Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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Wie aber in den letzten Jahren in öffentlichen Versammlungen verfahren ist, wie namentlich Angriffe auf Gegner in eine fast unerträgliche Form gekleidet worden sind, kann nicht tief genug bedauert werden. Da werden in Versammlungen -großer jüdischer Institutionen die langjährigen Leiter, die sich die größten Verdienste nicht nur um diese Institutionen, sondern um. das Judentum überhaupt erworben haben, behandelt, als ob es die ärgsten Verbrecher wären; da werden Männer, die ihr Leben lang für das Judentum gearbeitet haben, die sich die größten Opfer auferlegt haben, ja,!ruch solche, deren beispiellose Betätigung auf allen Gebieten jüdischen Lebens unbestritten und unbestreitbar ist, heruntergeputzt, als ob sie Schuljungen wären, und beiseite geschoben, als ob es keine Achtung vor dem Alter und keine Dankbarkeit mehr unter Juden gäbe. Beinahe noch schlimmer ist der Ton, in den gewisse Zeitungen verfallen sind. Man scheut sich nicht, den, der anderer Ansicht ist, wie der Zeitungsschreiber, für -einen Ignoranten und Dummkops zu erklären. Es wagt ein junger Bursch, der kaum imstande > ist, die von ihm besprochenen Dinge zu übersehen, den hervorragendsten jüdischen Gelehrten anzugreisen und herabzuziehen. Alan scheut sich nicht, dem Gegner allerlei Schlechtigkeiten anzudichten, und tut dies -in einer Form, die früher unerhört war. Man stöbert in den Privatverhültnissen der Angegriffenen herum und sucht den Gegner persönlich bloßzustellen oder zu vernichten. Es mag dahingehen, wenn jemand, um sich für einen Liberalen aufzuputzen, den wirklich Liberalen unausgesetzt als Radikalen verdächtigt. Man kann es auch noch ertragen, wenn nationalgesinnte Leute aus diejenigen, die sich religiös betätigen, verächtlich herabblicken. Da veröffentlicht aber eine Zeitung ein Gedicht mit der schönen Ueverschrist: „Mauschel Glückauf!", eine jüdische Zeitung veröffentlicht ein solches Gedicht, dessen Inhalt das Maß des Erlaubten nach jeder Dichtung hin übersteigt und das höchstens als Leitartikel einer antisemitischen Zeitung ertragen werden könnte. Da scheut man sich nicht, dem Gegner das Judentum, das er bekennt, abzujprechen. Und dies oft in einem Ton -und mit Worten, deren Ungeschlachtheit und Grobheit höchstens bei den Radauantisemiten zu finden ist. Das Schlimmste aber, was jetzt um sich greift, ist, daß man sich nicht scheut, jüdische Gegner der staatlichen Behörde zu denunzieren. Man sucht nach Kriminalverbrechen, um seine Gegner zu verdächtigen. Man denunziert darauf los, ohne genau zu Prüfen, ob die Denunziation wirklich eine Tat betrifft, die unter das Strafgesetzbuch fällt, und man setzt damit sich selbst und die Juden überhaupt herab. Das Neueste, was aus diesem Gebiete zutage gefördert ist, scheint allem die Krone auszusetzen. Da haben die zionistischen Vereine jüdischer Studenten eme Zeitung hevausgogeben, die nur für die Mitglieder -dieser Korporation bestimmt ist, und deren Mitteilung an dritte aus Ehrenwort untersagt ist. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese Art der Agitation zulässig ist oder nicht. Jedenfalls verpflichteten sich mehrere hundert jüdischer Studenten in Deutschland, eine Zeitung, die ihnen zugeht, nicht solchen Glaubensgenossen auszuhändigen, die auf einem anderen jüdischen Standpunkt stehen. Von dieser Zeitung sind nun ab und zu einzelne Exemplare trotz des gegebenen Ehrenworts in fremde. Hände geraten, und die Oeffentlichkeit hat von dem Inhalt dieser Zeitungsnummern Kenntnis erhalten. Daß die mehreren hundert Studenten und alten