bestrafung. In einem kleinen Orte des trevisianischen Gebietes wurden 1480 drei Juden, und zwar Servadia, Jakob von Köln und Mose, verbrannt, weil sie beschuldigt und angeblich überführt waren, einen siebenjährigen Knaben getötet zu haben. Endlich 1508, nach der Errichtung eines Leihhauses, wurden sie endgültig aus der Stadt verwiesen, wofür ein Chronist öffentlich dem Dogen dankte. In dieser Stadt Treviso wurde einmal ein Jude dazu verurteilt, ein Kreuz in der Kirche des Heiligen Franziskus zu stiften. Dies geschah den: Juden Lupus, „Rospes Judäorum, so heißt es in der betreffenden Urkunde vorn 13. -September 1453. Er wurde dazu., anigehalten, weil er „häufiger zur Verachtung Christi und des christlichen Glaubens gestattet habe, daß Christen Freitag in seinem Hause und cur seinem Tische Fleisch aßen." Also ist zu lesen bei A. Serena, La Cultura liumanistica a Treviso nel secolo XV. in dem Miscellanea di storia veneta, Ser. RI, Tom. 3, Venedig 1912, S. 24, Vlitiii. 1. L. G. — G. E. Lichteuberg schreibt am 4. September 1783: „Von Herrn Professor Büttner (Natur-, Sprachforscher und Philosoph) höre ich, daß ihm in Weimar außerordentliche Ehre widerfährt und daß er noch ungewiß ist, wie bald er wiederkommen wird. (Er kehrte überhaupt nicht nach Göttingen zurück, sondern blieb in Jena). Da er einen sehr guten Appetit hat, hier aber meistens Kartoffeln und wohlfeiles Obst genießt und höchstens eine Gans, die in der Judenschaft zurechtgemacht wird, wo die Köchin die Bratpfanne mit solcher Ruhe aus der Gosse spült, als wäre es der Jordan oder der Bach Kidron, so wird er sich am Hofe gewiß brav mästen." Veröffentlicht von Leitzmann in der Zeitschrift für Bücherfreunde 1912. Heft 5/6. Seite 173. L. G. In den „Mitteilungen für die Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raubes" findet sich ein Aufsatz „Aus Wilhelm Raabes Werkstatt". Der Entwurf zum „Hungerpastor". Von Wilhelm Brandes. Er ist auch für uus sehr interessant, weil in dem Entwurf teils die wirklich ausgeführten, teils die geplanten Darlegungen des im „Hungerpastor" geschilderten Juden sich zeigen. Die für uns wichtigen Stellen lauten so: h Teil, Kapitel 3, 4, 6: „Der Hunger nach Freundschaft. Schilderung verschiedener Kinder der Nachbarschaft. Der Judenjunge. Der Vater des Judenjungen (weitgereist). Der Lehrer der Armenschule. Verhältnis des Judenjungen und des Hungerpastors bis zum Eintritt in das Gymnasium. Wie jeder seine Luftschlösser baut. Der Hunger nach Wissen. Die vornehme Welt (wieder gestrichen). Der Tod des alten Juden am Tage vor dem Abgang der beiden Jünglinge zur Universität. Der Reichtum des Juden, letzte Rede des Sterbenden: Vorwärts — lerne." Kapitel 2, 5, 7: „Der Christ Hauslehrers. Der Jude Literat. Neue Charaktere. Der Ruhm des Juden. Die junge Dame verlangt ihn zu sehen. Der Kandidat führt ihn I Der Jude tritt zum Christentum über. Später großer Mann im Staat. ein in Vas Haus. Die politischen Verfolgungen. Der Helfer andern. Das Klopfen an der Tür. Der Jude. Tod desselben." Die merkwürdigste Notiz ist wohl aber die, die von dem Verfasser W. Brandes in einer Amnerkung untergebracht ist. Er sagt nämlich folgendes: „Wie Heinrich Spiero mir brieflich mitteilte, hat der Dichter ihm einmal aus die Frage, wer ihm bei der Charakteristik und Entwicklung Moses Freudensteius vorgeschwebt habe, geantwortet, „er habe etwa an Joel Jacobi gedacht". (Geb. um 1811 in Königsberg, schon als Jüngling in Berlin belletristisch tätig, 1832 aus Leipzig ausgewiesen, 1835 in Dresden zum Katholizismus übergetreten und fortan als Karl Franz Joel Jacobi ein ebenso reaktionärer Literat, wie er vorher ganz im liberalen Sinne geschrieben hatte)." Man weiß, daß