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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-14 · Heft 7 (14.2.1913) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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Meinungen vor Vernunftgrttnden sich gebeugt oder 'vor Tatsachen haltgemacht? Ein zionistischer Nassefanatikcr — so schreiben Sie mir — stimmt mit den antisemitischen darin überein, das; kein Jude fähig sei, an der deutschen Kultur mitzuarbeiten; er bestreitet deutschen Dichtern jüdischer Abstammung ihre deutsche Heimat und verweist sie, wenn sie überhaupt ein Recht haben wollen, ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken, auf das Hebräische als auf die Ursprache ihres Volkes, die sie freilich Zu diesem Zwecke erst erlernen müßten. Nun wahrlich, man kann den Zionismus anerkennen, kann sogar sein Anhänger sein, kann für die Millionen armer, gedrückter und entrechteter Juden ein eigenes Vaterland, ein eigenes Gemeinwesen erstreben und erkämpfen und dennoch eine solche Behauptung, eine solche Forderung ebenso albern wie anmaßlich finden. Wie will ein Mensch sich herausnehmen, anderen Menschen zu verbieten, daß sie im Lande ihrer Geburt sich daheim fühlen? Oder wo kämen wir hin, wenn jeder als Heimat nur jenes Land betrachten dürste, das seine Urväter bewohnten? Deutschland ist ja nicht einmal die Urheimat der Deutschen! Die Heimat eines Menschen ist da, wo seine und der Seinigen Wiege stand, da, wo er aufwuchs, wo ihm Freundschaft und Liebe wurde, wo er wirken will; und nicht die Abstammung entscheidet über seine Zugehörigkeit zu einer Kultur, sondern die Muttersprache, die Erziehung und die Bildung. ... Die Juden leben in Deutschland nicht seit Jahrhunderten, sondern seit anderthalb Jahrtausenden. Sie haben diese Erde mit ihrem Blute gedüngt und mit ihrem Blute verteidigt. Deutschland ist ihr Vaterland; sie lieben es, auch wenn es ihnen die Liebe erschwert, und wenn sie Deutsche sein wolle n, sein müssen, weil ihres Herzens Gebot sie dazu treibt — das wäre ein Mangel an Charakter, eine schwächliche Aufgabe der Nationalität, die ihnen ohnehin längst verloren geht? Nein, so schnell ltnb so leicht, wie Deutsche dies im Anslande zu tun Pflegen, haben sie ihre Nationalität nicht aufgegeben. Nachdem sie es aber unter dem Zwang einer naturnotwendigen Entwirklung getan haben, gibt es ebensowenig ein Zurück für sie wie für die anglisierten Deutschen der Vereinigten Staaten. Einerlei! Sie können, so versichern die Rasfefanatiker, schlechterdings nicht deutsch empfinden; das deutsche Gemüt bleibt ihnen fremd, obwohl dieses sich nicht zuletzt an der von Juden verfaßten Bibel genähert hat, und sie sind außerstande/ am deutschen Geistesleben teilzunehinen, obwohl es einen isolierten deutschen Geist überhaupt nicht gibt, sondern zahllose Kultureinflüsse, arische wie semitische, sich in ihm verschmolzen haben. Bringen es jene Leute doch sogar fertig, germanischen und christlicheil Geist, den Geist der Lebensbejahung und der Lebensverneinung einander gleichzusetzcn, und es stört sie dabei weder, daß das Christentum rein jüdischen Ursprungs ist, noch daß ihre Ahnen sich gegen seine Einführung nicht minder heftig gesträubt haben als die unsrigen. Die mächtigste Bewegung, die in der Gegenwart die deutsche Volksseele durchzittert, die sozialistische, hat ein Jude angefacht, und der staatserhaltenden Politischen Partei, die das Nationalgefühl gepachtet zli haben vorgibt, hat wiederum ein Jude die Doktrin vorgezeichnet. Viele Lieder Heinrich Heines — wer wagt es zu leugnen? — sind deutsche Volkslieder geworden, und Goethe hat ausdrücklich bekannt, was alles er Spinoza verdankte. Zahlreiche hervorragende deutsche Geister hätten erst weit später bei ihrem Volk Verständnis gesunden, wären nicht Juden ihre Entdecker, ihre Apostel gewesen. Ein Jude hat der deutschen Dorfgeschichte neuen Aufschwung verliehen; Juden haben die moderne deutsche Literaturbewegung gegen den stumpfen Widerstand des deutschen Publikums durchgesetzt, Juden die moderne deutsche Bühnenkunst auf den Gipfel gehoben. Ein Jude (Georg Brandes) hat die nordgermanische Dichtung befruchtet, die entscheidende Wendung Henrik Ibsens nach dessen eigenem Zeugnis hervorgerufen. Und als der Antisemit Richard