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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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US MM»» MM MWWM 81 — Gebräuche und Tradition halbenweil es eben die Mtern auch taten, und weil es das nicht als Last empfindet,» was ihm von frühester Jugend an in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ein so erzogener Mensch wurzelt mit all seinen Fasern im Judentum und ist gefeit gegen Renegatentum, Lauheit und Stumpfheit! Man hat von mancher Seite den Religionsunterricht als den wirksamsten Schutz des Judentums angesehen; dem ist leider nicht so, das wird freimütigjeder bekennen, der sich die Erinnerung an die eigene Schulzeit getreulich bewahrt hat. Lernen ist Zwang — und jeder Zwang drückt, ob es sich nun um Latein, Mathematik 'oder Religion handelt — für den Schüler sind das drei sich äußerlich vollständig gleichende Fächer. Man erledigt sein Bibelpensum, die Psalmen und Sprüche, und — o schrecklichster der Schrecken — die hebräischen Sprachstudien, weil man eben m u ß, weil es so verlangt wird. Ich möchte den Schuljungen, das Schulmädchen sehen, die anders denken, anders fühlen! Die Religion ist für sie alle ein Lehrgegenstand, und ein recht kniffliger dazu — aber Grundsätze fürs Leben, Rückhalt für Gegenwart und Zukunft, Schutz gegen Anfechtung und Verführung — die schöpft man aus diesem Unterricht — wenigstens wie er bisher erteilt wurde — in den seltensten Fällen, da müssen noch viel'stärkere Kräfte mit im Spiele sein. Das ist eine bittere Wahrheit, aber eine Wahrheit, die das Gros der Lehrer und Schüler gleichmäßig bestätigen werden. Es ist also fast ausschließlich das Elternhaus, dem in diesem Punkte der Einfluß auf die Kinder zusteht; wird er verständig und in dem angedeuteten Sinne ausgeübt, so ist der Erfolg sicher. Ich verlange absolut nicht ein sklavisches Festhalten an dem vielen Ballast, der unser Judentum unverhältnismäßig bedrückt und auch von den treuesten Anhängern desselben nur allzu oft als schwere Bürde betrachtet wird; ich bewege mich an der äußersten Grenze der Gebräuche, da, wo sie mehr Lust als Last sind. Nehmen wir einmal gleich den Freitagabend! Er war von jeher der Kristallisationspunkt im jüdischen Familienleben! Unsere Großväter hielten ihn, dank der Finsternis, in der sie gezwungenerweise leben mußten, noch genau nach den rituellen Vorschriften; für sie war er der Lichtquell im Kampf ums Dasein, der einzige Abend, an dem sie Mensch unter Menschen, nicht deklassierte Schacherjuden waren, sich ihres Lebens, ihrer Angehörigen freuen konnten; unsere Väter,. Söhne einer freieren und lichteren Zeit, bereits von Erfolg zu Erfolg schreitend, bewahrten die Erinnerung an ihr Elternhaus durch Einhalten der Freitagabende, die im Familienkreise verbracht wurden. Und wir, die Jungen, sollten nicht ein gleiches tun können? Jslls denn so schwer, einmal in der Woche auf Klub und Theater, auf Geselligkeit oder Geschäft zu verzichten und den Abend angeregt mit seinen nächsten Angehörigen zu verbringen? Wenn wir mit Konsequenz an der Durchführung des Freitagabends sesthalten, so wird uns weder der Herr Sohn mit einer Kneipe noch das Fräulein Tochter mit einem Ball kommen — sie wissen ja von Jugend auf, daß dieser Abend der Familie gehört; Pietät und Tradition verwachsen also hier zu einem Begriff! Und so wird es auch bei den übrigen Feiertagen sein! Sprechen wir gleich von unserem höchsten, dem Versöhnungstag! . Laßt Eure Kinder ruhig fasten, es schadet ihnen absolut nichts, wenn sie einmal im Jahre Selbstzucht üben und sehen, daß alles geht, wenn man nur ernstlich will! Am Neujahrsfeste, an Ostern und Pfingsten haltet sie an, den Gottesdienst zu besuchen und die Vorabende dieser Feste bei Euch im Elternhause und nicht etwa im Wirtshaus, oder sonstwo zu verbringen! An diesen Abenden sollen sie nur Eure Kinder, jüdische Kinder sein, auch wenn sie längst Eurer Zucht entwachsen und selbst Väter und Mütter sind. Haben wir zeitlebens diese Tradition hochgehalten, so werden unsere Häuser, wenn wir selbst die alte Generation geworden find, noch der Mittel-'und Sammelpunkt für unsere Kinder und Kindes- * kinder sein, ein Sammelpunkt' im besten jüdischen Sinne. Und beim Anblick dieser Nachkommenschaft, die dank vernünftiger Erziehung frei von abtrünnigen und gleichgültigen Elementen ist, werden wir das Dichterwort variieren können: Wohl Dir, daß Du ein Enkel bist.— ein Enkel, würdig Deiner Vorfahren und Deiner Abstammung! In diesem Sinne begrüßt Sie- 'Ihre aufrichtige Freundin. An Heines Grad. Zum 17. Februar. £*ier verrinnt der großen Stadt Getümmel Alle Laute ebben langsam ab. Und es überwölkt ein tiefer Himmel . Heines heimatfernes Grab. Klagend raunt der Abendwind. Erglühend Sinkt die Sonne hin, das weite Land Leuchtet aus wie roter Mohn erblühend: Seiner Totenfeier Brand. Lorbeerkränze liegen auf dem Steine, Und die Liebe einer deutschen Frau Brachte Rosen mit vom-deutschen Rheine Tränenfeucht in Abendtau. Während tiefe Abendglut in Flammen Rings den Wintertag zum Sterben ruft, Tressen hier zwei Wanderer zusammen Rastend an des Dichters Gruft. Und der erste ist ein stiller Knabe, Die gesenkte Fackel lodert rot. Nieder blickt er zu des Dichters Grabe, Er, der ewigjunge Tod. Jugendblühend ist er hier erschienen. Wie in Hellas er als Tröster kam, Schönheitsglanz auf seinen ernsten Mienen, Aber frei von dunkelm Gram. Schweigend wendet er sich zu dem andern. Der sein Haupt lehnt an die Säule schwer, Ruhlos muß der ew'ge Jude wandern. Ewig wandern Ahasver. Wirr sein Haar, der Kronenreif in Stücken, Bon den Schläfen niederrinnt das Blut, Aber in den trotzigkühnen Blicken Nie erloschener Sehnsucht Glut. Lange stehn sie an des Dichters Grabe, Rasten stummen Mundes Hand in Hand, :' - i ' Ahasverus und der Griechenknabe Beide sind sie ihm verwandt. Nun verblassen rings die Wolkenränder, Blaue Winternacht bricht schattend ein. Und sie trennen sich, durch ferne Länder Wandern sie. im Sturm allein. . Georg I. Plotke.

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