Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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Und was war die Ursache der Ueberfüllung, des Andranges? Am. übernächsten Tage war in Granada Feria Stierkampf mit dem berühmten Stierkämpfer Bombita. Die Landschaft bot wenig Interessantes, es ging bergan. Am Gebirge über der Alhambra war der sommerliche azurblaue, wolkenlose Abendhimmel mit goldenen Streifen, rosarot glühenden Rändern durchzogen Der herrliche Sonnenuntergang hat mich für die entsetzliche Fahrt ein wenig entschädigt. Gegen 10 Uhr abends erreichten wir Granada. Ich stieg in dem neu erbauten Alhambra-Palast- Hotel ab. Es ist ein ganz modernes Haus mit allem Komfort, Kasino, d. i. Spielsaal, Variete und der Alhambra nachgebildet. Pension pro Tag außer der Saison 30 Pesetas. Für die ersten 30 Pesetas habe ich lediglich eine Flasche Fachinger getrunken und war froh, mich ausruhen zu können. Die Alhambra, die letzte Residenz und Königsburg der Mauren, schaut von ihrer luftigen Höhe herab nach der rvsendustenden Bega hin. Der Blick auf die schneebedeckte Kuppe der Sierra Nevada, das mit frischem Laubgrün, üppigem Pflanzenwuchs ausgestattete Tal, das aus dem Bergrücken hervorbrechende Wasser des Genil und Darro, die Hügelkette des Albahcin, des Hauptquartiers der Zigeuner, ließen mich die ausgestandenen Strapazen der Reise bald vergessen. Die das Tor der Gerechtigkeit bildende Halle ist von einem Bogen überdacht, an dessen Schlußstein man eine kolossale Hand und am zweiten Tor einen Schlüssel erblickt. Der Volksglaube hat diese Zeichen dahin gedeutet, daß die Burg fallen werde, wenn die besagte steinerne Hand den Schlüssel erfaßt habe. Ein großes, von Myrten, Rosen und Oleanderbüschen umrahmtes Bassin nimmt die Mitte des Raumes ein. Bewundernswert ist der Säulengang im Myrtenhof. Die Inschriften an den Wänden und Bogen enthalten Segens- und Koransprüche. In den herrlichsten Farben und Tönen sind die reichen Ornamente durchgesührt. Der Löwenhof, ein Rechteck, ist mit schmucken zierlichen Säulenhallen umgeben. Die 128 Marmorsäulen, welche die Arkaden tragen, zeigen in ihren Kapitälen stets andere Formen. Auch die Wände über den Bogen legen in vielgestaltigen Rosetten, Sternen und Ornamenten von der nie versiegenden Erfindungskraft der arabischen Künstler Zeugnis ab. Der Löwenbrunnen besteht aus einer zwölseckigen Alabasterschale, welche von zwölf aus gleichem Material gemeißelten I Löwen getragen wird. In der Mitte der Schale erhebt sich ein Kegel mit einer zweiten kleineren Schale, aus der die Fontäne aussteigt, die ihr Wasser zunächst in die Schalen und von da durch die Rachen der Löwen in das Bassin fallen läßt. Die Löwen, das größte animalisch-arabische Skulpturwerk, das wir besitzen, sind plump und zeigen-einen beinahe ägyptischen Schnitt. An der Außenseite des Brunnens befindet sich eine Inschrift, welche die Herrlichkeiten des Gartens und Brunnens Preist. Der Garten der Sultanin liegt der Alhambra gegenüber. Herrliche Palmen wechseln ab mit Vlütenbäumen, kurzgeschorene Hecken umsäumen die Wege. Dichte dunkle Laubengänge und eseuumrankte tausendjährige Zypressen erzählten uns von den heißen Liebesschwüren, die hier ausgetauscht worden sind, von den heimlichen Zusammenkünften der Sultaninnen mit ihren Rittern, von dem Märchenzauber, der das Ganze hier umschwebt hat. Mitten in der Stadt liegt das frühere Ghetto, ein Viereck mit kleinen, gleichmäßig gebauten Häusern und engen Gassen. Die Altstadt ist schmutzig und verfallen, die Bettlerplage hier besonders lästig. Granada wird als lebende Ruine bezeichnet. An diesem Tage herrschte viel Leben und Treiben; Straßen, Cafes waren überfüllt, Eßwaren, Früchte massenhaft aufgestapelt: es war der Vorabend der Feria. Als ich dem Führer sagte, daß ich heute noch abreise, da verlor er beinahe seine miserable englische Sprache. Morgen ist Feria mit Corpus Christi, Stierkampf mit Bombita, der inzwischen, von Tausenden von Menschen empfangen, im Palace Hotel eingetrossen ist, da werde ich doch nicht abreisen? Jmpossible! - Als ich gegen acht Uhr abends nach dem Hotel tarn und die Rechnung verlangte, fragten Portier und Oberkellner, ob ich abreisen müsse und unterließen nicht, mich auf die Festlichkeiten aufmerksam zu machen. Ich zahlte und fuhr allein in dein großen Hotelwagen zum Bahnhof, der in 20 Minuten erreicht wird. Diesen einsamen Reisenden, der am Vorabend der Feria und trotz der Anwesenheit Bombitas Granada verließ, hat die nachschauende Menge sicherlich für einen unheilbaren Sonderling gehalten. Der Bahnhof war leer. Ich löste das Billett nn dnach'-wenigen Minuten befand ich mich in einem spärlich erleuchteten Abteil endlich allein. Da aber ist - mir etwas Spanisches passiert! Gegen 1 Uhr nachts stiegen in den Zug zwei blinde Passagiere ein, die sich zu meiner Freude im Nebenabteil niederließen. Die Freude war aber kurz, Haupteingang zur Airche Santa Maria la Man ca in Toleöo, im 13. Jahrhundert als Synagoge erbaut, seit 1405 katholische Kirche. £ ■ vi