Wagner daran ging, durch den Parsifal seine delltscheste Musik in Bayreuth der Welt zu offenbaren, da erkor er einen Juden zu seinein Dolmetsch. Was aber kümmert sich um alles dies der Haß? Er verschließt seine Augen vor dem/was er nicht sehen will. Er läßt sich von Gegengründen nicht ansechten, ebensowenig wie die Liebe. Gerade deshalb nichts widerwärtiger, nichts unehrlicher als ein Haß, der sich wissenschaftlich zu begründen sucht, der seine rein praktische Natur hinter einer theoretischen Larve versteckt. Und nun mein persönliches Bekenntnis zum Schluß: Ich bin ein Deutscher jüdischer Abstammung, und wenngleich ich der jüdischen Kirche ebenso fern stehe, wie jeder anderen, nenne ich mich mosaischer Konfession, weil man aus einer belagerten Festung nicht weicht. In Ihrer Schule, der Realschule der israelitischen Gemeinde meiner Vaterstadt, habe ich, bevor ich, elfjährig, ins Gymnasium übersiedelte, die Grundlagen deutscher Bildung empfangen. Ich besitze keine andere. Goethe, Schiller und Lessing, so heißen meine Propheten; Kant und Schopenhauer, so heißen meine Evangelisten. Ob ich ein Dichter bin oder nicht, darüber steht mir selbst kein Urteil zu, und jeder hat das Recht, mir die Begabung abzuerkennen. Wer aber bestreitet, daß ich ein Deutscher bin, dem lache ich ins Gesicht. Mit vorzüglicher Hochachtung i gta. Ludwig Fulda. # Aus Untersranken (Bayern) wird uns geschrieben: Auf die bekannte Aufforderung der Verlin-Frankfurt-Nürnberger Vorstandschaft, sich der Protesterklärung gegen die die Richtlinien bekämpfenden Rabbiner anzuschließen, erging seitens der israelitischen Kultusverwaltung Schweinfurt nachstehende Antwort: „Wir bestätigen das am 16. Deezmber 1912 bei uns eingegangene Schreiben der Administration der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, in welchem Sie uns zum Anschluß an die Protesterklärung gegen diejenigen Rabbiner auffordern, welche in öffentlichen Erklärungen gegen die Proklamation der Richtlinien für ein Programm des liberalen Judentums Stellung genommen haben. Wir beehren uns. Ihnen mitzuteilen, daß wir dieser Erklärung uns nicht anzuschließen vermögen. Wir betrachten es als unsere vornehmlichste Aufgabe, den Frieden in den Gemeinden hochzuhalten, der in unserer Gemeinde zwischen den Angehörigen des konservativen und liberalen Judentums in mustergültiger Weise besteht. Wir befürchten nun in der Tat, daß durch die Veröffentlichung der Richtlinien die Einheit der jüdischen Gemeinden beeinträchtigt und gefährdet wird, und bedauern und mißbilligen aus diesem Grunde in Uebereinstimmung mit der Gegenerklärung der gesetzestreuen Rabbiner die Veröffentlichung der Richtlinien. Wir wollen nicht unterlassen, zu bemerken, daß gerade dem Wirken unseres Rabbiners, der die Gegenerklärung mitunterzeichnet hat, der mustergültige Friede in unserer Gemeinde mitzudanken ist." Wer diese Erklärung liest, der muß der Meinung sein, daß die Gemeinde Schweinfurt eine streng orthodoxe Verwaltung hat. Dem ist aber nicht so, wie jeder Kenner der Verhältnisse weiß. Wirklich orthodox ist nur der Rabbiner und ein kleinerer Teil der Gemeinde. Und die Mehrzahl? Die ist — friedliebend, so „mustergültig" friedliebend, daß sie Ja und Amen sagt zu allem, was der orthodoxe Rabbiner und sein Anhang ihr zu schlucken geben. Diese liberalen Herren gehen in ihrer „Mustergültigen" Friedensliebe so weit, daß sie Arm in Arm mit den Orthodoxen die Veröffentlichung eines liberalen Programms „bedauern und mißbilligen". Das ist kein Liberalismus, keine Toleranz und keine Friedensliebe mehr, sondern eine höchste bedauerliche — milde ausgedrückt — Nachgiebigkeit. Das heißt die Knute küssen, die einen schlägt. M Uns wird geschrieben: Stiftung D. Wassermann im Gesamtarchiv der deutschen Juden, Berlin. Herr Fabrikant D. Wassermann in München, dessen Freigebigkeit viele staatliche und städtische Sammlungen bayerischer geschichtlicher und künstlerischer Denkmäler reiche Förderung verdanken, hat dem Gesamtarchiv der deutschen Inden seine große Sammlung von abschriftlichen Materialien zur Geschichte der Inden in Bayern als Stiftung überwiesen. Es handelt sich nur Exzerpte und Abschriften von Urkunden und Akten, die Herr Wassermann selbst in jahrelanger

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