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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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Lelekriichte. — In der Sonntagsbeilage der „Vossischen Zeitung" plaudert Richard M. Meyer über den Ursprung des Berliner Witzes. Er nimmt drei Hauptquellen an, aus denen sich der Berliner Witz rekrutiert: Den verwegenen Menschenschlag der Urberliner, die französische Kolonie und die Juden. Den jüdischen Witz, den er an zweiter Stelle nennt, charakterisiert er in folgender Weise, die gewiß auch die Leser dieses Blattes interessiert: „Häufig wird das starke jüdische Element als Hauptnrsache angeführt. Glaßbrenner selbst, übrigens kein besonderer Jndensreund, deutet das mit dem bekannten Ansspruch an, Berlin sei „eine rein jüdische Stadt". Doch könnte es schon bedenklich machen, daß gerade er der „Erzieher des Berliner Witzes" geworden ist und eben nicht Heinrich Heine; daß „der Herr Wisotzky und der bekannte Kronprinz", Typen der Frühzeit echt berlinischen Witzes, auch nicht eigentlich Semiten waren. Selbst am „Kladderadatsch" spie'lte Scholz, keinem „Verdacht jüdischere Ursprungs" ausgesetzt, mindestens eine so große Rolle wie Kalisch oder Löwenstein. Dennoch ist zuzugeben, daß in dieser zweiten (oder eigentlich dritten) Epoche das jüdische Element im Berliner Witz sich stärker bemerkbar macht; wobei auch an die Börsenwitze zu erinnern ist. Damit mag es zusammenhängen, daß der witzige Einfall oder das äußerliche Wortspiel zunehmen, der „Weltauschauuugswitz" gerade so wie die harmlosen Späße (die Laube in der Blütezeit der Angely und Louis Drucker doch mit Unrecht übersieht) zurücktritt. Denn was ist für den eigentümlich „jüdischen Witz" bezeichnend? Zweierlei: die Neigung zum bloßen Klangwitz und die Verbindung von Schärfe mit Sentimentalität. Den bloßen Klangwitz, den „Kalauer" also, finden wir nirgends schlimmer ausgeprägt als bei jenem üblen Saphir, der so unbegreiflichen Anklang bei dem deutschen Publikum fand; aber wie fest er in dem engen Leben der wirklich „rein jüdischen" Städte wurzelt, kann Bernsteins treffliche Novelle „Vvggele der Maggid" beweisen. Saphir, als der eigentliche Vertreter der Unarten des jüdischen Witzes, treibt auch eine äußerliche Sentimentalität neben der Bitterkeit aus die Spitze. Aber auch wo sich der Witz in jüdischen Virtuosen zur höchsten Höhe erhebt, in Börne, in Heine vor allem, fehlt neben den: glänzendsten Anschauuugswitz nicht der ausgedehnte Klangwitz und neben der schärfsten Satire nicht die zuweilen weichlichste Empfindsamkeit. Tiefer und genialer ist der Witz selten gehandhabt worden als etwa in Heines Kapitel vom Kruzifix im „Wintermärcheu"; aber lute häufig arbeitet er auch mit bloßen Kalauern vom Typus „famillivnär", die gewiß kein geistreicher Mann ganz verschmäht, aber kein so geistreicher wie er so häufig auwendet wie er. Trifft nun diese Charakteristik auf den altberlinischen Witz zu? Auf die Kladderadatschepoche Paßt sie wenigstens teilweise: sie liebt den Kalauer; aber nicht die Sentimentalität — gerade umgekehrt wie Bornes Ideal Jean Paul, der in die Empfindsamkeit verliebt ist, aber weder die Schürfe liebt, noch das bloße Wortspiel. Aber auf die Glaßbrenuerzeit paßt es gar nicht. Gerade die Sentimentalität vermissen ja die Bewunderer des Wiener Witzes an dein berlinischen! Gerade die Geschlossenheit der Anschauung rühmen sie. Der bloße Wortwitz aber fehlt zwar keineswegs, aber er lebt in jener volkstümlich spielenden Manier, die die Bolksposse oder das Kasperletheater mit der sogenannten „Volksetymologie" gemein haben; da werden nicht verstandsmäßig Beziehungen hergesiellt, sondern fast naiv schwierige Worte ausgedeutet; aus „Meteorologie" wird „Wettervlogie", wie es beinahe wirklich heiße,: könnte." * — lieb Cf di e Bibel schreibt Julius R o d e n b e r g in seinem Buch „Aus der Kindheit" folgende schönen Worte: Bis in mein zwölftes oder dreizehntes Jahr war es doch die biblische Geschichte, die meinem Empfinden den eigentlichen Inhalt gab. An diesen Erzählungen, konnte ich mich nicht satt lesen. Sie verivandelten sich mir in Wirklichkeiten. Die Stimme Gottes glaubte ich darin zu vernehmen und ihn selber, dessen Namen nicht ausgesprochen werden darf, zu schauen in seiner Majestät, wie er gnädig war gegen die Frommen und Gerechten, furchtbar in seinem Zorn gegen die Uebertreter des Gesetzes. Die wichtigsten der heiligen Schriften des Alten Testaments, 'so zum Beispiel die fünf Bücher Mosis, habe ich in der Ursprache lesen gelernt, und unter meinen ersten dichterischen