Joel Jacobi, der ehemals Lieder unter dem Titel „Klagen eines Juden" geschrieben hatte, sich später seines Ursprunges nicht mehr erinnerte, ja geradezu im antisemitischen Fahrwasser sich bewegte. Es ist sehrinteressant zu vernehnren, daß dieser Joel Jacobi, der von manchen christlichen Schriftstellern aufs Korn genommen wurde, zum.Beispiel, wenn ich nicht irre, von Jmmermann und Karl Gutzkow, auch von W. Raube zur Zielscheibe des Spottes gemacht wurde. L. G. # — Di e „Briese d e r D o r o t h e a S ch l e g e l an Friedrich S ch l c i e r m a ch e r", Berlin 1913, Literatur-Archiv-Gesellschnft, die in anderem Zusammenhänge gewürdigt werden sollen, enthalten zwei merkwürdige Stellen, die hier hervorgehoben werden mögen. Am 9. Juni 1800 scheibt Dorothea: „Sagen Sie doch der Herz: die Sander hatt hier brilliante Fortune gemacht, besonders bey Goethe; auch R i ch t e r und W v I t m a n haben ihr die Cour gemacht. Dafür hat sie aber auch' hier in Gesellschaft brav auf die Berliner Jüdinnen geschimpft. Dies ist aber, wie ich gehört habe, ziemlich kaltsinnig ausgenommen worden; auf jeden Fall ist es aber sehr maliziöse von der Dame, so viel ich weiß, hatte sie niemals in Berlin bessere Gesellschaft als die Jüdinnen. Wenn die Herz sie sieht, so sollte sie doch sehen, daß sie mit ihr auf die alte Unger zu sprechen kommt und mit gehöriger Verachtung von deren Schimpfen auf die Jüdinnen etwas sagen." Die beiden hier angeführten Frauen sind bekannte Berliner- Persönlichkeiten. Die eine Frau Sophie Sander geb. Diederichs ist die Gattin des Berliner Buchhändlers I. D. Sander (1759—1825), Die mit Goethe in gewisser Beziehung stand (ein Brief Goethes an sie hat sich erhalten). Eine Frau, die einen schöngeistigen Salon besaß, in dein namentlich die jüngeren Romantiker verkehrten, die sich ziemlich laut und verwegen ihrer Gunst rühmten. Die ändere ist Frau Friederike Helene Unger, Tochter eines Generals, Gattin des Berliner Hvfbuchdruckers Friedrich Unger. Sie war 1741 geboren und ist 18t3 gestorben, konnte also 1800 als die „alte Unger" bezeichnet werden. Sie war Verfasserin vieler Romane, von denen der eine „Julcheu Grünthal" zu den meist gelesenen Romanen des 18. Jahrhunderts gehörte. Diese Romane werden in Goedekes „Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung", 3. Auslage, Band 4, Seite 607 ff. genau verzeichnet. Darunter befindet sich aber der Roman nicht, von dem gleich zu sprechen ist. Dorothea schreibt nämlich in den bereits angeführten Briefen am 9. Dezember 1799: „Was hat denn diese allerliebste Satanassin wieder für eine Bosheit in Form eines Romans ausgebrütet, der Charlotte Sampfon, oder Geschichte eines jüdischen Hausvaters heißt? Den 16. Dezember soll es ja ausgegeben werden. Es ist doch ohne Zweifel wieder etwas Giftiges." — „Die allerliebste Satanassin" ist keine andere als Frau Unger, von der in den vorangehenden Worten unseres Briefes bereits die Rede ist. Der von Dorothea angegebene Roman ist wirklich erschienen, wird aber in den sechs Bänden des deutschen Anonymenlexikons nicht angeführt, so daß man wenigstens nach dieser Quelle nicht zu sagen vermag, ob die Vermutung von Frau Dorothea allgemein angenommen wird. Da aber Dorothea sehr enge Beziehungen 31t den Berliner Kreisen hatte, so wird man ihre sehr bestiinmt auftretende Mitteilung.immerhin gelten lassen können. Freilich kommt sie in ihren Briefen nicht wieder auf die Sache zurück. L. G. Lüchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Der Staatsbürger. Halbmonatsschrift für politische Bildung. Herausgegeben von Professor Dr. Hanns Dorn in Verbindung mit' Oberstudieurat Dr. G. Kerschenst,einer. Vierter Jahrgang. Heft 1. 1913.