Herren befragt worden sind, ob sie ihr Ehrenwort gehalten haben, ist nicht bekannt geworden. Aber -ein Gegner mußte es natürlich -sein, der sich diese Zeitungsnummern verschafft hat, und hinterlistig hat er sie sich verschafft, und das Blatt Papier.hat er widerrechtlich an sich gebracht, und die Folge ist eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Diebstahls und U r - h e b e r v e r l e tz u n g. Ob juristisch begründet oder nicht, ist es nicht unerhört, daß man eine solche Denunziation der Staatsbehörde einreicht? Die ganze Denunziation hat doch nur den Zweck, mit aller Gewalt zu ermitteln, durch wen die Oeffentlichkeit das große Geheimnis jener Studentenzeitung erfahren hat. Man prüft gar nicht, ob nicht eine solche Nummer in den Papierkorb gefallen ist, ob sie nicht als Käsepapier oder sonstwie verwendet und auf diesem Wege in andere Hände gelangt ist. Man untersucht gar nicht, ob nicht, wie es bei mehreren hundert Menschen natürlich ist, der eine oder der andere angenommen hat, der Inhalt der Nummer enthalte so wenig Staatsgefährliches, daß er ruhig einem Dritten mitgeteilt werden könne. Man denunziert einfach darauf los, um mit aller Gewalt, nicht im guten, sondern im bösen herauszubekommen, wer es -gewagt hat, das Staatsgeheimnis sich zu verschaffen und es der Oeffentlichkeit zu übergeben. Und noch schlimmer, als Zeugen nennt man Persönlichkeiten, von denen man weiß, daß sie eineranderen Richtung angehören, und von denen man annimmt, daß sie Kenntnis von der Sache erlangt haben könnten. Man nennt sie aufs Geratewohl, ohne sich vorher davon zu überzeugen, ob die Benannten das geringste mit der Sache zu tun gehabt haben, oder ob sie auch nur das geringste von der ganzen Angelegenheit wissen. Mir selbst ist von der ganzen Angelegenheit nichts bekannt. Ich habe nur in jüdischen Zeitungen Angriffe, und nicht schönster Art, wegen dieser Angelegenheit lesen müssen. Ich habe keine Kenntnis von der Studentenzeitung; ich habe sie nie gesehen, ich habe nie etwas von ihr oder gar ihrer Bedeutung gehört, aber da ich eine andere Anschauung habe wie die Verfasser der Denunziation, da ich den Zionismus -und insbesondere die Art, wie gewisse Agitatoren -ihn propagieren, als eine Gefahr für die deutschen Juden erachte, deshalb nennen mich die Verfasser dieser Denunziation als Zeugen. Daß bei einem solchen Verfahren -einem der Widerwillen bis -an die Kehle stei-gt, scheint nicht wunderbar. Aber es ist doch endlich h ö ch st e Zeit, daß diesem Treiben Einhalt geschieht. Die jüdischen Dinge sind nicht dazu da, um in der Oeffentlichkeit in -den Schmutz getreten zu werden. Die Mitarbeiter in jüdischen Angelegenheiten sind nicht dazu da, in der Oeffentlichkeit heruntergerissen und gewissermaßen für vogelsrei erklärt zu werden. Wer es ehrlich mit dem Judentum meint, mag auch in der Oeffentlichkeit sich so verhalten, wie es sich ziemt. Die Form muß anders werden, wenn nicht das ganze Werk in Stücke gehen soll. Wird die Mehrheit der Juden sich untereinander in der Oeffentlichkeit so behandeln, wie es sich gebührt, dann mögen die wenigen, denen es nicht gegeben ist, sich anständiger Formen zu bedienen, ruhig weiter bleiben, was sie sind. Die Oeffentlichkeit wird über sie /hinweggehen. Akilkerinnkrungkn an Spanien. Don Caspar Lazarus. (Schluß.) er langsam fahrende Zug hielt an jeder kleinen Station, natürlich mit der fast fahrplanmäßigen Verspätung; es stiegen überall Leute ein, jedes Abteil war überfüllt. Die Fahrt, die nur mit drei Stunden Verspätung endete, gestaltete sich für mich zur Hölle. Bei einigen 40 Grad Hitze saß ich eingekeilt unter laut politisierenden Spaniern!