Versuchen finden sich metrische Uebersetzungen der Psalmen. Dennoch war es, wie ich glaube, das religiöse Gefühl nicht allein, sondern ebensosehr und vielleicht noch mehr die Wirkung auf meine Phantasie, daß „das Land, das gegen Morgen liegt", und dem man im Gebet sich zuwandte, mir als meine bessere Heimat erschien; daß seine Männer und Frauen mir zu lebendigen Gestalten wurden, an denen mein ganzes Herz hing. Ich folgte' den Hirten und Herden, ich stand mit Rahel am.Brunnen, als sie kam, ihres Vaters Schafe zu tränken; ich weinte über Josef, als seine Brüder ihn verkauften, und frohlockte, als sie vor ihm niedersielen aus ihr Antlitz. Die Zeitenferne von Jahrtausenden erfüllte mich mit einer unaussprechlichen Sehnsucht, und wenn an den Vorabenden des Samstages oder der Festtage die Großmutter ihre Hand auf mein Haupt legte mit dem Segensspruch: „Gott lasse dich werden wie Ephraim und Manasse", dann war mir, äls ob das leise Rauschen des Jordans diese Worte begleite. (Mitgeteilt von E. Gut, Frankfurt a. M.) * — Im Literaturblatt, dem Beiblatt zum Morgenblatt, 1832, Nr. 1 bis 3 stehen E p i g r a m uw des Herausgebers W o l f g a u g M e n z e l. Sie sind meist literarisch, weniger politisch. Viele beziehen sich aus Goethe und drücken den grimmigen Haß gegen den Dichterfürsten aus, den Menzel seit 1823 wiederholt zum Ausdruck brachte. Manche beziehen sich auf Borne und Heine, loben den ersteren, erkennen den letzteren nur halb an. Unter diesen Epigrammen findet sich auch eines auf die Juden, lvas um so merkwürdiger ist, da Menzel, der in seiner liberalen Jugendzeit für die Judenemanzipation eingetreten war, sich später häufig genug als starker Antisemit bekundet. Es lautet: Hepp hepp! Klage nicht, daß die Juden so laut sich machten in Deutschland, Waren in Deutschland doch sie lauge das einzige Volk. — In der Unterhaltungsbeilage des Lokalanzeigers, 9. August 1912, stand folgende Notiz: „Das älteste Haus in Paris ist das Nr. 51 in der Nue Montmorency gelegene. Eine Inschrift, die am ersten Stockwerk angebracht ist, besagt, daß es aus dem Jahre 1407 stammt. Damals gehörte es einein gewissen Nicolaus Flamellus, der in der Kulturgeschichte Frankreichs zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts eine gewisse, nicht unbedeutende Rolle spielte; er stand in dem Ruf, Zauberer und Alchimist zu sein, und man sagte ihm nach, daß er den Stein der Weisen gefunden habe. Als im Jahre 1398 die Juden aus Paris Vertrieben werden sollten, verfaßte er eine Reihe von Flugschriften, die allerdings keinen großen Erfolg hatten. Diese Parteinahme für die Vertriebenen verhinderte ihn aber nicht, aus der Vertreibung selbst seinen recht hübschen Nutzen zu ziehen: er kaufte die Liegeuschaflen der Vertriebenen auf und wurde dadurch zum reichen Mann." Die Notiz reizte mich zu weiteren Nachsuchungen, wobei mich Hinweise des Herrn Professor Simonsen in Kopenhagen leiteten. Aus den Notizen in Jöchcrs Gelehrtenlexikon und dem ausführlichen Abschnitt in der Nouvelle Biographie ist folgendes nachzutragen. Der alte Jvcher teilt nämlich mit: „Er schrieb um 1393! vor die Juden, als sie aus Frankreich verjagt und ihre Güter konfisziert wurden. Weil er nun um alle Geheimnisse mußte, so traktierte er mit den Schuldnern der Juden und handelte mit ihnen um den halben Prosit, wodurch er in kurzer Zeit zu so großein Reichtum gelange, daß er auch verschiedene Kirchen zu Paris auf seine Kosten bauen lassen, daher kam er in Verdacht, als habe er den Stein des Weisen gesunden". Dem merkwürdigen Manne hat ein Abbe Vilain 1761 eine Biographie gewidmet, die auch in einer deutschen Schrift „Begebenheiten von verschiedenen Adepten" übersetzt worden ist. Dort wird berichtet, daß er „Anmerkungen über den Stein der Weisen" geschrieben hatte, die 161 Jahre nach seinem Tode, denn als sein Todesjahr wird bei Vilain das Jahr 1418 angegeben, 1579 herauskamen. Sie wurden aus dem Französischen mit anderen mystischen Schriften ins Hochdeutsche übertragen und 1669 herausgegeben (diese Ausgabe befindet sich auch in der Berliner Königlichen Bibliothek). Vilain und nach ihnl der Artikel der Nouvelle Biographie leugnet, daß Nicolaus Flamellus sich durch den Ankauf der Judenhüuser und die Erwerbung der Judenschulden bereichert habe und behauptet, sein Vermögen stamme aus seiner Schreibertätigkeit und seinen Spekulationen. Seine alchimistische Schriftstellerei wird auch von diesem Biographen in den Vordergrund gestellt, aber die Jochersche Notiz, aus der auch die Weisheit des

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