Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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denn ein dritter Strauchritter mit einem Drillichanzüg, einem Kostüm, wie es bei uns - Zuchthäusler! ziert, gab ausgerechnet -mir den Vorzug ferner Gesellschaft. Die Dunkelheit, meine Müdigkeit und mein neuer nicht zu unterschätzender Reisegenosse weckten in mir nie gekannte Empfindungen, und ich begriff nun, weshalb jeder Zug von zwei bewaffneten Karabiniers begleitet wird. Nach etwa zwei bangen Minuten sprach mich der Gefährte an, ich gab ihm zu verstehen, daß ich Fremder bin. Endlich entpuppte er sich als Deutscher aus dem Elsaß, ein Angestellter der Strecke Granada-Maloga. Er erzählte, daß er sein Billett verloren habe, in den falschen Zug eingestiegen sei und ab Baeza nach Granada zur Feria zurückfahren wolle, was er auch zu meiner Freude ausführte. Matt und müde kam ich 8 Uhr morgens in Madrid an. ' : Spanien war zu der Zeit, in der die Juden und Mauren einen wesentlichen Teil der- Bevölkerung ausmachten-, : das reichste, aufgeklärteste Land in Europa. Durch die Entdeckung Amerikas wurde damals der Schwerpunkt des Welthandels nach Spanien verlegt. Mexiko, Peru lieferten märchenhafte Mengen von Edelmetall dem Mutterland und machten das Land zur ersten Kapital- und Finanzmacht der Welt. Allein staatlicher Absolutismus und religiöser Fanatismus haben. Spanien von der ersten an die letzte Stelle unter den Mächten Europas gebracht. Die Ausweisung der Juden und Mauren beraubte Spanien seiner intelligentesten, gewerbefleißigsten Elemente. Der Spanier ist träge und faul, er verachtet die Arbeit, namentlich die gewerbliche Tätigkeit. Und während das Land immer mehr verarmte, wurden Kirchen und Klöster immer reicher. Jetzt bemühen sich die liberalen und republikanischen Parteien, die Wiedergeburt des Landes durch Abschaffung veralteter und Einführung neuer Gesetze und Einrichtungen herbeizuführen. Bleibt Spanien von kriegerischen Und revolutionären Bestrebungen und sonstigen Unruhen verschont, befestigen sich die liberalen Tendenzen der jetzigen Regierung, so bietet dieses mit Naturschönheiten und reichen Bodenschätzen, wie Kohle, Erzen, Kupfer versehene Land ein ergiebiges Feld wirtschaftlicher und geschäftlicher Tätigkeit, nicht zuletzt für kapitalkräftige Glaubensgenossen jener Länder, die sie durch Ausnahmegesetze und Schikanen aller Art zur Auswanderung zwingen. Einem seit 20 Jahren in Madrid lebenden Deutschen gegenüber äußerte ich mich dahin, daß die Geschäfte rückständig,-veraltet seien, daß besonders die Hauptstadt, der geeignete Platz für ein modernes Warenhaus sei. Er war ganz verblüfft und fragte, wie ich darauf komme. Ich erwiderte, daß ich die Waren und Preise für verschiedene Gebrauchsgegenstände angesehen und gesunden hätte, daß sie um zirka 50 Pro-. zent höher sind als bei uns oder in Frankreich. Daraus schloß er einen Schrank auf und zeigte mir ein von ihm ausgearbeitetes Expose über die Errichtung eines Warenhauses in Madrid. Vor 2 Jahren verhandelte er mit Berliner Häusern, jetzt ist er dabei, englische Kapitalisten für seinen Plan zu gewinnen. — Spanien ist neuerdings das Ziel vieler Reisenden. Von San Sebastian wird eine Eisenbahnlinie gebaut, die einige Stunden früher und prompt zur Hauptstadt führt. Straßendurchbrüche, Neubauten in Madrid, die neuen Erwerbungen in Marokko berechtigen die Anbahnung geschäftlicher Beziehungen zu empfehlen. Bei der Rückfahrt hielten wir uns einige Tage in dem überaus schön pittoresken Biarritz und Bayonne auf, und der Tagesrapido brachte-uns durch das fruchtbare, einem Garten gleiche Gelände Südwestfrankreichs über Paris wieder in die Heimat. - -ÄM - löriek an einen Freund. Von Else Dorn. -r- Verehrter Freund! /12 s ist uns beiden eine liebe Gewohnheit geworden, über wichtige Probleme, die nicht nur uns selbst, sondern auch die Allgemeinheit beschäftigen, Gedanken auszutauschen. Und, so hat es mich auch nicht weiter gewundert, daß Sie sich in Ihrem letzten Schreiben über ein Thema ausließen, das gerade in jetziger Zeit im Vordergrund der jüdischen Tagesfragen steht und sogar als deren wichtigste und bedeutungsvollste betrachtet werden kann: W a s sollen wir tun, um unsere Jugend an das Judentum zu fesseln; wie können wir der Gleichgültigkeit, die so erschr ecken d um sich greift, in en tj prechender Weise Einhalt gebieten? Darüber sind wir uns ja vollkommen im klaren, daß irgendetwas geschehen muß, da mit dieser Sache unsere Religion steht und fällt. Allein über das „Wie" herrscht noch arge Meinungsverschiedenheit! An Vorschlägen zur Abhilfe fehlt es nicht; radikale und gemäßigte, praktische und weniger einleuchtende, wurden von berufener Seite gemacht; Männer. von Rang und Ansehen hielten mit ihrer Meinung nicht zurück. Aber es steckt zuviel Theorie in diesen Ausführungen, und doch kann nur das absolut Praktische und leicht Durchzuführende hier von Nutzen sein. Man kommt mit Ge- und Verboten, stellt Thesen auf, die, unterstützt durch glänzende Rhetorik und schärfste Logik, etwas Blendendes haben — jedoch viel zu hoch sind für die, denen sie gelten und die sie befolgen sollen. Das ist ja der Fehler, in den Ihr Männer zumeist verfallt: Ihr rechnet nur mit Großem, mit Fertigem und schießt daher leicht übers Ziel; wir Frauen aber, die wir uns täglich und stündlich mit den Kleinig- - und Kleinlichkeiten des Lebens abgeben müssen, wir sind Euch im Praktischen entschieden über. Von dieser Tatsache ausgehend,' möchte ich zu dieser aktuellen und wichtigen Frage den einfachen Standpunkt einer Familienmutter darlegen, deren Vorschläge vielleicht weniger ihrem Verstände, als ihrem Herzen, ihrem jüdischen Herzen entspringen, und vielleicht gerade deshalb das annähernd Richtige treffen. Um unsere Heranwachsende Jugend dauernd ans Judentum zu fesseln, muß man damit in einem Alter beginnen, wo äußerliche Eindrücke und Gewohnheit die einzigen Faktoren im Leben des Kindes sind. Nur was -sich uns im zartesten Kindesalter einprägt, lebt dauernd und unauslöschlich in uns weiter; nur was wir von Anbeginn unseres Erinnerungsvermögens gewohnt sind, wird unausrottbar in uns haften! Und zwei solche Faktoren, die uns mit Leichtigkeit zu Gebote stehen, empfehle ich als wirksamstes Mittel gegen Abtrünnigkeit und Lauheit des Glaubens: Pflegt in Euren Kindern den echten Familiensinn, den stärksten Hort unserer Religion, und sorget dafür,, daß die Zugehörigkeit zum Judentumdurch Einhalten wenigstens unserer höchsten Feiertage und des Freitagabends dargetan wird. Diese zwei Mittel, eines in dem anderen wurzelnd, stehen dem reichsten und dem ärmsten, dem frömmsten und dem freigeistigsten unserer Glaubensgenossen vollkommen gleichheitlich zu Gebote; gelingt es uns, sie praktisch durchzuführen —, und bei gutem Willen wird es gelingen — so dürfen wir die eingangs gestellten Fragen als gelöst betrachten! Es ist doch vollkommen einleuchtend: ein Kind, das-in wahrer Pietät gegen Mern und Familie erzogen ist, wird nie auf die Idee kommen, seinen Angehörigen durch Abfall vom angestammten Glauben Kummer zu bereiten; es wird